Vorstoß von Ikea, Nestlé & Co. Konzerne fordern schärfere Abgasregeln für Lkw

Der CO2-Ausstoß von Lkw muss scharf begrenzt werden - das verlangen ausgerechnet Industriegiganten wie Ikea, Siemens, Nestlé und DB Schenker in einem Brief an die EU-Kommission. Die Autolobby hält dagegen.

Lkw auf einer deutschen Autobahn
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Lkw auf einer deutschen Autobahn

Von , Brüssel


Es kommt nicht alle Tage vor, dass Industriekonzerne die EU-Kommission um strengere Regeln für Lkw-Abgase bitten - besonders, wenn ihr Geschäft vom Lkw-Verkehr abhängt. Genau das aber geschieht nun: Mehrere Großunternehmen, darunter das Konsumgüter- und Einzelhandelsunternehmen Tchibo, der Möbelhersteller Ikea, der französische Supermarkt-Riese Carrefour, der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern Nestlé, die Transportkonzerne DB Schenker und Alstom und der Mischkonzern Unilever, fordern von der EU-Kommission ein stärkeres Engagement für den Klimaschutz. Und das gehe nur, wenn man sich den Verkehrssektor vornehme.

Der sei nach wie vor "Europas größtes Klimaproblem", schreiben die Unternehmen an Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und mehrere seiner Kommissare. Der Verkehrssektor sei mittlerweile für 27 Prozent des gesamten Treibhausgas-Ausstoßes der EU verantwortlich. Besonders schlimm seien Lkw: Schwere Nutzfahrzeuge machten bereits ein Viertel aller Abgase des Straßenverkehrs aus - Tendenz steigend. Laut Berechnungen der EU-Kommission wird der Treibhausgas-Ausstoß der Lastkraftwagen von 2015 bis 2030 um 28 Prozent zulegen. Wenn die EU die selbst gesteckten Klimaschutzziele einhalten wolle, "müssen verkehrsbedingte und durch Lkw verursachte Emissionen dringend gesenkt werden", heißt es in dem Brief, der dem SPIEGEL vorliegt.

Hier ist der Brief nachzulesen:

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Viele Spediteure, Verlader und Transportfirmen würden bereits freiwillig ihre CO2-Emissionen senken, doch man benötige günstige Rahmenbedingungen - und CO2-Grenzwerte gehörten "zu den effektivsten Maßnahmen". Die Konzerne fordern, dass der Spritverbrauch von Sattelschleppern bis zum Jahr 2025 um 24 Prozent gesenkt werden soll. Einen entsprechenden Vorschlag solle die Kommission noch in der ersten Hälfte dieses Jahres vorlegen.

Lobbyschlacht in vollem Gang

Das wird ohnehin geschehen: Die Behörde arbeitet derzeit an neuen Vorschlägen zur Regulierung der Lkw-Abgase und wird sie voraussichtlich Mitte Mai präsentieren. Wie genau sie aussehen werden, ist noch offen - aber die Lobbyschlacht ist inzwischen voll entbrannt.

Der europäische Autohersteller-Verband (ACEA) etwa schlägt in einem Positionspapier vom März zwar ebenfalls eine Senkung der CO2-Emissionen von Lkw vor - allerdings nicht um 24, sondern um lediglich sieben Prozent bis zum Jahr 2025. Bis 2030 könne man eine Reduzierung um 16 Prozent erreichen, meint Acea - und auch das nur "zu hohen, aber akzeptablen Kosten".

Ikea, Nestlé und die anderen Unterzeichner des Briefs an die Kommission betonen dagegen, dass sich der Spritverbrauch von Sattelzugmaschinen bis zum Jahr 2030 um satte 43 Prozent senken lasse. Die dafür notwendigen Investitionen würden sich nach nur zwei Jahren amortisieren, schreiben sie unter Berufung auf ein Papier des International Council of Clean Transportation (ICCT).

Autohersteller wollen Geld vom Staat

Acea aber will dennoch einen Teil der Kosten für die Umstellung auf umweltfreundliche Antriebe an den Steuerzahler weiterreichen. Die EU-Staaten müssten nicht nur in Ladestationen und Tankstellen investieren, sondern auch "Unterstützungsprogramme und Anreize schaffen, um den Verkauf von Lkw mit alternativen Antrieben zu stimulieren". Obendrein fordert der Verband Erleichterungen bei der Eurovignette. Zwar begrüße man den Vorschlag der Kommission, den CO2-Ausstoß bei der Autobahnabgabe künftig zu berücksichtigen - aber nur, wenn der von der Gütertransport-Industrie eingesammelte Gesamtbetrag nicht steigt.

Und überhaupt sei es nicht sinnvoll, allgemeingültige Regeln zum Kohlendioxid-Ausstoß für alle Lkw über 3,5 Tonnen einzuführen. Schließlich gäbe es "buchstäblich Tausende von Größen und Formen" von Lkw, schreibt Acea. Der Verband schlägt deshalb eine Art Emissionshandelssystem vor, in dem CO2-Guthaben zwischen Lkw-Untergruppen hin- und hergeschoben werden können. Allerdings seien besonders umweltfreundliche Lkw auch besonders teuer - weshalb es für sie "Super-Guthaben" geben müsse.

Immerhin: Der Brief von Ikea, Nestlé und Co. an die Kommission zeige, "dass nicht nur Umweltverbände, sondern auch namhafte und sehr unterschiedliche Industrievertreter, Akteure aus dem Transportbereich und der Logistik von ambitionierten Lkw-Verbrauchsgrenzwerten profitieren werden und solche einfordern", meint etwa Dietmar Oeliger vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Einen Großteil der Verantwortung sieht er in Deutschland: "Mehr noch als bei Autos wird der Lkw-Markt von deutschen Akteuren bestimmt: Mercedes-Benz, sowie MAN und Scania, die im Besitz der Volkswagen AG sind, dominieren das Geschäft", so Oeliger. "Daher wird es auch sehr darauf ankommen, wie die Bundesregierung agiert."

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micromiller 12.04.2018
1. Starkes Stück !
Ausgerechnet die Nahrungsmittelkonzerne mit ihren überzuckerten, übersalzenen und Acrylamid reichen teilweise sehr ungesunden Produkten blasen in das Umwelthorn. Es ist an der Zeit, dass die EU hier klare, verbindliche Regeln einführt, auch sollte der PH Wert der Mineralwasser auf den Flaschen angegeben werden und die mit viel Zucker und Zitronensäure aufgepeppten Drinks .. mit eindeutigen Inhaltsangaben versehen werden... die Lebensmittelindustrie ist eine Grossbaustelle.
see_baer 12.04.2018
2. die Physikalischen Regeln gelten auch für Ikea und Co
Wie wäre es mal , über Just Intime und ähnliches nachzudenken? Leerfahrten und Halbauslastungen zu vermeiden? An den heutigen ausgereiften LKW Motoren wird nicht mehr viel zu gewinnen sein. ABER MAN MACHT EINE GUTE PR
Fxxx 12.04.2018
3. Ausgerechnet Nestle!
Gentechnisch verändertes Essen, Kinder auf Kakao-Plantagen, Tierversuche, Regenwaldzerstörung und vieles mehr. Doch Nestle - Preisträger des Black Planet Awards - ist besorgt wegen der Emissionen der LKW in der EU? Für mich klingt das wenig überzeugend.
MeinungVonMir 12.04.2018
4. Die Konzerne haben es doch in der Hand?
Warum verladen die Konzerne ihre Waren dann nicht auf die Bahn? Damit würden sie ja selbst einen entsprechenden Beitrag leisten. Als Staat könnte man doch simpel jeglichen Transitverkehr verbieten und zwingend auf die Bahn verladen. Dann würden nur noch Lieferungen im oder ins Land auf der Straße erfolgen und der Transitverkehr über Schiene...
joes.world 12.04.2018
5. Hervorragend!
Es mag eine Marketing-Idee sine, aber endlich eine mit Sinn. Werben und Gutes tun - hervorragend. Allerdings ist die Autolobby viel stärker als die dieser Konzerne. Und bestens mit den zuständigen Ministern vernetzt. Und mach einer ist ja nach dem Aussscheiden aus der Politik nachträglich nicht schlecht gefallen.... Es ist nicht mehr hinzunehmen, dass LKWs die Straßen zerstören (im Winter sind LKWs für den Straßenbelag einfach Gift), nur weil es so billig ist, dass man Milch aus Norddeutschland in Süddeutschland verkauft. Und andere Idiotien. Tranporte auf der Straße müssen einen höheren Preis kosten. Und das tut es, wenn man sie zu besseren Abgaswerten verpflichtet. Denn das kostet. Und rettet nebenbei Menschenleben. Aber bei uns ist ein Verkehrsminister prinzipiell mehr ein Freund der Autoindustrie. Und weniger einer der Bürger! Ohne wenn und aber. Schlag nach bei dem CSU-Mann mit den komischen Anzügen von der letzten Koalition.
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