Neue Spritspartechnologie Hybrid für alle!

So oft es geht den Motor aus - auch während der Fahrt. Mit dem neu entwickelten "Riemenstarter-Generator" ist das besonders kostengünstig möglich. Bis zu 20 Prozent Sprit sollen so gespart werden. Die Branche ist elektrisiert.

Continental

Eben noch bei Null und nur ein paar Sekundenbruchteile später bei 3000 Touren: So schnell bewegt sich der Drehzahlmesser sonst nur bei Supersportwagen. Doch Christian Bottke sitzt nicht in einem Ferrari oder Lamborghini, sondern Bottke ist Entwickler bei Continental und fährt mit einem ganz gewöhnlichen Golf.

Zumindest sieht sein Prototyp aus wie ein herkömmlicher Kompaktwagen. Aber unter dem unauffälligen Blech steckt eine Technik, die in den nächsten Jahren eine kleine Spritspar-Revolution anzetteln könnte. Denn Bottke erprobt den preiswerten Hybridantrieb für die breite Masse: "48 Volt Eco Drive" heißt das System bei Continental und es steht für eine Art neuen Anlasser, wie er gerade von mehreren Zulieferern entwickelt wird.

Die gesamte Autobranche hat große Hoffnungen, weil diese Technologie als idealer Kompromiss zwischen den vergleichsweise wirkungsarmen Start-Stopp-Systemen und den noch immer relativ teuren Hybridantrieben gilt. Das System soll mit Einsparpotenzialen im zweistelligen Prozentbereich dabei helfen, den Flottenverbrauch ohne große Kosten auf die vom Gesetzgeber geforderten 95 g/km zu drücken.

Einfach mal abschalten

Dabei folgt das System einer ganz einfachen Annahme, sagt Oliver Maiwald aus dem Continental-Geschäftsbereich Powertrain: "Am meisten spart ein Verbrenner, wenn er gar nicht läuft." Deshalb schaltet der Eco Drive den 1,2 Liter großen Benziner im Prototyp bei jeder erdenklichen Gelegenheit ab. Und zwar eben nicht nur an der Ampel, wie eine Start-Stopp-Automatik, sondern auch während der Fahrt.

Kaum nimmt man den Fuß vom Gas, fällt der Drehzahlmesser auf null und das Auto beginnt zu segeln. Will man danach wieder beschleunigen, dauert es nur 0,2 Sekunden, und schon läuft der Verbrenner nahtlos mit. 20 bis 25 Prozent der Fahrleistung, so schätzen die Entwickler, kann man mit einem derart ausgerüsteten Auto im Alltag segeln und entsprechend Sprit sparen.

Dass der Motor so häufig abgeschaltet werden kann und dass er vor allem danach so schnell wieder auf Touren kommt, verdankt er einem sogenannten Riemenstarter-Generator anstelle der Lichtmaschine. Er hat mehr Kraft als ein konventioneller Anlasser und schleppt den Motor deshalb schneller auf höhere Drehzahlen, sodass der Neustart beim Fahren kaum mehr auffällt.

Zweites Stromnetz ist nötig

Dafür braucht der immerhin 20 PS starke Riemengenerator allerdings deutlich mehr Strom, als in einem konventionellen Auto mit Zwölf-Volt-Versorgung verfügbar ist. Deshalb ziehen die Entwickler ein zweites Bordnetz mit 48 Volt ein und montieren eine Lithium-Ionen-Batterie im Kofferraum. Da diese nur eine Kapazität von 0,5 kWh hat, braucht sie allerdings weder so viel Platz wie ein Hybrid-Akku, noch kostet sie so viel, rechnet Maiwald vor.

Aber der Eco Drive spart nicht nur durch die erweiterte Start-Stopp-Funktion und beim Segeln. Sondern mit der stärkeren E-Maschine und der größeren Batterie kann man auch wirkungsvoller rekuperieren, also mehr Bremsenergie zurückgewinnen und für den nächsten Riemenstart speichern.

Längere Start-Stopp-Phasen, Segeln auf der Autobahn und mehr Rekuperation - das summiert sich laut Continental zu einem Einsparpotenzial von 13 Prozent auf dem Prüfstand und über 20 Prozent beim Praxistest im Stadtverkehr.

Kosten von unter 1000 Euro

Was die 48-Volt-Technologie für die Fahrzeughersteller so reizvoll macht, ist aber nicht allein das hohe Einsparpotenzial. Es sind vor allem die vergleichsweise geringen Kosten des Systems: Mit einem Preis im hohen dreistelligen Bereich liege es zwar deutlich über einer etwa 150 Euro teuren Start-Stopp-Automatik. Aber gemessen an den rund 4000 Euro teuren Hybridsystemen ist der Eco Drive ein Schnäppchen.

Entsprechend groß ist das Interesse der Industrie. Continental macht deshalb bereits rosige Rechnungen für die Zukunft auf und rechnet damit, dass bald jeder zweite Teilzeitstromer mit 48-Volt-Technologie ausgerüstet ist. Bei einem Anteil elektrifizierter Neuwagen von 25 Prozent im Jahr 2025 ist das keine schlechte Perspektive für den Eco Drive.

Während Continental von der "Elektrifizierung nach Maß" schwärmt, beginnt damit für Rolf Bulander, der bei Bosch das Geschäftsfeld Mobility Solutions leitet und eine ähnliche Lösung als "Boost Recuperation System" (BRS) bewirbt, auch strategisch ein neues Zeitalter. Denn nachdem E-Maschine und Verbrenner bislang meist als Konkurrenten gehandelt worden seien, wachsen sie nun zu einem Team zusammen, sagte er kürzlich beim Wiener Motorensymposium und predigt die friedliche Eintracht zum beiderseitigen Nutzen: "Im Zusammenspiel mit dem Elektromotor hat der Verbrenner seine effizienteste Zeit noch vor sich."



insgesamt 462 Beiträge
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mipez 19.06.2015
1.
Noch mehr Verschleißteile, die mit ihren Wartungs- und Reparaturkosten den Nutzen für den Kunden in Frage stellen, man lehnt dankend ab.
amidelis 19.06.2015
2. Wir brauchen
Überhaupt keine verbrenner mehr. Tesla hat es vorgemacht - aber die Industrie die so fleißig per Werbung Bedürfnisse weckt hat gar kein Interesse ihre Industrieanlagen zur Herstellung von Verbrennungsmotoren einzumotten ! Und jeder Nerd der Ihnen das ermöglicht ist ihr bester Freund. Es ist die Schuld der großen Autohersteller dass die Konsumenten immer noch nach verbrennern rufen!!!
fuhbar 19.06.2015
3. ...
Wenn ich bei meinem konventionellen Benziner den Fuß vom Gas nehme und segle, sinkt der Spritverbrauch auch auf 0. Wo ist der Unterschied zum Abschalten? Wird der Motor mechanisch von der Antriebswelle getrennt, damit man einfacher rollt? Interessant klingt lediglich die Rekuperation, aber dafür schleppt man wieder eine Batterie mit.
forscher56 19.06.2015
4. Viele wollen aber gar nicht
Hieß das bis vor kurzem nicht "gleiten"? Egal, schon mit gleiten kann man 20% Sprit sparen. Während ich 1 km konstant "dahingleite", sehe ich anhand der Bremslichter mancher Fahrzeuge, dass die auf einem Kilometer 10 mal beschleunigen und 10 mal abbremsen.
Frank Zi. 19.06.2015
5.
Zitat von fuhbarWenn ich bei meinem konventionellen Benziner den Fuß vom Gas nehme und segle, sinkt der Spritverbrauch auch auf 0. Wo ist der Unterschied zum Abschalten? Wird der Motor mechanisch von der Antriebswelle getrennt, damit man einfacher rollt? Interessant klingt lediglich die Rekuperation, aber dafür schleppt man wieder eine Batterie mit.
Nein. Sie verwechseln Segeln mit Schubbetrieb. Wenn ich mit eingelegtem Gang den Fuss vom Gas nehme verbraucht der Motor im Schubbetrieb zwar keinen Sprit, dafür bremst der Motor aber merklich mit. Kupple ich aus und "segel", läuft der Motor mit Leerlaufdrehzahl weiter und verbraucht Sprit. Hier setzt dieses System an.
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