Dubiose Zulassungs-Strategie Dieser Ladenhüter trickst Kias Umweltbilanz schön 

Der Kia Soul EV ist das meistverkaufte Elektroauto in Deutschland, doch auf den Straßen ist es kaum zu sehen. Fast alle Exemplare werden nach Norwegen exportiert: ein Trick, um die CO2-Bestimmungen der EU auszuhebeln.

Von den manager-magazin.de-Redakteuren Nils-Viktor Sorge und

Elektroauto Kia Soul EV: "Die Autoindustrie manipuliert systematisch weiter"
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Elektroauto Kia Soul EV: "Die Autoindustrie manipuliert systematisch weiter"


Der Kia Soul EV ist ein eher gewöhnungsbedürftiges Auto: Eckig wie ein Kleiderschrank, maximal 145 Stundenkilometer schnell und mit 31.000 Euro auch nicht wirklich billig. Und doch ist der Van aus Korea laut offizieller Statistik Deutschlands beliebtestes Elektroauto. Immerhin 2459 zugelassene Exemplare in diesem Jahr bringen dem Soul EV den Spitzenplatz ein - vor dem Mitsubishi Outlander Plug-in-Hybrid und dem Golf GTE.

Allein im Oktober registrierte das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) fast 1000 neue Soul EVs. Wie kann das sein? Verzaubern die Koreaner mit diesem Gefährt wirklich die deutschen Autofahrer? Trifft Kia mit seinem unkonventionellen Elektroauto angesichts des VW-Abgasskandals den Zeitgeist am besten?

Weit gefehlt. Der Verkaufsschlager ist in Wahrheit ein Ladenhüter - zumindest in Deutschland. Denn kaum einer der registrierten Wagen fährt im Alltag auf deutschen Straßen. Doch mit den hohen Soul-EV-Zulassungszahlen schönen Kia und damit auch der Mutterkonzern Hyundai ihre Abgasbilanz - und hebeln auf diese Weise die EU-Grenzwerte aus.

Der Norwegen-Trick

Verkaufen lassen sich die vielen Kia Soul EV in Deutschland so gut wie gar nicht: Mangels Nachfrage wurden 2015 etwa 91 Prozent der Soul EVs auf Händler zugelassen, hat das CAR Center Automotive Research der Universität Duisburg ermittelt. Im Oktober lag der Wert sogar bei 99 Prozent. "Das ist ein in diesem Ausmaß völlig ungewöhnlicher Vorgang", sagt CAR-Center-Chef Ferdinand Dudenhöffer.

Ungewöhnlich ist das Vorgehen vielleicht, vor allem aber ist es kreativ: Denn Kia findet durchaus Abnehmer für sein Auto - und zwar in Norwegen. Ein Blick in die dortige Statistik zeigt: Dort haben Händler in diesem Jahr bereits 1400 gebrauchte Soul EV importiert. Und woher kommen die? "Von denen, die solche Autos in Deutschland nicht haben wollen", sagte Händler Per W. Haaland gegenüber dem norwegischen Boulevardblatt "Verdens Gang". Dagegen wurden nur 700 neue Soul EVs in Norwegen zugelassen.

In Norwegen ist die Nachfrage nach Elektroautos hoch, weil der Staat Käufern zahlreiche indirekte Steuern erlässt. Zudem dürfen die Wagen auf Busspuren fahren und kostenlos parken. Was läge also näher, als die Wagen aus Deutschland nach Norwegen zu verschiffen und dort als junge Gebrauchte auf den Markt zu werfen? Eine Kia-Sprecherin bestätigt gegenüber manager-magazin.de, dass der Kia Soul EV in Deutschland schwer verkäuflich ist.

Der Markt entwickle sich "aus diversen Gründen noch nicht so, wie vorausgesagt. Gleichzeitig gibt es jedoch andere Märkte, wie zum Beispiel Norwegen, wo die Nachfrage deutlich gestiegen ist". Die deutschen Kia-Händler "helfen anderen Märkten, der starken Nachfrage nachzukommen", so die Kia-Sprecherin.

Klingt großherzig, hat aber einen großen Vorteil für Kia und Hyundai: Da die im Nicht-EU-Land Norwegen nachgefragten Autos zunächst in Deutschland zugelassen werden, zählen sie als EU-Autos und machen die Flotte von Hyundai/Kia sauberer - zumindest auf dem Papier.

Geschönte Umweltbilanzen

Zwar geht es bei diesen Tricksereien nur um eine vierstellige Zahl von Elektroautos. Der Effekt ist dennoch deutlich spürbar, wie sich in einer aktuellen Auswertung des KBA nachlesen lässt. Demnach hat Kia im Oktober in Deutschland Autos mit einem durchschnittlichen CO2-Ausstoß von 112 Gramm pro Kilometer registrieren lassen. Den niedrigen Wert verdankt die Marke auch dem wundersamen Elektroauto-Boom mit 1000 Soul EV-Neuzulassungen in dem Monat. Im September lag Kia noch bei durchschnittlich 128 Gramm CO2. Damals wurden "nur" etwa 350 Kia Soul EV zugelassen.

Auf das Gesamtjahr gerechnet hat Kia den durchschnittlichen CO2-Wert seiner verkauften Autos auf immerhin 134 Gramm gedrückt - nach 142 im Vorjahr. Maßgeblicher Faktor: Der Norwegen-Trick.

So kann Kia auch den so wichtigen europaweiten CO2-Flottenausstoß des Gesamtkonzerns Hyundai-Kia senken. Laut Berechnungen der Organisation Transport & Environment für manager-magazin.de reicht der vorgebliche Verkauf von 4000 Kia Soul EV innerhalb der EU, um den Flottenausstoß des Autohersteller-Verbundes europaweit um ein Gramm zu senken. Dazu tragen auch sogenannte Supercredits bei, die das Gewicht von Elektroautos in der Gesamtrechnung erhöhen.

Abgaswerte liegen nur knapp unter dem Grenzwert

Das scheint auf den ersten Blick wenig, doch Hyundai-Kia muss tatsächlich um jedes Gramm CO2 kämpfen. Denn aktuell liegen die durchschnittlichen CO2-Werte seiner Neuwagen haarscharf an den gesetzlichen Grenzwerten, wie die Unternehmensberatung PA Consulting ermittelt hat.

In diesem Jahr werden die EU-weit verkauften Hyundai-Kia-Neuwagen durchschnittlich 130,1 Gramm CO2 pro Kilometer in die Luft blasen, prognostiziert PA Consulting. Der von der EU für den Autohersteller vorgegebene Höchstwert für die gesamte Neuwagenflotte der Koreaner liegt bei 131 Gramm. So knapp an der Grenze bewegt sich kein anderer großer Autohersteller.

Wer die Vorgaben verfehlt, muss eine Strafe zahlen. Ein Gramm kann laut Transport & Environment im schlimmsten Fall mit 70 Millionen Euro Strafe zu Buche schlagen. Davon bleibt Hyundai-Kia zunächst wohl verschont - dank der Norwegen-Mauschelei, aber auch, weil die EU-Behörden großzügig sind. Hersteller müssen die schmutzigsten Autos bisher noch nicht in die Kalkulation einbeziehen.

Doch gut fürs Image ist ein solcher Ritt am Grenzwert-Abgrund für Hyundai und Kia nicht. Auch deshalb machen sich die deutschen Scheinzulassungen bezahlt. Zwar bleibt beim Weiterverkauf der Soul EVs als junge Gebrauchtwagen in Norwegen deutlich weniger Gewinn übrig als beim klassischen Neuwagengeschäft. Die damit verbundenen Einbußen nimmt Hyundai-Kia aber zugunsten einer besseren Klimabilanz in Kauf.

"Autohersteller scheinen unfähig, verantwortungsvoll zu handeln"

"Die Autoindustrie manipuliert systematisch weiter", erregt sich Abgasexperte Greg Archer von Transport & Environment über Hyundais Trick. Während Politiker auf dem Pariser Klimagipfel die Erderwärmung in den Griff bekommen wollen, "scheinen die Autohersteller unfähig, verantwortungsvoll zu handeln. Stattdessen tricksen sie die Gesetze aus".

Der Norwegen-Trick ist legal, wie ein KBA-Sprecher gegenüber manager-magazin.de bestätigt. Jedes in Europa zugelassene Fahrzeug werde "von demjenigen Mitgliedstaat, in welchem die Neuzulassung erfolgte, für das CO2-Monitoringverfahren erfasst und der EU-Kommission gemeldet". Dabei spiele die "weitere Verwendung beziehungsweise der weitere Verbleib des Fahrzeuges ebenso wie der Halter des Fahrzeuges - ob Händler oder nicht - keine Rolle".

Eine kreative Zulassungspolitik allein wird Hyundai bei seinem großen CO2-Problem langfristig aber nicht helfen. Wenn die Koreaner so weitermachen wie zuletzt, verfehlen sie in einigen Jahren die EU-Grenzwerte deutlich. Bis 2021 müssen sämtliche Hersteller in der EU ihre CO2-Emissionen bei Neuwagen nochmals empfindlich senken - im Schnitt auf 95 Gramm je Kilometer.

Bei Hyundai-Kia lief es zuletzt jedoch genau in die umgekehrte Richtung: Im vergangenen Jahr sind die durchschnittlichen CO2-Emissionen von Hyundai-Kias EU-Neuwagenflotte sogar leicht gestiegen, zeigt die Studie von PA-Consulting - anders als bei allen Konkurrenten. "Hyundai und Kia bieten noch wenige alternative Antriebe an, und das Käuferverhalten hat sich in Richtung stärkere Motoren und SUVs verschoben", meint dazu PA-Automobilexperte Thomas Göttle. Die Koreaner hätten solide Technologie, aber eben nur wenig Innovationen bei der Motorisierung anzubieten.

Ändern die Koreaner nun nicht den Kurs, werden sie laut PA-Consulting-Prognose die EU-Vorgaben im Jahr 2021 um 4,5 Gramm CO2 verfehlen. Dann drohen ihnen Strafzahlungen in Höhe von über 300 Millionen Euro pro Jahr sowie eine kräftige Image-Delle als schmutziger Autohersteller. Um die strengeren EU-Vorgaben im Jahr 2021 einzuhalten, muss sich Hyundai-Kia deshalb in den kommenden Jahren mächtig ins Zeug legen, meint Göttle.

Kia sieht sich auf gutem Weg

Kia selbst sieht sich auf gutem Weg. Bis zum Jahr 2020 will der Hersteller nach eigenen Angaben weltweit elf emissionsarme Fahrzeuge auf den Markt bringen. Dafür werde das Unternehmen gut zehn Milliarden Dollar investieren.

Viel Geld sparen könnten die Koreaner, wenn sie bei der Motorenentwicklung zu einer Kooperation mit einem Konkurrenten entschließen. Doch eine solche Allianz entsprach bisher nicht der Strategie von Hyundai-Kia, die bisher viel lieber im Haus entwickelt haben. Wie auch immer Hyundais Europa-Team das drohende CO2-Problem löst, einige harte Sitzungsrunden im Firmensitz in Seoul stehen wohl noch an.

Eines steht jedenfalls jetzt schon fest: Ein paar Tausend Phantomautos wie der Kia Soul EV werden nicht reichen, um Hyundais CO2-Bilanz bis 2021 in Ordnung zu bringen.

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insgesamt 139 Beiträge
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Seite 1
marcnu, 26.11.2015
1. Es zählt wieder nur die Anmeldung,
die realen Bedingungen werden nicht berücksichtigt. Das kommt mir doch irgendwie bekannt vor.
dpm-munich 26.11.2015
2. lustig...
man könnte die autos ja auch mit den entsprechenden absatzförderungsprogrammen bei uns verkaufen. mir ist so als ob das auch nicht teurer wäre
Stega 26.11.2015
3. Die Autoindustrie kann nur tricksen
weil sie mit Otto-Normalverbraucher unter einer Decke steckt. Sind wir doch ehrlich, der Durchschnitts-Deutsche hält Rücksicht auf zukünftige Generationen für Blödelkram. Was zählt ist vor allem der Komfort jetzt und hier.
battex 26.11.2015
4. Wo ist jetzt das Problem?
Wusste gar nicht, dass CO2 durch die EU-Außengrenzen nicht hindurchkommt. Spielt doch keine Rolle, ob das Auto jetzt in Norwegen oder in Deutschland die Umwelt schont...... Mal ne andere Frage: Wie sieht denn der Flottenverbrauch bei den deutschen Premiumherstellern aus?
patrick6 26.11.2015
5. Elektro-Autos
Zitat: "vor dem Mitsubishi Outlander Plug-in Hybrid und dem Golf GTE" Das sind beide keine Elektro-Autos, beide haben einen Verbenner unter der Haube, der Elektromotor ist nur eine Fahrhilfe und die Autos dürften damit eigentlich nicht herangezogen werden.
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