Interstate 70: Himmelfahrt durch die Rocky Mountains

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Wo bei Alpenpässen manchmal schon der Höhepunkt liegt, geht der Aufstieg für die Interstate 70 in Denver erst los: auf 1603 Metern. Auf den Spuren des Goldrausches führt die Strecke quer durch die Rocky Mountains – und erreicht Höhen, die manchen Alpengipfel übersteigen.

Bei diesem Anblick wird den ersten Siedlern wohl der Atem gestockt haben. Nach wochenlangem Planwagengepolter über die Great Plains, ohne dass der Horizont sich irgendwie veränderte, erschienen plötzlich Berge am Rand des Blickfelds, die beim Näherkommen in den Himmel wuchsen wie eine gewaltige Mauer: die Rocky Mountains.

Ganz so furchterregend wirkt die Bergkette heute nicht mehr. Doch ein Erlebnis ist es noch immer, im Auto von Denver aus auf der Interstate I-70 nach Westen zu starten und dann vor sich wie aus dem Nichts die Rockies aufragen zu sehen. Es ist, als folgte auf die Lüneburger Heide direkt der Alpenhauptkamm. Die vierspurige Autobahn schraubt sich immer höher in das Gebirge – und wird auch im Winter so gut es geht frei gehalten. Denn viele andere Verbindungen zwischen den US-Staaten Colorado sowie Utah, Arizona, Nevada und Kalifornien auf der anderen Seite gibt es nicht.

Während sich viele andere Interstate-Verbindungen ziehen wie Kaugummi, ist die I-70 auf einigen Abschnitten fast schon atemberaubend. Die Straße führt durch weite Täler und enge Schluchten und irgendwo verstellen stets einige der mehr als 50 Berge Colorados den Weitblick, die dem Club der 14.000er angehören. Das ist die Höhenangabe in Feet und entspricht rund 4200 Meter.

Auf dem Weg nach Westen stutzt man beim Blick auf den Bordcomputer immer wieder. Denn der Höhenmesser aktualisiert die Angabe ständig. 1600 Meter über Normalnull sind es in Denver, auf dem Vail Pass werden 3250 Meter angezeigt. Und selbst das ist nicht der höchste Punkt der Route. Den erreicht man schon einige Meilen vorher, ganz unscheinbar hinter dem Eisenhower-Tunnel, der immerhin knapp drei Kilometer lang ist und mit einer Meereshöhe von 3400 Metern viele Jahre als höchstgelegener Tunnel der Welt galt.

Weil die Röhre wie jeder Tunnel für gefährliche Güter gesperrt ist, halten die Räumkommandos auch die darüber liegende Passstraße offen. Wer also etwas mehr Zeit mitbringt, das richtige Auto und eine Portion Mut, der kann hier oben dem Himmel noch näher kommen und sich weitere 300 Höhenmeter über den Lovelandpass schrauben.

Über enge Kehren zum Grab von Buffalo Bill

Doch die Höhe allein ist nicht das einzig Imposante der Tour, sondern auch die landschaftliche Vielfalt. Mal ist das Panorama so weit, dass sich vor der Frontscheibe schier endlose Hügelzüge querlegen, und mal verengt sich die Straße so sehr, dass man die Außenspiegel einklappen möchte. Besonders spektakulär ist der Glenwood Canyon – 16 Meilen lang und so schmal, dass Bahnlinie, Colorado-River und die vier Fahrspuren der Autobahn nicht nebeneinander passen und deshalb übereinander gestapelt wurden.

Die Wildwest-Zeiten sind zwar lange vorbei, doch optisch dauert diese Periode in dieser Gegend der USA noch immer an. Im Ort Frisco zum Beispiel: An den Hängen kleben Minen, in den weiten Tälern stehen prunkvolle Ranches; und im verschlafenen Idaho Springs feiert man in diesem Jahr das 150. Jubiläum des Goldrausches. Eine Zeitreise beginnt auch schon kurz hinter Denver: der 40 Meilen lange Lariat Loop, eine Panorama-Straße oberhalb der Stadt. Erstens kommt dort auf dutzenden von Kurven, anders als auf der weich geschwungenen I-70, so etwas wie europäisches Passstraßengefühl auf; und zweitens liegt am höchsten Punkt der Route das Grab des Cowboy-Helden Buffalo Bill.

Skigebiete wie an einer Perlenkette aufgereiht

Längst sind es nicht mehr nur die Verheißungen des Goldenen Westens, die Tausende auf die I-70 locken, sondern auch die der weiß glitzernden Rockies selbst. Die Autobahn verbindet auch ein knappes Dutzend der klangvollsten Skigebiete der Gegend, etwa Beaver Creek, Telluride, Aspen oder Breckenridge, die nur ein paar Meilen entfernt in den Seitentälern liegen; im gemütlichen Copper Mountain oder dem mondänen Vail führt die Autobahn sogar durch die Orte.

Unsere spektakuläre I-70-Tour endet nach 160 Meilen in Glenwood Springs. Skifahrer lassen die Stadt links liegen und hecheln lieber die letzten halbe Stunde das Roaring Fork Valley hinauf, weil dort die Pisten von Snowmass und Aspen liegen. Doch es gibt einen guten Grund für einen Zwischenstopp: die Hot Springs. Das große Thermalbad zwischen Interstate und Eisenbahnlinie liegt zwar wenig romantisch da, aber im immerwährenden Wasserdampf der Thermalquellen ist eh' nicht viel zu erkennen. Die wohltuende Wirkung des heißen Wasser erkannte bereits der Revolverheld Doc Holliday. Der sterbenskranke Scharfschütze machte das damals auch als Bordell bekannte Bad zu seinem Sanatorium und ging nicht mehr weg aus Glenwood Springs.

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