Maut-Nachforderungen Inkassogrüße aus Italien

Viele deutsche Autofahrer bekommen derzeit Post aus Italien: Das Inkassounternehmen Nivi Credit verlangt die Bezahlung von alten Mautrechnungen. Die Betroffenen wittern Abzocke. Doch die meisten Forderungen sind wohl legitim.

Inkassoschreiben: Die meisten sind legitim - und problematisch

Inkassoschreiben: Die meisten sind legitim - und problematisch

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Ende Dezember bekam Leser Martin W. (Name der Red. bekannt) unerwartet Post: "Mit Datum vom 22.12.2014 bekam ich ein Schreiben der Nivi Credit aus Italien, ich hätte am 24.03.2012 Mautgebühren in Höhe von 4,69 Euro angeblich nicht gezahlt." Jetzt sollte er innerhalb von 30 Tagen 13,07 Euro Mautgebühren, Feststellungskosten, Zinsen und Ermittlungsgebühr überweisen.

Martin W. ist nicht der einzige Autofahrer aus Deutschland, dem es so geht. Sprecher der Automobilklubs ADAC, ACE und AvD bestätigen auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, dass sich zahlreiche Leute mit dem gleichen Problem an sie wenden: "Diese Mahnungen", sagt Rainer Hillgärtner vom ACE Auto Club Europa, "kommen periodisch, in Wellen." Und aktuell ist es offenbar wieder soweit - so wie massenhaft zuletzt 2013.

Ein privates, ausländisches Inkassounternehmen, das versucht, Jahre zurückliegende Mautforderungen einzutreiben? Rechnungen, von denen die Betroffenen bis dahin nie gehört hatten? Das klingt für viele Autofahrer zunächst einmal wenig seriös. Denn wer könnte da schon den Gegenbeweis antreten? Mautquittungen bewahrt man nicht über Jahre auf, und kaum jemand erinnert sich wohl daran, wo er nun wann auf eine Autobahn aufgefahren ist oder sie wieder verlassen hat.

Doch als "Abzocke ohne juristische Wirksamkeit" (Formulierung aus einem Leserbrief) sollte man die Sache trotzdem nicht abtun: Die meisten der überstellten Forderungen sind wohl tatsächlich legitim.

Warum Inkasso statt Bußgeldverfahren?

Nivi Credit verschickt seine Briefe im Auftrag italienischer Autobahnbetreiber. Die leiten meist kein reguläres europäisches Bußgeldverfahren ein, sagt Herbert Engelmohr vom AvD, sondern überlassen das Eintreiben der Mautschuld privaten Inkassounternehmen.

Für die Mautstellen-Betreiber hat das den Vorteil, dass die gezahlten Forderungen tatsächlich bei ihnen ankommen. Das ist beim europäischen Bußgeldverfahren anders, bei dem Strafen und Forderungen zwar von Land zu Land durchgereicht werden, das kassierte Geld aber in dem Land verbleibt, in dem das Verfahren am Ende vollstreckt wird.

Deshalb nehmen die privaten Betreiber italienischer Autobahnen lieber in Kauf, dass wohl viele ihrer Forderungen nicht bezahlt werden. Prinzipiell, erläutert Christian Buric vom ADAC, könnte Nivi Credit seine Forderungen sogar im Rahmen eines gerichtlichen Mahnverfahrens oder mittels des Europäischen Mahnverfahrens auch in Deutschland geltend machen. Bisher sei allerdings kein Fall bekannt, dass eine nicht bezahlte Forderung wirklich vor Gericht gelandet sei.

Können die Forderungen also einfach ignoriert werden?

Dazu mögen die Experten der Automobilklubs nicht raten. Zum einen gehe es in der Regel letztlich um legitime Forderungen. Zum anderen könnten auch potenziell kostspielige Schwierigkeiten bei der nächsten Italienfahrt nicht ausgeschlossen werden.

Was tun, wenn ein Inkassobrief kommt?

Möglich sei es, der Zahlungsforderung ganz oder in Teilen zu widersprechen, wenn die Bedingungen dafür gegeben sind. Das sei etwa der Fall, wenn der Forderungsempfänger die Nichtzahlung nicht zu verantworten habe: Bekannt seien beispielsweise Fälle, in denen streikende Bedienstete von Mautstellen die Schranken geöffnet und die Autofahrer durchgewunken hätten. Die automatische Nummernschilderfassung sorge in solchen Fällen trotzdem für Rechnungen mit aufgeschlagenen Mahngebühren. Zumindest denen könne man widersprechen.

Die meisten Forderungen beruhen aber offenbar auf Schwierigkeiten, die "durch das komplizierte Autobahnmautsystem in Italien verursacht" würden, sagt ADAC-Mann Buric. So könne schon die Wahl der falschen Fahrspur zu Forderungen führen, so wie auch Fehlfunktionen von Bezahlmechanismen. Über die würden Autofahrer in Italien zwar grundsätzlich sofort informiert, bevor man sie trotzdem passieren ließe - aber nur in italienischer Sprache. Wer dann die fällige Gebühr binnen 15 Tagen nicht selbst nachentrichte, bekomme eben irgendwann eine Mahnung.

Sowohl ACE als auch ADAC sahen all das schon 2013 als problematisch, weil die Italiener mit ihrer Praxis mangelnde Kenntnisse ausländischer Besucher zu deren Nachteil nutzten. Die Verbände drängten auf eine Lösung - beispielsweise in Form eines bilateralen Abkommens. Passiert sei seitdem aber "absolut nichts", sagt ACE-Mann Rainer Hillgärtner.

Wer eine Nivi-Credit-Forderung anfechten möchte, sollte das nicht ohne Hilfe tun. Die Rechtsberatungen der Autoklubs bieten hier Beratung an. Die Rechtsabteilung des ADAC hat ausführliche Antworten auf die häufigsten gestellten Fragen zum Thema zusammengestellt. Wir dokumentieren die Ratschläge des Klubs im Wortlaut.

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insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
MarkusH. 12.01.2015
1.
Frage: wie kann man, technisch gesehen, das Bezahlen der Maut vergessen? Sonst geht doch die Schranke nicht auf?
PolitBarometer 12.01.2015
2.
Und noch ein Land, das ich niemals mit dem Auto bereisen würde. Abzocken, soweit das Auge reicht.
MtSchiara 12.01.2015
3. In Italien scheint nicht das Verursacherprinzip zu gelten
Zitat von MarkusH.Frage: wie kann man, technisch gesehen, das Bezahlen der Maut vergessen? Sonst geht doch die Schranke nicht auf?
Das steht doch im Artikel: Fehlfunktion des Mautsystems. Merkwürdigerweise kommt allerdings nach italienischem Recht der Autofahrer für die Folgekosten einer Fehlfunktion (z.B. Fahrerermittlung) auf. Es gilt also in Italien nicht das Verursacherprinzip. Auch scheint es keine Frist zu geben, bis zu der sich die Mautfirma gemeldet haben muß. Ich dachte bisher, das Verursacherprinzip sei EU-Standard, aber ich habe mich da wohl geirrt. Statt um Gurkenkrümmung und Glühbirnen sollte sich die EU daher besser mal um eine EU-weite Gültigkeit des Verursacherprinzips und um EU-weit einheitliche Mautsysteme (oder deren Abschaffung) kümmern. Aber das käme ja einzig dem europäischen Verbraucher zugute, und wird daher wohl eher nicht geschehen.
MtSchiara 12.01.2015
4. In Italien scheint nicht das Verursacherprinzip zu gelten
Zitat von MarkusH.Frage: wie kann man, technisch gesehen, das Bezahlen der Maut vergessen? Sonst geht doch die Schranke nicht auf?
Das steht doch im Artikel: Fehlfunktion des Mautsystems. Merkwürdigerweise kommt allerdings nach italienischem Recht der Autofahrer für die Folgekosten einer Fehlfunktion (z.B. Fahrerermittlung) auf. Es gilt also in Italien nicht das Verursacherprinzip. Auch scheint es keine Frist zu geben, bis zu der sich die Mautfirma gemeldet haben muß. Ich dachte bisher, das Verursacherprinzip sei EU-Standard, aber ich habe mich da wohl geirrt. Statt um Gurkenkrümmung und Glühbirnen sollte sich die EU daher besser mal um eine EU-weite Gültigkeit des Verursacherprinzips und um EU-weit einheitliche Mautsysteme (oder deren Abschaffung) kümmern. Aber das käme ja einzig dem europäischen Verbraucher zugute, und wird daher wohl eher nicht geschehen.
bafibo 12.01.2015
5. Zum Teil
Zitat von MarkusH.Frage: wie kann man, technisch gesehen, das Bezahlen der Maut vergessen? Sonst geht doch die Schranke nicht auf?
gibt's gar keine Schranke. Manchmal streikt der Kreditkartenleser. Manchmal ist die Mautkarte von der Auffahrt nicht mehr auffindbar, und man weigert sich, den dann berechneten Maximalpreis zu bezahlen. In jedem Fall staut sich hinter einem eine Schlange verärgerter Autofahrer. Man kann natürlich über den Rufknopf Hilfe anfordern (da hilft es, wenn man ein paar Brocken Italienisch kann). Aber in den meisten Fällen werden die Betreiber alles tun, um die blockierte Ausfahrt freizuräumen, und notfalls die Schranke ohne Bezahlung heben. Die Helfer waren bei uns übrigens immer sehr freundlich, und im Fall der verschwundenen Mautkarte konnten wir den Einfahrtspunkt angeben, was dann auch prompt per Video verifiziert wurde - mit dem Resultat einer angemessenen Rechnung.
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