Isle of Man Tourist Trophy Tragischer Triumph bei der Elektro-Premiere

Motorradlärm sind die Bewohner der Isle of Man seit 1907 gewohnt, doch jetzt hat sich etwas geändert bei der legendären Tourist Trophy: Erstmals traten Elekrobikes in einer eigenen Klasse an. Einen Achtungserfolg erzielte ein indisches Team - der allerdings von einem Todesfall überschattet wurde.

Von der Isle of Man berichtet


Am Renntag scheint die Sonne. Der technische Inspektor witzelt: "Heute wäre auch ein Tag für Solar-Bikes, oder?"

Denn 2009 starten nicht nur herkömmliche Motorräder bei der der Tourist Trophy, der traditionsreichen TT Races auf der Isle of Man. Erstmals gehen auch Elektrobikes in einer eigenen Klasse an den Start - die Veranstalter nennen die Variante TTXGP.

Die Tribüne am Start ist voll besetzt. Zu den traditionellen Rennen, die immer Anfang Juni stattfinden, kommen Zehntausende Motorsportfans aus ganz Europa. Zusammen mit Speed-verrückten Einheimischen bevölkern sie am 12. Juni jeden Stehplatz an der Strecke.

Unter ihnen auch der Vater des Elektrorennsports: Cedric Lynch aus Potters Bar bei London. Er trägt einen verlotterten Parka und geht gerne barfuß. Lynch bindet seine grauen Strähnen zu einem schütteren Zopf und spricht in exakt jenem seltsam singenden Oberklassen-Englisch, das bei Monty-Python-Sketchen die meisten Lacher bringt: "Meinen ersten Motor habe ich in den siebziger Jahren gebaut, nachdem mir jemand ein Elektrobastelbuch geschenkt hat."

Das Bürschchen mit dem hohen IQ hat seither den Lynch-Motor entwickelt. Geringes Gewicht und ein Wirkungsgrad von mehr als 90 Prozent - der Antrieb ist der heimliche Held unter den Startern des ersten Grand-Prix-Rennens für Krafträder ohne Verbrennungsmotor. 8 von 13 Teams, die an der Startlinie stehen, setzten auf Cedrics Lynchs Erfindung.

Azhar Hussain, ein smarter Londoner mit pakistanischen Wurzeln, hat Lynchs Motoren die passende Bühne gegeben und den TTXGP ins Leben gerufen. Er hat sie bei der internationalen Motorsport Föderation FIM als eigene Klasse durchgeboxt und den Widerstand der sturen Inselbewohner gegen die Neuerung zerredet. Jetzt sind alle begeistert - und der Umweltminister des Eilands ist stolz: "Wir haben seit 1907 Motorsporttradition, aber mit dieser Innovation und diesem Rennen schreiben wir Geschichte. Cedric ist der Star."

Möchtegern-Stars und eine Siemens-Entwicklung

Stars wären gerne auch andere. Etwa Michael Czysz, der aus Portland im US-Bundesstaat Oregon gekommen ist. Er hat mehrere Jahre vergeblich versucht, ein Superbike "Made in the USA" auf die Beine zu stellen. Im vergangenen September verfiel er dann auf die E-Bikes. Er ist zwei Tage vor dem Start eingeflogen, mit großer Entourage und Westcoast-Pomp: Ein eigenes Filmteam sollte den großen Auftritt festhalten. Das kommt im Fahrerlager, wo die restlichen 16 Teams ihre Zelte aufgeschlagen haben, genauso schlecht an wie Czysz' rabenschwarze Sonnenbrille und seine Pomade. Czysz und sein Bike - optisch ohne Zweifel eine Augenweide - residieren außerhalb an einem geheimen Ort.

Auch am Start gibt es bei den Rennen der TT keine Gemeinschaft. Die Fahrer fahren gegen die Zeit. Sie werden im Abstand von 30 Sekunden surrend auf die Strecke geschickt.

Der Mountain Course führt über rund 60 Kilometer vom Start in der Inselhauptstadt Douglas durch winklige Ortsdurchfahrten mit gemeinen Haarnadelkurven. Unebene Landstraßen mit fiesen Brücken führen über Ramsey hoch zum 427 Meter hohen Pass am Snaefell. Von dort geht es zurück zum Zieleinlauf in Douglas - insgesamt 225 Kurven, eine Tortur ohne Auslaufzone. Leitungsmasten, Telefonzellen und Mauern, die die Strecke säumen, sind mit Heuballen nur notdürftig gepolstert.

Nach einem Drittel des Rennens liegt Thomas Schönfelder auf dem zweiten Platz - der schnieke Renner von Michael Czysz ist schon ausgefallen. Der Kasseler fährt TT-Rennen im siebten Jahr und ist mit seinen Kollegen Thomas Schuricht und Marko Werner von XXL Racing am Start. Das Trio aus Kassel hat rund 30.000 Euro aus den eigenen Taschen in das Low-Budget-Projekt gesteckt. "Wir fahren einen wassergekühlten Siemens-Drehstrommotor in Verbindung mit Lithium-Mangan-Zellen", sagt Thomas Schuricht. Eingepasst in den Rahmen einer alten Laverda, Baujahr 1996, bringt die XXL-Rennmaschine 45 KW - vergleichbar etwa 62 PS.



insgesamt 3 Beiträge
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LouisWu 16.06.2009
1. Freude, Trauer und Respekt
Zitat von sysopMotorradlärm sind die Bewohner der Isle of Man seit 1907 gewohnt, doch jetzt hat sich etwas geändert bei der legendären Tourist Trophy: Erstmals traten Elekrobikes in einer eigenen Klasse an. Einen Achtungserfolg erzielte ein indisches Team - der allerdings von einem Todesfall überschattet wurde. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,630494,00.html
Gute Sache, das. Alles was den E-Motor aus seinem Hilfsmotordasein herausbringt und die Akkutechnik pushed, sollte man fördern. John Crellin gebührt mein Respekt. Er starb bei einem Abenteuer, das er liebte und so oft schon erfolgreich überstanden hatte. Jeder sollte sein Leben riskieren dürfen wo er möchte, solange er keine Unbeteiligten gefährdet. Es gibt schlimmere und sinnlosere Arten zu sterben.
der matologe 16.06.2009
2. Amipimps vs. German Engineering
10.000.000.- vs. 30.000.- ... Ergebnis: Hintenanstellen! *grins* Leider werden die Deutschen dann wieder einmal zu bloed zum vermarkten sein.
Stefan Albrecht, 16.06.2009
3. Für die Angehörigen ist es schlimm
Zitat von sysopMotorradlärm sind die Bewohner der Isle of Man seit 1907 gewohnt, doch jetzt hat sich etwas geändert bei der legendären Tourist Trophy: Erstmals traten Elekrobikes in einer eigenen Klasse an. Einen Achtungserfolg erzielte ein indisches Team - der allerdings von einem Todesfall überschattet wurde. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,630494,00.html
Eigentlich teile ich die Ansicht des im Abschluss vom Artikel zitierten Herrn. Für den Fahrer war es sicher ein schöner Abschluss des Lebens. Es ist besser so abzugehen, als Monate im Krankenhaus an Schläuchen halbtot vor sich hinzuvegetieren, sich Tag und Nacht zu langweilen und nichts tun zu können, als sich von Krankenschwestern anzuhören, dass man still liegenbleiben soll und von Scheinheiligen Bekannten zu hören, wie blendend man doch aussehe, obwohl es bereits seit Wochen klar ist, wie sich die Dinge entwickeln. Insofern kann so ein Abgang auch als Geschenk betrachtet werden. Für die Angehörigen und Freunde des Betroffenen ist es allerdings leider sehr schwer, seinen so plötzlichen Fortgang zu verkraften und für sie tut es mir echt leid.
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