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22. November 2006, 09:45 Uhr

Interview mit Verkehrspsychologen

"Sicherer in einem unsicheren Auto"

Nachtsicht-, Nebel- oder Notbremshilfe – alle möglichen Arten von Assistenzsystemen sollen heute das Fahren erleichtern. Der Hamburger Verkehrspsychologe Jörg-Michael Sohn aber meint, dass Hightech-Hilfen den Menschen zu sehr in "fiktiver Sicherheit" wiegen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Sohn, das moderne Auto denkt und lenkt mit. Für nahezu jedes Gefahrenszenario gibt es mittlerweile ein entsprechendes Assistenzsystem, das in kritischen Situationen eingreift – Kollege Bordcomputer übernimmt, wenn der Mensch bei Nebel, Seitenwind oder Sekundenschlaf ins Schleudern gerät. Wie finden Sie das?

Elch-Test: ESP und ABS halten die modernen Autos in der Spur
DPA

Elch-Test: ESP und ABS halten die modernen Autos in der Spur

Sohn: Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Natürlich können Assistenzsysteme den Fahrer entlasten, gerade in Verkehrssituationen, in denen der Mensch an die Grenzen seiner Reaktionsfähigkeit kommt. Es gibt aber einige ernstzunehmende Probleme im Zusammenhang mit der zunehmenden Hilfsbereitschaft der Bordelektronik. Grundsätzlich neigt der Mensch dazu, bei einem objektiven Sicherheitsgewinn diesen wieder zunichte zu machen, indem er ein riskanteres Verhalten an den Tag legt.

SPIEGEL ONLINE: Fährt man mit einem Nebelsicht-Assistenten an Bord zu schnell in die Nebelwand? Und wenn ein vibrierender Fahrersitz beim Überfahren einer durchgezogenen Linie den Fahrer aus seinem vermeintlichen Sekundenschlaf weckt, dann rast der ohne Rast zehn Stunden am Stück?

Sohn: Die Gefahr besteht, genau. Das Ding wird schon rechtzeitig piepen und mich warnen, für mich bremsen oder mich wachrütteln, was immer so ein System eben macht. Ein gutes Beispiel ist ABS. Die Versicherungen hatten am Anfang, als die Technik neu war, noch Rabatte gegeben für Autos mit Antiblockiersystem. Das haben die aber ganz schnell wieder gelassen. Es wurde nämlich festgestellt, dass Autos mit ABS verstärkt in Auffahrunfälle verwickelt wurden.

SPIEGEL ONLINE: Das Gefühl für die Gefahr geht verloren?

Verkehrspsychologe Sohn: "Es gibt einige ernstzunehmende Probleme"

Verkehrspsychologe Sohn: "Es gibt einige ernstzunehmende Probleme"

Sohn: Genau, so ist der Mensch gepolt. Er wägt automatisch ab: Wie gut bin ich abgesichert? Wie weit kann ich gehen? Mit dem Fazit: Wenn ich zusätzliche Sicherheitsaspekte habe, kann ich mehr riskieren. Das findet man in allen Lebensbereichen. In den Alpen zum Beispiel begeben sich mit der Verbreitung des Handys immer mehr Menschen in lebensbedrohliche Situationen.

SPIEGEL ONLINE: Assistenzsysteme wiegen den Menschen in einer scheinbaren Sicherheit, anstatt ihn zu sichern?

Sohn: Man kann natürlich nicht pauschal alle Systeme über einen Kamm scheren. Aber grundsätzlich stimmt die Aussage. Der Fahrer erlebt die Technik und ihre Wirkung ja glücklicherweise so gut wie nie. Es wird dabei dabei quasi eine fiktive Sicherheit für Extremsituationen vermittelt. Wie genau das System wirkt, wie sich das anfühlt, wenn es eingreift und wie ich mich darauf einstellen muss, das bleibt meist im Bereich des Theoretischen. Von daher fehlen praktische Erfahrungen mit der Technik.

SPIEGEL ONLINE: Audi und Volvo haben sogenannte Blind-Spot-Systeme eingeführt, bei denen ein rotes Lämpchen warnt, wenn sich ein Auto im toten Winkel befindet. Hat damit nicht der klassische Schulterblick beim Überholen oder Abbiegen ausgedient?

Sohn: Den macht doch sowieso kaum noch einer. Wir verlernen ja leider einige sinnvolle Verhaltensweisen im Verlauf unseres Autofahrerlebens. Von daher können in solchen Situationen Assistenzsysteme durchaus für mehr Sicherheit sorgen. Wenn ein Lämpchen warnt, dass sich zum Beispiel beim Abbiegen ein Fahrradfahrer im toten Winkel nähert, kann man das nur begrüßen.

Ich sehe aber grundsätzlich ein Problem, wenn Systeme ihre Funktion und Handlungsweisen allein auf die Auswertung von visuellen Daten stützen. Wenn das System erkennen soll, ob das ein Schatten, ein Baum oder ein kleines Kind da vorn am Straßenrand ist. Ich halte es für problematisch, wenn der Computer Dinge interpretieren soll, die wir als Mensch viel besser einordnen können. Natürlich gibt es viele Systeme, die in bestimmten Situationen besser reagieren als der Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Sohn: Das sind meistens Systeme, die sich auf die Auswertung von physikalischen und mechanischen Zuständen am Auto beschränken. Wie schnell drehen sich die Räder? Wie groß ist die Seitenquerbeschleunigung? Solche Dinge kann ein elektronischer Assistent meistens besser einordnen als der Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ein System, das plötzliche Seitenwinde erkennen und automatisch ausgleichen kann, so dass der Mensch nicht gegenlenken muss.

Sohn: Genau. Da kann die Elektronik schneller Daten sammeln, reagieren und das Auto in der Spur halten.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn nun besser: ein Auto mit oder ohne Assistenzsysteme?

Sohn: Man muss genau gucken, wieweit das System Verantwortung vom Fahrer übernimmt. Grundsätzlich vertraue ich persönlich eher älteren Modellen ohne all zu viel Elektronik. Es gab vor ein paar Jahren mal eine Untersuchung, welche Autos eigentlich die sichersten seien. Dabei stellte sich heraus, dass zum Beispiel die klassische Ente viel seltener, auch in Relation zu ihrer Verbreitung auf der Straße gesetzt, in Unfälle verwickelt wird als eine mit Sicherheitstechnik voll gestopfte Limousine.

Fahrer von so kleinen, zerbrechlichen Autos lenken ihren Wagen einfach mit viel größerer Vorsicht als Fahrer moderner Autos. Deswegen kann es unter Umständen objektiv sicherer sein, in einem unsicheren Auto zu fahren.

Das Interview führte Philip Wesselhöft

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