Luxus-Ableger von Hyundai Schluss mit günstig

Mit preiswerten Autos von hoher Qualität überzeugte Hyundai viele Kunden. Jetzt wollen die Koreaner mit ihrer Edelmarke Genesis die Oberklasse erobern. Das Topmodell G90 kommt der S-Klasse gefährlich nah - nur nicht in Europa.

Von

Christian Bittmann

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Auf dem Parkplatz vor dem Grand Hyatt in Seoul sieht es aus wie vor den meisten Luxushotels auf dieser Welt, beinahe zumindest. Wer genau hinschaut, entdeckt zwischen all den bekannten Luxuslimousinen von BMW, Mercedes, Audi und Lexus auch ein paar in Deutschland unbekannte Größen: Kia K9, Ssangyong Chairman und immer wieder einen Hyundai Equus. Wie es sich für eine stolze Automobilnation gehört, haben die drei koreanischen Marken ihre eigenen Luxuslimousinen am Start und sind damit von der lokalen Elite akzeptiert.

Hyundai reicht das nicht mehr. Der Marktführer will mit seinen Luxuslinern die Welt erobern und hebt dafür eine eigene Marke aus der Taufe. Toyota hat in den Neunzigerjahren Lexus gegründet, Nissan Infiniti, jetzt wollen so die Koreaner zunächst in Amerika, China, dem Mittleren Osten und in Russland den Luxus-Ableger "Genesis" etablieren.

Das Geschäft mit Luxusautos wirft weltweit mehr Profit ab als der Verkauf von Massenware. Nachdem Hyundai sich bislang vor allem über den Preis beliebt gemacht und zusammen mit der Schwestermarke Kia so unter die Top 5 der Weltrangliste gelangte, ist die Oberklasse für die Firma eine verlockende Aussicht, glaubt Automobilwirtschaftler Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch Gladbach: "Für Hyundai wird es angesichts steigender Löhne im Heimatland immer schwieriger, im Volumensegment die Produktivität zu erhöhen", sagt er. Selbst wenn es ein steiniger Weg in die Oberklasse sei, hält Bratzel ihn für richtig: "Sogenannte Premiummarken können aufgrund ihres hohen Imagewertes auch in niedrigeren Segmenten höhere Preise durchsetzen."

Europäisches Management für die koreanische Edelmarke

Neben dem 5,20-Meter-Schiff G90, dem im Sommer eine XL-Version mit noch mal mehr Radstand folgt, soll es bis zum Ende des Jahrzehnts noch fünf weitere Genesis-Baureihen geben. Je eine Limousine im Format von BMW Fünfer und Dreier, ein sportliches Coupé im Stil des Audi A5 und zwei Geländewagen wie Mercedes GLE und GLC - alle wahlweise mit Heck- oder Allradantrieb und jeweils mit der neuesten Technik bei Assistenz und Infotainment, stellen die Entwickler in Aussicht.

Außerdem gibt es zu den neuen Modellen auch ein neues Management, das dem Beispiel von Designchef Peter Schreyer folgend wieder mit großen Namen von bekannten Konkurrenten besetzt wird: Die Markenführung verantwortet deshalb der ehemalige Lamborghini-"Branddesigner" Manfred Fitzgerald, das Design der zuletzt bei Seat und Bentley federführende Luc Donkerwolke und die Fahrdynamik der von der BMW M GmbH abgeworbene Albert Biermann.

"Mit diesem Auto wollen wir allen zeigen, dass wir uns auch vor Mercedes oder BMW nicht mehr verstecken müssen", sagt der Ex-BMWler über das von 800 Ingenieuren in vier Jahren entwickelte Flaggschiff und bittet mit seinem Dienstwagen zur ersten Ausfahrt durch Seoul. Auf der Tour vom Flughafen in die Millionen-Metropole macht der große Gleiter, der außen wie ein Potpourri aus Audi, BMW und Mercedes wirkt, innen dafür aber modern und stilsicher eingerichtet ist, dabei tatsächlich eine ausgesprochen gute Figur.

Ein Bildschirm, von dem Mercedes, BMW und Audi nur träumen

Und zwar egal, ob man auf dem 22fach elektrisch verstellbaren Fahrersitz thront, der sich nach einem klinisch geprüften Verfahren zusammen mit Lenkrad, Spiegeln und Head-Up-Display erstmals auch automatisch in die perfekte Position bringt, oder ob man hinten rechts in einem Liegesessel lümmelt, für den sich der Beifahrersitz auf Knopfdruck fast ins Handschuhfach faltet, um genug Platz zu machen.

Nur von ganz fern hört man das Säuseln des neu entwickelten V6-Motors mit Direkteinspritzung und Doppelturbo, der den 2,5-Tonner mit 370 PS und 510 Nm mit Leichtigkeit beschleunigt. Das betont komfortabel ausgelegte Fahrwerk bügelt selbst die in Korea allgegenwärtigen Tempo-Schwellen glatt und lässt trotzdem auch eine engagiertere Gangart zu. Aerodynamik und Dämmung sind so gut, dass weder das Rauschen des Windes noch der Lärm der Großstadt ins Auto dringen.

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Und die Assistenzsysteme nehmen einem genau wie in S-Klasse oder Siebener auf der Autobahn so viel Arbeit ab, dass man die Hände nur noch gelegentlich ans Lenkrad legen muss und sich stattdessen fasziniert ums Infotainment kümmern kann. Denn die Grafiken auf dem 12,7 Zoll großen Cinemascope-Bildschirm sind so brillant dargestellt, so detailliert programmiert und so liebevoll animiert, dass man für die Straße ohnehin keinen Blick mehr übrig hat. Dagegen wirkt das Mäusekino bei Mercedes oder BMW wie ein Röhrenfernseher von Telefunken neben dem neuesten Curved-Screen von LG.

Wer wartet auf die neue Marke?

Trotzdem gibt es noch viele Fragen, die auch Marketingchef Woo nicht beantworten will. So lassen sich die Koreaner nicht den kleinsten Hinweis auf die Absatzplanung von Genesis entlocken. Doch zumindest aus der Heimat, wo die Preise für den G90 bei umgerechnet rund 55 000 Euro beginnen und ein gutes Drittel unter der S-Klasse liegen, können sie schon imposante Geschichten erzählen: Erst seit Dezember auf dem Markt, hat Hyundai dort bereits drei Viertel der Jahresproduktion von 20 000 Fahrzeugen verkauft und verhandelt mit den Gewerkschaften gerade über eine Verdopplung, sagt Biermann.

Ganz so leicht dürfte es im Ausland nicht werden, fürchtet Franz-Rudolf Esch, von der European Business School in Oestrich-Winkel. "Dass Hyundai gute Autos bauen kann, ist spätestens seit dem Kultvideo mit Martin Winterkorn auf der IAA ("Da scheppert nix") bekannt", räumt der Professor ein. "Aber der Schritt in den Premium-Markt ist dennoch ein großer."

Genesis zu einer starken und begehrlichen Marke zu machen, werde deshalb mindestens 15 bis 20 Jahre dauern und einen langen Atem erfordern. "Denn in dieser Preisklasse hat niemand auf eine neue Marke gewartet", sagt Esch und wertet Genesis als Prestigeprojekt, das die Koreaner einiges kosten werde. Doch es wäre ein Meisterstück, wenn es ihnen doch gelingen würde, macht sein Kollege Bratzel den Koreanern Mut.

Alles geht - außer Europa

Auch Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg Essen sieht für Genesis durchaus Chancen: "In Ländern wie den USA oder China, wo Premium anders als in Europa über das Preis-Wert-Verhältnis definiert ist, kann sich ein besserer Hyundai sehr wohl verkaufen", ist er überzeugt. "Nicht umsonst machen dort auch Lexus, Infiniti, Lincoln oder Cadillac gute Geschäfte." Für Europa dagegen sieht Dudenhöffer ebenfalls schwarz.

Kein Wunder also, dass Europa im Einführungszeitplan der Koreaner ganz weit hinten steht, obwohl es Fahrdynamiker Biermann kaum erwarten kann, bis der G90 seine Autobahn-Offensive startet. "Dort fehlt unserer Marke noch das nötige Image", räumt Marketingvorstand Woo ein. Zwar glaubt er fest daran, dass auch Europäer den G90 nach einer Probefahrt als ebenbürtige Luxuslimousine akzeptieren würden. "Aber dazu müssten sie erstmal einsteigen", sagt er in ungewohnter Offenheit.

Dem Vertrauen in die eigene Stärke tut das aber keinen Abbruch. Wer wissen will, wo Hyundai mit der Luxusmarke Genesis wirklich hin will, muss im G90 deshalb nur einmal aus der Navigationskarte heraus zoomen - und sieht plötzlich die ganze Welt.


Zusammengefasst: Hyundai will mit seiner eigenen Luxusmarke "Genesis" etablierte Hersteller wie BMW, Mercedes und Audi in der Oberklasse angreifen. Technisch kann der Wagen mit den Platzhirschen mithalten, aber beim Image hapert es. Deswegen wird er vorerst nur auf Märkten verkauft, in denen auch andere asiatische Edelmarken wie Lexus und Infiniti Erfolge feiern.



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Seite 1
andreasm.bn 26.01.2016
1. na beim Logo haben sie...
schon mal gut abgekupfert bei Bentley und Aston Martin. Ansonsten werden sie sich in Deutschland nicht durchsetzen, wie im Beitrag schon steht. Hier geht's nun mal nur über's Prestige, wie selbst VW mit dem Phaeton schmerzlich erfahren muß.
kalim.karemi 26.01.2016
2. Liest niemand mehr gegen?
Inhaltlich verlangt man ja nicht mehr viel, wenigstens sollte grammatikalisch alles stimmen, bzw. keine Worte fehlen. Sicher ein hervorragendes Auto, nur wer Luxus an der Größe des Monitors festmacht und dann noch behauptet, BMW und MB haben nichts entgegenzusetzen, sollte das Ressort wechseln.
teilzeitmutti 26.01.2016
3. Och Herr Grünweg
Keine Ahnung wo Sie her haben "Mit preiswerten Autos von hoher Qualität überzeugte Hyundai viele Kunden". Realität ist aber das die Fahrzeuge die Hyundai in den 90er-Jahren in Europa verkauft hat ziemlicher Schrott gewesen sind.
harleyfahn 26.01.2016
4. Die großen Hyundais sind
mir bei einem Korea-Besuch letztes Jahr sofort positiv aufgefallen. Ob sie hierzulande eine nennenswerte Konkurrenz zu BMW, MB oder Audi werden können, sei dahingestellt, aber Herstellern wie Renault, Peugeot, Opel oder Fiat werden sie eindrucksvoll aufzeigen, wie man Oberklasse-Autos baut. Etwas woran diese europäischen Marken seit Jahrzehnten grandios scheitern, scheint den Koreanern aus dem Stand zu gelingen.
signore 26.01.2016
5. Nun ja...
Ein schönes Auto, schon wahr. Dennoch fehlt es zumindest von außen an der Eigenständigkeit, finde ich. Von vorne ein Audi, von hinten eine S-Klasse und die Seitenansicht erinnert doch ziemlich an den 7er...
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