Infiniti für Europa Nachzügler in Nadelstreifen

Nissan beantragt die Aufnahme ins automobile Oberhaus. Wie Toyota mit Lexus hat auch Nissan 1989 Infiniti als Marke für die Oberklasse lanciert. Fast 20 Jahre danach ist die Zeit und vor allem die Modellpalette allmählich reif für Europa. Kritiker sind skeptisch.


Die Macher des Genfer Automobilsalons sind nicht zu beneiden. Obwohl sie die Hallenfläche kaum mehr erweitern können, müssen sie im nächsten Jahr schon wieder eine neue Marke unterbringen. Denn nachdem Nissan lange gezögert hat, planen die Japaner nun für 2008 das Europa-Debüt ihrer Luxus-Tochter Infiniti. Zwar sollen die ersten Autos erst im Herbst nächsten Jahres auf die Straße rollen, doch die große Premierenfeier plant Nissan-Europachef Brian Carolin für den Frühlingsgipfel in der Schweiz.

Dass sich die Japaner fast 20 Jahre Zeit gelassen haben, um die 1989 gegründete Marke auch nach Europa zu bringen, hat gute Gründe: "Erst einmal war Infiniti nur für die USA geplant", berichtet Carolin. "Doch seit April 2005 gibt es eine globale Strategie, und seit 2006 den konkreten Plan, die Autos auch nach Europa zu verkaufen." Allerdings waren sich die Japaner und die Europäer im Nissan-Management schnell einig, dass sie mit der aktuellen Modellpalette wenig Chancen hätten.

Zwar sind Autos wie der Geländewagen FX oder das Coupé GX in den USA echte Schmuckstücke, deren markantes Design auch andernorts Gefallen finden kann. Doch weiß auch Carolin, "dass vor allem bei der Innenraumqualität und beim Fahrverhalten in Europa andere Maßstäbe gelten als in Amerika". Er sei sich sehr wohl bewusst, "dass wir es hier mit den besten Oberklasse-Herstellern der Welt aufnehmen wollen – und zwar in deren eigenem Revier".

Deshalb hat Infiniti das Europa-Debüt so lange hinausgezögert, bis die gesamte Modellpalette von Grund auf erneuert war. Im Mittleren Osten, in Korea und in Russland kann man schon seit ein paar Monaten die US-Modelle kaufen, doch den "schwierigsten Markt der Welt" wollen die Japaner erst in Angriff nehmen, wenn die Autos einen "europäischen Charakter haben".

Außerdem weiß auch Carolin, dass in Europa "ohne einen Diesel nichts geht". Zwar wird es den noch nicht direkt zur Markteinführung geben. "Doch haben wir den Termin so gelegt, dass er sehr bald nach dem Start verfügbar sein wird", sagt der Brite und stellt damit für 2009 einen komfortablen V6 in Aussicht, den Nissan und Renault entwickeln.

Hybrid und Limousinen stehen nicht im Vordergrund

Anders als die Toyota-Marke Lexus setzt Infiniti nicht allein auf Luxus, sondern auch auf Sportlichkeit. "Wir sehen unseren Gegner vor allem in München", sagt Carolin, der Lexus eher als Mercedes-Rivalen wertet und alle Welt auf den Fahrspaß einschwören möchte, den die Infiniti-Modelle bringen werden. Anders als Lexus setzt Infiniti weder auf Hybridmodelle noch auf große Limousinen. "Der Schwerpunkt des Geschäfts wird vor allem auf unseren SUVs liegen", sagt Carolin und verspricht auch den Europäern den längst zur "Ikone von Infiniti" gereiften FX, der pünktlich zum Europastart in neuem Gewand erscheint.

Neben diesem eleganten Allradler im Format des VW Touareg planen die Japaner einen zweiten Geländewagen, der eine halbe Nummer kleiner ausfallen und dann gegen Autos wie den kommenden Audi Q5 antreten soll. Dieses Modell ist neu in der Infiniti-Palette, wird vor Ostern als Studie zum ersten Mal auf der Motorshow in New York gezeigt, soll zum Jahresende in den USA an den Start gehen und ebenfalls zur europäischen Erstausrüstung zählen.

Dazu gibt es dann noch den neuen G35 im Format des BMW 3er, der gerade frisch eingeführt wurde und das bislang einzige Auto aus dem Europa-Programm ist, das man heute schon fahren kann. Ihn gibt es bislang nur als Limousine, doch ein neues Coupé wird in den USA sehnsüchtig erwartet und wohl ebenfalls seinen Weg nach Europa finden.

Automarktexperte: "Hohe Flopgefahr"

Obwohl die Planungen langsam konkret werden sollten, sind die europäischen Infiniti-Manager bislang mit handfesten Antworten auf nahe liegende Fragen noch sehr zurückhaltend: Weder Preise noch geplante Stückzahlen lässt sich Carolin entlocken. "Dafür ist es noch viel zu früh", winkt der Manager ab und versucht es stattdessen mit Gemeinplätzen: "Wir werden wohl teurer sein als Nissan und günstiger als die europäischen Platzhirsche", sagt er zu den Preisen. Wenig überrascht auch die Prognose, man erwarte nicht, die 5000 jährlichen Zulassungen von Lexus auf Anhieb zu erreichen.

Ob das Konzept aufgeht, wird von Experten wie Ferdinand Dudenhöffer bezweifelt: "Ich denke, es wir für Infiniti schwer werden", sagt der Automobilwirtschaftler und verweist auf die USA, wo es der Nissan-Tochter an Stärke fehle. "Lexus verkauft mit 322.000 Autos fast dreimal so viel wie Infiniti", zitiert er die Statistik, die Hondas Edelmarke Acura mit 200.000 Zulassungen auf Rang zwei sieht. "Die Marketingkosten für einen richtigen Start in Europa sind enorm und werden sich kaum in den ersten zehn Jahren wieder einspielen lassen", schätzt Dudenhöffer. Sein Fazit: "Die Flopgefahr ist ausgesprochen hoch."



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