Telefonate, SMS, Musik Start-up erfindet Lösung fürs Handy am Steuer

Handys am Steuer verursachen Unfälle. Ein Berliner Start-up präsentiert auf der IFA nun Chris - einen intelligenten Sprachassistenten, der dem Fahrer Nachrichten und Telefonate im Auto abnimmt.

Chris

Von Haiko Prengel


Beifahrer können ziemlich nervig sein. Aber wenn sie einem das Schreiben von SMS und WhatsApp-Nachrichten am Steuer abnehmen, sind sie ziemlich nützlich. "Hey Chris, wie viele Nachrichten habe ich?", fragt Holger Weiss, während er seinen alten VW Touran startet, um zur Arbeit zu fahren. "Du hast 83 neue Nachrichten", lautet die Antwort von seinem digitalen Kumpel Chris.

Chris klebt an der Windschutzscheibe, ungefähr so wie ein mobiles Navigationsgerät. Der Mini-Computer erlaubt es dem Unternehmer, sein Auto durch den dichten Verkehr zu manövrieren und trotzdem E-Mails zu beantworten. Dank Sprachsteuerung alles legal, das Hantieren mit dem Handy ist im Auto bekanntlich verboten.

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Handy am Steuer: Chris für alle Fälle

Der 48-Jährige ist Geschäftsführer und Mitgründer von German Autolabs. Das Start-up aus Berlin-Kreuzberg hat mit Chris ein vielversprechendes Produkt für den Kfz-Zubehörmarkt entwickelt: einen Sprachassistenten speziell für Autofahrer, der via Spracherkennung und Gestensteuerung Messaging, Telefonate, Navigation und Musikabspielen im Auto ermöglicht - ohne dass Autofahrer ihr Smartphone anfassen müssen, um zu kommunizieren. Andere Nachrüstsysteme auf dem Markt böten dagegen nur Teillösungen an, zum Beispiel, um Musik per Bluetooth anzusteuern, so Weiss selbstbewusst. Auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin, die am Mittwoch endet, stellt German Autolabs seine Erfindung zum ersten Mal der Öffentlichkeit vor.

Ablenkung spielt als Unfallursache eine ähnlich große Rolle wie Alkohol

Geräte wie der digitale Assistent Chris könnten dabei helfen, ein ernstes Problem zu bekämpfen: die weit verbreitete und gefährliche Nutzung von Smartphones am Steuer. Laut Bundesverkehrsministerium ist inzwischen jeder zehnte Verkehrstote auf Ablenkung zurückzuführen, zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Allianz Versicherung von 2016.

Auch Holger Weiss von German Autolabs konnte die Finger vom Smartphone nicht lassen. "Obwohl es verboten ist, habe auch ich an der roten Ampel oft das Handy in der Hand gehabt, um schnell auf eine Nachricht zu antworten", gibt der Betriebswirt zu. "Mich hat das immer gestresst." Auch Patrick Weissert war sich des Problems bewusst. Weissert, der für Vodafone arbeitete, wurde Weiss durch einen gemeinsamen Freund vorgestellt. Die beiden Männer gründeten schließlich 2016 das Start-up German Autolabs.

Vor allem die Konstruktion der Hardware entpuppte sich als Herausforderung: In dem 250 Gramm schweren Hightech-Gerät mit Aluminiumgehäuse befinden sich eine Speicher- und Prozessoreinheit, fünf Mikrofone sowie ein hochauflösender Gestensensor. Infotainment und Navigation mit Gestensteuerung werde bisher meist nur in der automobilen Oberklasse - etwa im BMW 7er - angeboten, sagt Holger Weiss. Die Kombination aus Gesten- und Sprachsteuerung mache Chris indes weltweit einmalig.

Erfindung wird in einem Karmann Ghia präsentiert

Der Großteil der Deutschen fährt aber keine fabrikneuen Oberklassewagen, sondern im Schnitt knapp zehn Jahre alte gebrauchte. Die sind weit davon entfernt, mit Sprachassistenten in Serie ausgerüstet zu sein. Damit das System funktioniert, benötigt der Assistent ein bluetoothfähiges Smartphone mit den Betriebssystemen Android 4.4/ iOS 10 oder höher. Das Auto selbst muss dagegen nicht Bluetooth kompatibel sein. Für ältere Fahrzeuge ist als Zubehör ein Transmitter erhältlich, der Chris per FM-Frequenz mit dem Auto verbindet.

Auf der Ifa in Berlin stellt German Autolabs seine Erfindung in einem Karmann Ghia vor, also einem Sportwagen aus den Fünfzigerjahren. FM-Transmitter sind praktisch kleine Radiosender, mit denen man digitale Musik auf Smartphones oder Tablets per UKW-Funk umwandeln und auf das Autoradio übertragen kann. Störungen können vorkommen. Die erste Produktvorführung von German Autolabs beschränkte sich auf das Berliner Stadtgebiet mit ausgezeichnetem Empfang - und war damit sicher kein repräsentativer Test.

Nach dem offiziellen Launch auf der Ifa wird Chris zu einem Preis von rund 300 Euro erhältlich sein. Die Messaging-Funktionen beschränken sich zunächst auf SMS und Anrufe, noch im September soll der Dienst um WhatsApp-Nachrichten erweitert werden, "perspektivisch" auch um E-Mails, wie das Unternehmen erklärt. Der FM-Transmitter kostet 30 Euro. Upgrades von App und Software sollen kostenlos sein.

Kritiker bemängeln die fehlende Fahrzeugintegration der Hardware. Wie Handys oder externe Navis auch, klebt Chris klassisch an der Windschutzscheibe, also mitten im Sichtfeld des Fahrers. Dadurch kann der digitale Beifahrer erheblich vom Verkehr ablenken, vor allem durch häufiges Wischen über die Gestensteuerung. Zudem sind durchaus schon funktionierende Sprachassistenten auf dem Markt erhältlich. Etwa Siri von Apple oder OK Google, das auch im Pkw mit Android Auto funktioniert. Wenn man über ein Smartphone mit einem guten Sprachassistenten und Navi (zum Beispiel via Google Maps) verfügt, muss sich der Mehrwert von Chris noch zeigen.

"Hey Chris, spiele Musik!"

Bei German Autolabs wird an erweiterten Hardwarelösungen gearbeitet. Mittelfristig könnte das intelligente System ab Werk und integriert in Neufahrzeuge eingebaut werden. Man sei schon mit Herstellern im Gespräch, heißt es. Der Mitarbeiterstamm des Start-ups ist inzwischen auf über 30 Kollegen angewachsen, außer in Berlin hat es noch einen Standort in Palo Alto, Kalifornien.

"Hey Chris, spiele Musik!" Holger Weiss kämpft sich weiter durch den zähen Berliner Stadtverkehr. Die wichtigsten Anrufe und Nachrichten hat er seinen Sprachassistenten inzwischen beantworten lassen, jetzt ist Zeit für etwas Entspannung. "Okay, was möchtest du hören?", antwortet der digitale Beifahrer. "Coldplay", sagt Holger Weiss. Chris gibt keine Widerworte.



insgesamt 48 Beiträge
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ElOmda 05.09.2018
1. Ablenkung
ist das auch. Der Mensch ist im Straßenverkehr genug gefordert. Lesen und schreiben von nachrichten sollten während der fahrt und solange der Motor läuft nicht nur verboten sein, sondern wesentlich höher geahndet werden. Die gefahren für andere Verkehrsteilnehmer sind zu groß. Ob Taxifahrer, Betriebsfunk, Freisprecheinrichtung oder Busfahrer die zugleich Reiseleiter sind, es ist der Mensch der da Fehler macht. Meist nur einmal und zum Schaden anderer. Also: Weg damit.
sdietze 05.09.2018
2. So ein Quatsch!!!
Telefonieren kann man mit einem Headset oder ähnlichem. Keine geschriebene Nachricht ist so dringend, dass man sie nicht ein paar Minuten später lesen oder beantworten könnte. Ich fahre mit einer Freisprecheinrichtung und merke oft, dass ich abgelenkt bin. Nur durch telefonieren, noch nicht mal wählen oder gar Nachrichten. Auch Fußgänger sind manchmal so vertieft, dass sie nicht rechts und links sehen, wenn sie die Straße betreten. Also so ein Sch---gerät sollte auf dem Markt nicht zugelassen werden. Ach, übrigens: diese Position von Chris oder Navis sollte auch verboten werden. Die Windschutzscheibe ist zum durchgucken, damit man andere Verkehrsteilnehmer sieht, und nicht zur Befestigung von Zusatzgeräten.
dasfred 05.09.2018
3. Wenn schon Smartphone im Auto,
dann lieber so. Jeder Unfall, der verhindert wird, weil der Fahrer nicht aufs Display schauen muss, ist das Geld wert. Trotzdem sollten sich Autofahrer im klaren sein, dass der Verkehr die volle Aufmerksamkeit erfordert. Außer Hintergrundmusik ist alles andere nur fatale Ablenkung.
wally76 05.09.2018
4. Siri ist NICHT geeignet
Siri kann nur die neuen, ungelesenen E-Mails vorlesen, aber nicht vernünftig im gesamten Posteingang navigieren. Also z. B. Sprachbefehle wie: Nächste Mail vorlesen - Abbrechen, Mail löschen - Antwort an alle - Mail verschieben in Postfach erledigt... Das wäre auf langen eintönigen Autobahnfahrten wirklich hilfreich. Kriegt man in ein paar Stunden echt eine Menge von den Hacken. Und Zugfahren ist keine Alternative, wenn man in die Pampa muss. Klar, Chris kann Mail auch noch nicht, aber ist ja wohl geplant.
Zauderer 05.09.2018
5. FM-Transmitter
Ein FM-Transmitter sendet das Signal direkt an das eigene Autoradio, deswegen ist es herzlich egal, ob man gerade einen guten UKW-Radioempfang hat. Und selbst wenn das analoge Radio mal komplett abgeschaltet wird, funktioniert das Ganze immer noch. Zu Siri und Co: Ich habe eine Zeitlang versucht, Whatsapp-Nachrichten per Sprache einzugeben und zu verschicken, aber Siri war immer so langsam und fehleranfällig, dass ich es irgendwann wieder gelassen habe. Was ich stattdessen wieder mache, sage ich aber nicht.
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