Interview mit Designer Fügener "Batman-Autos? Das ist eine Beleidigung"

Wie sehen die Autos der Zukunft aus? Lutz Fügener, Professor für Transportation Design an der Hochschule Pforzheim, über Leichtbau-Fahrzeuge, neue Ideen für Innenräume - und die visionären Entwürfe seiner Studenten.


SPIEGEL ONLINE:

Wie sehen die Autos aus, die in 20 Jahren über unsere Straßen fahren werden?

Fügener: Da würden mir viele Leute sehr viel Geld geben, wenn ich das genau sagen könnte. Und genau das kann ich nicht, denn es gibt keinen logischen Weg vom Auto heute zum Auto der Zukunft. Trends werden von Menschen gemacht, und die werden stark beeinflusst von allem, was drumherum passiert. Durch technische Entwicklungen, durch Modeströmungen, durch den Zeitgeist ganz allgemein, also durch Faktoren, die ich heute einfach nicht in ihrer Summe vorhersehen kann.

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Studentenentwürfe: Windschlüpfig Futuristisches

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt doch Trendforscher, die genau solche Prognosen wagen...

Fügener: Trendforscher postulieren nur. Die legen ein Lineal an, sehen, was heute Trend ist, und sagen dann, wie der sich in kommenden Jahren ausprägt. Aber so geht das nicht. Gerade die unvorhergesehenen Brüche in Trends, die machen doch den Zeitgeist aus. Ich plädiere immer dafür, Trendforscher nur nach dem zu bezahlen, was tatsächlich eingetreten ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie bilden die Autogestalter der Zukunft aus. Wer heute bei Ihnen in der Vorlesung sitzt, ist in 10, 20 Jahren vielleicht Chefdesigner bei Mercedes oder BMW. Da müssen Sie doch gewisse Trends oder Handschriften voraussehen.

Fügener: Natürlich gibt es gewisse Prägungen, die man später wieder entdecken wird. Wir haben ehemalige Studenten, die heute Chefdesigner bei Autoherstellern oder in freien Büros sind, deren Handschrift ich in bestimmten Fahrzeugen wiederzuerkennen meine.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich denn etwas Grundsätzliches sagen über das Auto der Zukunft? Wird es größer oder kleiner, sportlicher oder verspielter?

Fügener: Die Vielfalt wird größer. Das ist in diesem Fall ein Trend, der sich sicher behaupten wird. Das Auto als Produkt wird in einer ganz anderen Breite genutzt werden. Früher war ein Auto ja ein Familienmitglied, und die Frage war nur: Hab' ich eins oder hab' ich keins. Heute schon gibt es in vielen Familien mehr als ein Auto, deshalb kann ich die Autos viel facettenreicher und auf eine bestimmte Nutzung hin gestalten. Zum Beispiel auf den Nutzen Familientransport, wie es mit dem Van geschehen ist. Und das wird sich in Zukunft noch verstärken.

SPIEGEL ONLINE: Was könnte denn so ein zukünftiger Autotyp sein, den es heute noch nicht gibt?

Fügener: Was hoffentlich kommen wird, ist das Leichtbau-Auto, also das minimierte Auto. Ein abgespecktes Auto, das aber durchaus ernst zu nehmen ist, das von der Ästhetik her wie ein Rennrad ist. Wo sich die Sportlichkeit nicht in breiten Reifen und einem Riesenmotor ausdrückt, sondern in einer neuen Ästhetik der Geschwindigkeit. Das ist die Umkehrung des SUV-Trends. Zurzeit ist man massiv dabei, diesen Trend der massigen, schweren Wagen zu überdrehen. Es gibt beispielsweise schon einen Porsche Cayenne, der getunt 300 km/h schnell ist. Dieser Trend wird sich ins Gegenteil kehren, und wie bei einer Pendelbewegung wird der Gegentrend ebenso stark sein.

SPIEGEL ONLINE: Für welche Zielgruppe wäre so ein Auto denkbar?

Fügener: Das kann ein Kleinwagen sein für den täglichen Weg zur Arbeit. Denn auch in Zukunft wird es einen großen Bedarf für Individual-Pendelverkehr geben. Auf der anderen Seite der Skala kann so ein Leichtbau-Auto aber auch in dem Segment Sportlichkeit eine völlig neue Nische besetzen. Mit so einem Auto kann man etwa eine wesentlich höhere Kurvengeschwindigkeiten erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Die klassischen Kategorien Kleinwagen, Limousine, Kombi oder Cabrio verwässern in Zukunft also noch mehr?

Fügener: Ganz klar. Aus dem Korsett wird die Autoindustrie ausbrechen. Dass ich mir zum Beispiel zum offenen Fahren ein Cabrio kaufe, das wird nicht mehr ausreichen. Ich will auch mit meiner Limousine offen fahren können. Wenn der Erste eine vollwertige Limousine anbietet, bei der ich das Dach wegnehmen kann, dann ist das Cabrio per se gestorben. Ich glaube, dass sich die traditionellen Kategorien immer mehr überkreuzen werden. Wenn der X6 von BMW kommt, dann haben wir das erste Offroad-Sportcoupé. Und wenn man da auch noch das Dach herunternehmen könnte, dann hätte man gleich noch ein Cabrio mit dabei, und ein bisschen Van ist ja auch schon mit drin - wer will da noch von Kategorien wie Limousine oder Cabrio reden?

SPIEGEL ONLINE: Wenn man sich anschaut, was für Autos Ihre Studenten als Diplomarbeit entwerfen, erinnern viele Beispiele aber doch an Science Fiction oder Batman-Filme. Müssen Sie die Studenten in ihrem kreativen Schaffensdrang manchmal etwas bremsen?

Fügener: Batman-Autos? Also, das empfinde ich jetzt als Beleidigung... Nein, im Ernst, es ist so, als Autodesigner entwirft man ja Fahrzeuge, die frühestens in 38 Monaten auf die Straße kommen, so lange dauert eine Entwicklung mindestens. Wir müssen unsere Studenten also konditionieren, weit in die Zukunft denken zu können. Ein Auto zu zeichnen, das sich heute im Laden gut verkaufen lässt, das ist nicht schwierig. Aber vorauszusehen, was in vier Jahren modern ist, das ist die wahre Leistung. Deswegen mögen verschiedene Denkansätze aus der heutigen Sicht völlig ungewöhnlich aussehen, das heißt aber nicht, dass beispielsweise ein Entwurf für eine Diplomarbeit Science Fiction wäre.

SPIEGEL ONLINE: Ein Blick nach innen: Wie wird sich der Innenraum von Fahrzeugen entwickeln? Werden die Autos immer komfortabler, weil wir mittelfristig immer mehr im Stau stehen müssen?

Fügener: Das ist nicht der Grund. Irgendwann werden die Leute auch auf andere Verkehrsmittel umsteigen, weil das Verkehrschaos nicht mehr durch ein ansprechendes Fahrzeuginterieur zu kompensieren ist. Komfort ist heute Raum und Zeit. Ich kann die Zeit im Auto vielleicht etwas besser nutzbar machen, aber kann die Zeit nicht zurückgeben. Grundsätzlich sehe ich noch eine große Reserve im Interieur-Design, das ist bislang ein sehr konservativ behandeltes Teil des Automobildesigns. Im Inneren wird noch viel passieren, darüber könnte ich Ihnen einen langen Vortrag halten.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre ein gutes Beispiel?

Fügener: Ein generelles Thema ist die Reduzierung, die Selektion von Informationen. Damit der Fahrer mit den Riesenmöglichkeiten, die er an Einstellungen in seinem Fahrzeug hat, nicht überfordert wird. Der Fahrer der Zukunft muss viel logischere und leichter zu erlernende Mechanismen an die Hand bekommen, um sein Fahrzeug mit Spaß zu managen. Bisher ging das alles nur in die Breite, allein schon mit der Bedienung seines Navigationssystems ist so mancher heute überfordert. Es gibt heute gar keine richtige Kultur des Interieurs, des Innenlebens.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Fügener: Interieur bedeutet Raumgefühl. Das Gefühl, das ich habe, wenn ich in einem Auto sitze. In Zukunft wird es darum gehen, wie ich diese Innenwelt mit der Außenwelt in Verbindung bringe, zum Beispiel mit großen Panoramafenstern im Dach, wie sie heute schon in einigen Fahrzeugen zu finden sind. Es wird um Materialqualitäten gehen, die heute zum Teil sehr schlecht ausgebildet sind. Es gibt ja heute auch kaum die Möglichkeit, so etwas zu artikulieren. Lesen Sie sich mal einen typischen Autobericht in einer Zeitschrift durch. Da haben Sie drei Seiten Autotest, auf denen dezidiert irgendeine verstellbare Nockenwelle erklärt wird, und über das Interieur stehen drei Sätze: billiges Plastik, große Fugen, und die Sitze kennt man aus dem Vorgängermodell. Hier sieht man: Es gibt keine Kultur, das Interieur zu kommunizieren. Darin liegen die großen Ressourcen der Zukunft. Das Interieur als Lebensraum zu gestalten.

Das Interview führte Philip Wesselhöft



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