24-Stunden-Rennen: Hightech-Racer erobern Le Mans

Foto: Nissan

Le Mans ist das härteste Langstreckenrennen der Welt - und das perfekte Schaufenster für Hersteller, um neue Technologien zu zeigen. Dieses Jahr treiben sie es besonders bunt und fahren mit Hybrid-Racern und einem Gefährt, das den Rennsport umkrempeln könnte. SPIEGEL ONLINE ist vor Ort.

Wenn am Samstag in Le Mans der Startschuss zum 24-Stunden-Rennen fällt, wird der 13,5 Kilometer lange Kurs für einen Nachmittag, eine Nacht und einen Morgen wieder zum härtesten Testlabor der Welt.

Noch nie ging es in Le Mans einfach nur darum, schnell zu sein. Das mag die vielen kleinen Teams motivieren, die anreisen. Doch für große Hersteller war Le Mans stets die beste Bühne, um neue Technologien zu präsentieren - und zu beweisen, dass sie funktionieren. So nutzte beispielsweise Audi Le Mans geschickt, um die Benzineinspritzung oder das TDI-Prinzip zu bewerben. Was die 24 Stunden von Le Mans übersteht, so die Botschaft, das ist auch im ganz normalen automobilen Alltag belastbar.

2012 wird in dieser Hinsicht besonders spannend. Gleich drei Teams treten dieses Jahr mit neuen Konzepten an, die sich beim Langstreckenklassiker bewähren sollen. Audi rollt mit einem Diesel-Hybrid Prototypen in der LMP1-Klasse an den Start, Toyota feiert mit einem Benzin-Hybrid in der gleichen Klasse nach längerer Le-Mans-Abstinenz sein Comeback.

45.000 Umdrehungen pro Minute

Die Systeme arbeiten dabei komplett verschieden. Bei Audi wird die Bremsenergie an der Vorderachse durch eine sogenannte Motor-Generator-Einheit (MGU) abgenommen und an einen Drehmassenspeicher weitergegeben: Ein Schwungrad, das neben dem Fahrer im Innenraum gekapselt platziert ist, sich mit bis zu 45.000 Umdrehungen pro Minute dreht - und seine Energie bei Bedarf über die MGU wieder abgibt.


Bis zu 200 zusätzliche PS bekommt der etwas umständlich Audi R18 e-tron Quattro genannte Prototyp dann auf die Vorderräder und wird somit zu einem Allradler - allerdings nur für kurze Zeit. Denn das für die Hybrid-Prototypen aufwendig umgestaltete Reglement sieht den Einsatz der Bremsenergierückgewinnung (Rekuperation) nur in sieben festgelegten Zonen des Kurses vor. Auch für die Freisetzung der zurückgewonnenen Energie gibt es Auflagen. Sie darf erst ab Tempo 120 eingespeist werden - und ist auf 0,5 Megajoule begrenzt.

Audi-Pilot Allan McNish ist trotzdem begeistert. "Man spürt den zusätzlichen Schub von etwa 200 PS an der Vorderachse ganz deutlich". Ist der erlaubte Stromschlag aufgebraucht, wird der Audi wieder zum Hecktriebler, dann versieht der V6-Turbodiesel-Motor wieder seinen Dienst an der Hinterachse.

Ein Batmobil in Le Mans

Toyota wird bei seinem Hybrid-Konzept mit dem Namen TS 030 Hybrid konsequent auf Hinterradantrieb setzen. Ebenfalls andere Wege gehen die Japaner in Sachen Energiespeicher. Sie verwenden statt des Drehmassenspeichers Kondensatoren, um die beim Bremsen gewonnene Energie zu speichern. Kondensatoren funktionieren wie ein Akku - nur dass sie sehr viel schneller geladen werden können - und die Energie auch genauso schnell wieder abgeben.

Das Duell der beiden Hersteller und ihrer Systeme wird dieses Jahr sicher ein Highlight in Le Mans sein - die Schau wird ihnen aber garantiert ein Prototyp von Nissan stehlen. Der hat zwar keine zukunftsweisende Hybrid-Technologie an Bord, ist dafür aber in jeder anderen Hinsicht revolutionär. "Deltawing" nennt der japanische Hersteller sein Konzept, das wie eine Mischung aus Dreirad, Batmobil und Stealth-Bomber aussieht.

Die Idee des Deltawing-Projekts: Ein Auto zu bauen, das mit einem halb so großen Motor und bei halb so viel Benzinverbrauch annähernd so schnell ist wie die Prototypen der LMP2-Klasse, kurz, ein Rennauto zu schaffen, dass effizient ist und schnell - um Rennsport zukunftsfähig zu machen. Im Deltawing arbeitet deswegen ein lediglich 1,6 Liter großer Vierzylindermotor, der dank Turboaufladung zwar immerhin 300 PS leistet. Aber das ist eben nur etwas mehr als die Hälfte der Leistung, die der Konkurrenz zur Verfügung steht.

Das Geheimnis des Deltawing ist sein Design. Zum einen ist der Wagen mit einem Gewicht von nur 575 Kilogramm extrem leicht. Zum anderen bietet er nur wenig Luftwiderstand. Und vor allem setzt er nicht auf große Spoiler, sondern saugt sich dank eines cleveren Unterbodenkonzepts an die Straße an.

Das erstaunlichste daran ist aber, dass er sich trotz seines vollkommen unorthodoxen Fahrwerks mit zwei beängstigend dünnen, eng zusammen liegenden Reifen am Bug ersten Aussagen der Fahrer zufolge nicht grundsätzlich anders fährt als ein normaler Rennwagen auch. Die ersten Testläufe in Le Mans, wo der Deltawing übrigens außer Konkurrenz fährt, verliefen mehr als zufriedenstellend - bis am Donnerstagabend beim Überfahren eines Randsteins versehentlich der Feuerlöscher des Deltawing ausgelöst wurde und die Session beendete.

Wie sich der Nissan Deltawing und die Hybrid-Konzepte von Audi und Toyota in Le Mans schlagen, was die Techniker sagen, wie es in den Boxen der Teams aussieht, können Sie ab Freitag auf dem Facebook-Profil von SPIEGEL ONLINE Auto verfolgen. Denn wenn die Zukunft des Autos und die Zukunft des Rennsports in Le Mans um den Kurs rast, sind wir natürlich dabei.

mhe

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 22 Beiträge
Jonny_C 15.06.2012
Jetzt alle 3 Konzepte koppeln und man hat den "perfekten Rennwagen". ;-)
Zitat von sysopLe Mans ist das härteste Langstreckenrennen der Welt - und das perfekte Schaufenster für Hersteller, um neue Technologien zu zeigen. Dieses Jahr treiben sie es besonders bunt und fahren mit Hybrid-Racern und einem Gefährt, das den Rennsport umkrempeln könnte. SPIEGEL ONLINE ist vor Ort. Hybridautos starten beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,838715,00.html)
Jetzt alle 3 Konzepte koppeln und man hat den "perfekten Rennwagen". ;-)
Seffi 15.06.2012
Sieht schon mächtig skurril aus, der Nissan, erinnert mich - von der Position der Photographie - irgendwie an die alten Bilder von Opel in einem Raketenwagen auf der AVUS. Naja, bin gespannt, wie sich das Konzept auf die [...]
Zitat von sysopLe Mans ist das härteste Langstreckenrennen der Welt - und das perfekte Schaufenster für Hersteller, um neue Technologien zu zeigen. Dieses Jahr treiben sie es besonders bunt und fahren mit Hybrid-Racern und einem Gefährt, das den Rennsport umkrempeln könnte. SPIEGEL ONLINE ist vor Ort. Hybridautos starten beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,838715,00.html)
Sieht schon mächtig skurril aus, der Nissan, erinnert mich - von der Position der Photographie - irgendwie an die alten Bilder von Opel in einem Raketenwagen auf der AVUS. Naja, bin gespannt, wie sich das Konzept auf die Langstrecke hin bewährt, auch wenn er außer Konkurrenz fährt
Sherlock70 15.06.2012
So weit sind wir schon, daß Reifen unterhalb Treckerniveau als beängstigend dünn gelten? Woher kommt diese Angst? Das die Nachts im Schlaf in die Ohren krabbeln? Große breite Reifen verschlechtern den Verbrauch, das ist Fakt. [...]
So weit sind wir schon, daß Reifen unterhalb Treckerniveau als beängstigend dünn gelten? Woher kommt diese Angst? Das die Nachts im Schlaf in die Ohren krabbeln? Große breite Reifen verschlechtern den Verbrauch, das ist Fakt. Dieser Wahn wird dank der Spritpreise bald ein Ende haben.
ökos teuer 15.06.2012
--- "ob diese Rechnung funktionieren kann, soll der spektakuläre Nissan-Prototyp in Le Mans beweisen. --- ?
Zitat von sysopLe Mans ist das härteste Langstreckenrennen der Welt - und das perfekte Schaufenster für Hersteller, um neue Technologien zu zeigen. Dieses Jahr treiben sie es besonders bunt und fahren mit Hybrid-Racern und einem Gefährt, das den Rennsport umkrempeln könnte. SPIEGEL ONLINE ist vor Ort. Hybridautos starten beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,838715,00.html)
--- "ob diese Rechnung funktionieren kann, soll der spektakuläre Nissan-Prototyp in Le Mans beweisen. --- ?
HansB 15.06.2012
...der Autor hat wohl noch nie was vom "ADAC Zurich 24h-Rennen" am Nürburgring (aka "die grüne Hölle") gehört?
Zitat von sysopLe Mans ist das härteste Langstreckenrennen der Welt...
...der Autor hat wohl noch nie was vom "ADAC Zurich 24h-Rennen" am Nürburgring (aka "die grüne Hölle") gehört?
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
alles zum Thema Mobilität der Zukunft

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Freitag, 15.06.2012 – 08:00 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
  • Kommentieren | 22 Kommentare
Facebook

Zur Person
AP
Allan McNish, geboren am 29. Dezember 1969 in Dumfries, ist ein sehr erfahrener Motorsportler. Der Schotte fuhr bereits in der Formel Ford und der Formel 3. In der Formel 1 war er 2002 Testfahrer für Toyota. Zudem feierte McNish Erfolge in der Deutsche Tourenwagen-Masters (DTM) und beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Bei der Auflage 2011 war er an einem schweren Unfall beteiligt. McNish kollidierte mit einem langsameren Auto, sein Wagen flog durchs Kiesbett, stieg auf, schlug am oberen Rand der Leitplanke ein und überschlug sich.


Aktuelles zu



TOP



TOP