Mitwachsende Fahrzeuge Ein Dreirad bis zur Pubertät 

Dreirad, Laufrad, Fahrrad - um mobil zu sein, brauchen Kinder ständig etwas Neues. Die Erfindung zweier niederländischer Tüftler könnte das ändern. Sie entwickelten Fahrzeuge, die mitwachsen.

Christian Frahm

Von Christian Frahm


"Kann ich das behalten?", fragt Jannis, der mit strahlenden Augen auf ein Dreirad zeigt. Stundenlang hat der Vierjährige mit Hilfe von Erwachsenen gemessen, geschraubt und getüftelt - bis das Dreirad fertig vor ihm stand. "Wenn ich größer bin, möchte ich den Roller haben", sagt er und zeigt auf ein Bild der Verpackung. Tatsächlich lässt sich das Dreirad in wenigen Stunden zu einem Roller umbauen - oder zu einem Lauflernwagen, Liegerad, und vielem mehr.

Für einen Tag ist Jannis SPIEGEL ONLINE-Tester, der eine Erfindung aus den Niederlanden bewerten soll - hier das Video:

Christian Frahm

Die Firma Infento, mit Sitz in Amsterdam, bietet Bausätze an, mit denen sich verschiedene Kinderfahrzeuge vom Laufrad über Dreirad, hin zum Tretroller, Fahrrad oder Go-Kart konstruieren lassen. Aus einem Paket können bis zu 17 verschiedene Modelle entstehen. Eine Idee, bei der man sich fragt, warum noch niemand früher darauf gekommen ist.

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Bausatz für Kinderfahrräder: Marke Eigenbau

Das Prinzip dahinter ist einfach und erinnert ein wenig an Lego oder Fischertechnik. Ein Bausatz besteht aus Metallprofilen in verschiedenen Längen, variablen Gelenken, Rädern, Lenkergriffen, Pedalen und zahlreichen Schrauben. Mit diesen Grundbausteinen lässt sich, je nach Geschmack und Alter des Kindes, innerhalb von ein paar Stunden ein individuell zugeschnittenes Gefährt zusammenbauen. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Mit ein wenig Geschick entstehen sogar Alltagsgegenstände wie Kinderhochsitze, Baby-Spielzeug oder ein Gestell für das heimische Keyboard. Der Zusammenbau wird so zum kreativen Familienprojekt. Die Bausätze eignen sich für Kinder von 0 bis 14 Jahren.

Für Einsteiger gibt es das Go-Kit für 139 Euro aus dem sich vier Fahrzeuge bauen lassen. Das obere Ende markiert das Master Creator Kit für den Bau von 17 Fahrzeugen und einem Preis von 649 Euro. Wer von einem kleinen zu einem größeren Bausatz wechseln möchte, muss sich aber kein komplett neues Set kaufen, sondern kann ein sogenanntes Upgrade erwerben. Darin enthalten sind dann die Bauteile für die nächstgrößere Ausbaustufe. Sechskantschlüssel sind ebenfalls im Bausatz enthalten, einzig ein Maßband benötigt man noch.

Angefangen hat das Ganze mit einer Seifenkiste, die den Niederländer Spencer Rutting auf die Idee zum Fahrrad-Bausatz brachte. "Ich bin ehrenamtlich für eine Jugendorganisation tätig. Dort haben wir Seifenkisten gebaut, um kleine Rennen zu organisieren. Dafür verwendeten wir Materialien, die wir zur Hand hatten. Ich war erstaunt über den Einfallsreichtum der Kinder", sagt Rutting über die Entstehung von Infento. "Ich dachte: Was wäre möglich, wenn wir multifunktionale Teile hätten, wie Lego und Meccano, aber größer, viel größer?"

Rutting hängte seinen Job als selbstständiger Fotograf an den Nagel und widmete sich fortan voll und ganz seinem neuen Projekt. Zusammen mit seinem Schwager, der damals noch als Ingenieur für einen Werkzeughersteller arbeitete, entwarf Rutting ein erstes digitales Design und baute kurz darauf ein riesiges Pedal-Go-Kart aus Aluminiumprofilen. Das war der Beginn von Infento im Jahr 2010.

In Zukunft auch elektrisch unterwegs

2012 war dann das erste Produkt marktreif: ein lehrreicher, speziell für Schulen konzipierter Baukasten. 2016 kamen die Bausätze dann für alle auf den Markt. Inzwischen arbeiten rund 30 Mitarbeiter in der Zentrale in Amsterdam. Die meisten Teile kommen von der deutschen Firma Fath, einem Hersteller von Maschinenbauteilen aus Metall und Plastik. In Amsterdam erfolgt dann Verpackung und Versand der Bausätze.

Infento plant bereits weiter: Demnächst kommt beispielsweise ein modularer Elektromotor ins Programm, den SPIEGEL ONLINE bereits testen durfte (siehe Video). Dieser lässt sich in die einzelnen Modelle einbauen. Auch Robotik soll künftig eine Rolle spielen. Außerdem fragen immer öfter Erwachsene bei Infento nach, ob es bald einen Bausatz für die Eltern geben wird, damit sie zusammen mit den Kindern einen Sonntagsausflug auf den Bausatz-Mobilen unternehmen können. "Nicht im Moment. Wir konzentrieren uns zuerst auf die Kinder", sagt Rutting. Allerdings stellt er in Aussicht, dass es vielleicht einmal eine Sonderausgabe für Erwachsene geben wird. Bis es soweit ist, müssen sich die großen Kinder aber noch etwas gedulden.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
super-m 20.06.2018
1.
Ansich eine nette Idee, die Umsetzung mit diesen furchtbar hässlichen Alustrang-Profilen wirkt aber optisch unausgereift und sieht nach Bastellösung aus.
dasfred 20.06.2018
2. Endlich mal ein Spielzeug für Vater und Sohn
Fals Frau Stokowski mitliest, Mutter und Tochter. Sieht wirklich aus wie Fischertechnik in benutzbar. Solange der TÜV das akzeptiert, wünsche ich den Unternehmern viel Erfolg.
swandue 20.06.2018
3.
Zitat von super-mAnsich eine nette Idee, die Umsetzung mit diesen furchtbar hässlichen Alustrang-Profilen wirkt aber optisch unausgereift und sieht nach Bastellösung aus.
Es muss mal einer die Idee haben und zeigen, dass es möglich ist und sich auch verkaufen lässt. Wenn mal einige Dutzend Firmen in diesem Bereich aktiv sind und entsprechend mehr Leute ihren Grips einsetzen, dann wird es besser und billiger werden und auch noch schöner ausschauen.
Nutzer ohne Namen 20.06.2018
4. grandios
mein sohn wird im august 2 und er lient alles was räder (und lenkräder) hat. das junior kit für 299€ würde ihm gefallen. https://www.infentorides.com/de/product/junior-kit/ und wenn die teile wirklich so langlebig sind und er dem junior kit entwachsen ist, wird es per addon Paket erweitert. dann hat er bis zur Pubertät Freude an den sets.
realist4 20.06.2018
5. Wetten dass ..
Das Kind wächst und will ein richtiges Fahrrad und bestimmt nicht weiterhin Dreirad fahren um von allen ausgelacht zu werden. Typische Idee von Weltverbesserern, thoretisch gut aber niemand will es, weil es einfach keinen Sinn macht und Spass schon gar nicht.
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