Aus Frankfurt am Main berichten Tom Grünweg und Jürgen Pander
"Das vergangene Jahr war zerstörerisch für die Autoindustrie", sagt Ford-Europa-Chef John Fleming. "Die Krise ist noch nicht überstanden", erklärt VW-Konzernlenker Martin Winterkorn. "Wir wissen, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben", verkündet GM-Europa-Chef Carl-Peter Forster. Zum Auftakt der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt am Main schwankten zahlreiche Vorstände in ihren Redetexten irgendwo zwischen Skepsis und Optimismus, wobei natürlich stets durchklingt, dass man ja eigentlich alles richtig gemacht hat.
Am Dienstagmorgen, auf der ersten Pressekonferenz der 63. IAA, hatte BMW-Chef Norbert Reithofer das zentrale Motto ausgegeben. "Wir sind das nachhaltigste Automobilunternehmen der Welt", erklärte er, und berief sich dabei auf den aktuellen "Dow Jones Sustainability Index", der vor wenigen Tagen BMW für den besonders sparsamen Umgang mit Ressourcen lobte. Schon bei VW hatte es am Montagabend ähnliche Töne gegeben. Die Wolfsburger erheben ebenfalls Anspruch auf den Titel des Öko-Primus. "Wo früher PS und Zylinder gezählt wurden, schauen die Menschen heute auf Verbrauch und CO2-Ausstoß", will VW-Chef Winterkorn erkannt haben.
Auch bei Mercedes in der Festhalle, wo in den vergangenen 64 Tagen ein imposanter Messestand aus 422 Tonnen Stahl und einer mehr als 5000 Quadratmeter großen Gaze-Hülle (das entspricht 35 Fußballfeldern) entstand, pocht man auf die Führerschaft in Sachen umweltbewusste Fortbewegung. "Es ist Wahlkampfzeit, da wird ja viel versprochen", begann Daimler-Chef Dieter Zetsche seine Ansprache. "Wir aber halten, was Carl Benz schon vor hundert Jahren versprochen hat, nämlich vom Guten nur das Beste anzubieten. Und jetzt auch noch das Grünste."
Mager ist in
Ex-Eislaufstar Kati Witt und Formel-1-Rennfahrer Lewis Hamilton in Reihe eins der Gästeschar erlebten dann, wie die S-Klasse mit Plug-in-Hybridantrieb auf die Bühne rollte. Das Auto soll bis zur nächsten Generation des Flaggschiffs serienreif sein. Keinerlei grünen Touch hat hingegen der neue Supersportwagen SLS von Mercedes-AMG. Dieses Auto soll direkt ins Herz der Traditionalisten treffen, die noch immer dem legendären Flügeltürer aus den fünfziger Jahren hinterhertrauern. Immerhin wird es den Wagen später auch in einer Elektro-Variante geben.
Eine ähnliche Doppelstrategie - das eine tun, aber das andere nicht lassen - verfolgt auch Rivale Audi. Die Ingolstädter präsentieren den Brachial-Roadster R8 Spyder mit konventionellem 5,2-Liter-V10-Motor mit 525 PS. Zugleich aber zeigten sie auch die Strom-Variante E-Tron, ein Coupé mit vier Elektromotoren, die in Summe 313 PS leisten und das Auto in 4,8 Sekunden von 0 auf 100 katapultieren. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 200 km/h begrenzt, die Reichweite soll 248 Kilometer betragen. Ende 2012 sollen zunächst die ersten zehn Autos auf die Straße kommen. "Dann sollen es hundert werden, und wenn es der Markt hergibt, auch tausend", sagte Audi-Entwicklungsvorstand Michael Dick.
Die Krise wird man mit derartigen Auto-Orchideen nicht überwinden, doch können sie als prototypisch für die Strategie gelten, die nahezu alle Hersteller gewählt haben: Fahrzeuge mit sparsameren Verbrennungsmotoren und zunehmend auch Elektroautos sollen die Branche zu neuer Blüte bringen. Mercedes etwa reklamiert, den durchschnittlichen CO2-Ausstoß aller verkauften Autos im ersten Halbjahr 2009 um 14 Gramm gesenkt zu haben; Opel wieder verkündet, die Motoren für den neuen Kompaktwagen Astra seien um durchschnittlich zwölf Prozent sparsamer geworden.
Solche Statistiken sind mit Vorsicht zu genießen. Nach einer anderen Lesart pusten deutsche Autos im Schnitt weiter mehr CO2 in die Luft als alle anderen in Europa hergestellten. Das ergab eine am Dienstag in Brüssel vorgestellte Erhebung des europäischen Verbands für Verkehr und Umwelt Transport & Environment (T&E).
Es geht ums Image
Auch VW spielt die grüne Karte. Während der Pressekonferenz tanzten drei Dutzend blau gewandete Tänzerinnen und Tänzer über die Bühne, während die neuen Blue-Motion-Modelle der Baureihen Polo und Golf aus der Kulisse heranrollten. Das Neue übrigens ist die Start-Stopp-Technik, die nun auch in Modellen aus Wolfsburg verfügbar ist. Als Höhepunkt der Sparsamkeit rollte dann auch noch das Ein-Liter-Auto L1 - nicht zu verwechseln mit dem VW-Ein-Liter-Auto 1L aus dem Jahre 2002 - in die Mitte.
Der Zweisitzer nach Art des Messerschmitt Kabinenrollers wirkte ziemlich mickrig zwischen Polo und Golf, doch für VW-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg ist der Autozwerg das derzeit Größte in Sachen Sparsamkeit. Gleichwohl wird ein Fahrzeug dieses Typs wohl niemals gebaut. "Es geht um Kompetenzgewinn", erklärte Hackenberg. "Die Technologie des L1 wir ab 2011 serienreif sein."
Wenn das alles so zutrifft, müsste es in zwei Jahren vor neuen, nahezu schadstofffreien Autos bei den Autohändlern nur so wimmeln. VW Sparvarianten, das Elektroauto Opel Ampera, diverse Hybrid-Modelle und auch schon zahlreiche Elektroautos insbesondere von Renault, Peugeot und japanischen Herstellern. Das sollte optimistisch stimmen - doch die Skepsis bleibt. Schließlich war auch schon die IAA 2007 die angeblich grünste Messe aller Zeiten.
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