Jaguar CX-75: Showstar auf Schleichfahrt
Selten erregte eine Studie so viel Aufsehen wie der Jaguar CX-75. Das liegt nicht nur am kühnen Design, sondern auch an der Technik: Jet-Turbinen zur Stromproduktion an Bord gab es zuvor noch nie. Autofans staunen - doch bei der Probefahrt offenbart die Möchtegern-Rakete eklatante Mängel.
Der Jaguar CX-75, kürzlich noch der Star der Automesse in Paris, ist nicht einfach eine spektakuläre Vision der Marke. Der Supersportwagen mit Elektroantrieb steht inzwischen auf der Straße und fährt. In dieser Form und mit knapp 800 PS sowie 1600 Nm Drehmoment wird er wohl ein Prototyp bleiben, doch die Technik des Konzeptautos soll künftig bei Jaguar eine wichtige Rolle spielen. Dabei geht es weniger um den Elektroantrieb, der bei Studien fast schon zum Standard gehört. Sondern es geht um die beiden Mikro-Turbinen, die unter Glas im Heck des silbrig schimmernden Renners platziert sind.
Diese Turbinen dienen dem Elektrosportwagen als sogenannter Range Extender. Sie treiben also einen Generator an, um während der Fahrt den Akku nachzuladen. Und das machen sie ausgesprochen effizient und wirkungsvoll, sagt Nigel Taylor, der für die Technik der Studie verantwortlich zeichnet. "Selbst wenn das Auto 160 km/h schnell fährt, produziert eine Turbine die dafür benötigte Energie, und mit zweien sind 220 km/h möglich, ohne dass sich der Ladezustand des Akkus ändert."
Aber das sei nicht der einzige Vorteil der beiden 95 PS starken Triebwerke, sagt Taylor. "Vor allem sind sie wunderbar kompakt und leicht." Zum Vergleich: Hätte Jaguar die Turbinen-Leistung von 190 PS mit einem konventionellen Verbrennungsmotor erreichen wollen, hätte der 350 statt 70 Kilo gewogen. Und anstatt des Platzbedarfs zweier Weinflaschen hätte der Motor den Raum einer Getränkekiste benötigt.
Was sonst noch für die Turbinen spricht, ist die geringe Zahl der Bauteile - sie bestehen aus hundert und nicht wie ein Motor aus rund tausend Teilen. Entsprechend gering ist der Wartungsaufwand. Und in Zukunft womöglich auch der Preis. "In gleicher Stückzahl produziert, kosten sie viel weniger als ein Hubkolbenmotor", erklärt Taylor. Außerdem sind die Triebwerke, die pro Minute 35.000 Liter Luft umwälzen und sich mit 80.000 Touren drehen, wahre Allesbrenner. "Sie können mit Benzin oder Diesel, aber auch mit Ethanol oder Gas befeuert werden", schwärmt Taylor von der Technologie, die Jaguar irgendwann einmal bei Range-Extender-Fahrzeugen in Serie bringen will. Ernsthafter Plan oder leeres Versprechen? Jaguars indischer Mutterkonzern Tata hat sich beim britischen Turbinen-Lieferanten Blaydon Jets bereits eingekauft.
Tolle Optik, faszinierende Technik - und ein schlaffes Fahrerlebnis
Soweit die Theorie, jetzt aber geht es um die Praxis. Jaguar stellt das Showcar für erste Fahreindrücke zur Verfügung. Und so lässt man den Blick über die atemberaubende Skulptur aus der Feder von Designer Ian Callum schweifen und fädelt sich dann unter den wie bei einem Lamborghini schräg gestellten Flügeltüren, hinein in das überraschend geräumige Passagierabteil. Man sitzt in engen Schalen, justiert Lenkrad und Pedale elektrisch und blickt auf eine Landschaft aus Lack und Leder, glänzendem Chrom und brillant funkelnden Armaturen. Holz, ein Material, das bei Jaguar mal das Ambiente dominierte, sucht man in diesem Auto vergebens.
Sobald der Wagen allerdings fährt, bleibt von der Faszination nichts mehr übrig. In der Theorie soll der Feger in weniger als vier Sekunden auf Tempo 100 preschen und bis zu 330 km/h schnell werden; die Studie jedoch hat kaum mehr Elan als ein altersschwacher Golfkarren und ist so fragil wie ein Laster voller roher Eier. Man rumpelt steif über jede Bodenwelle und kann kaum den Kurs halten, so schwergängig ist die Lenkung. Geht es geradeaus und man beschleunigt nur ein wenig, wird gleich der Aufpasser auf dem Beifahrersitz nervös. Verständlich: das Auto wurde in nur sieben Monaten von Hand gebaut, und der Antrieb ist derzeit lediglich Theorie. Die beiden Turbinen liegen nur zur Schau unter der Glashaube, und auch von den vier E-Motoren an den Rädern ist noch nichts zu spüren.
Eine Kleinserie des Autos wird vielleicht doch gebaut
Daran wird sich wohl so schnell auch nichts ändern. Denn offiziell ist und bleibt der CX-75 eine Studie, deren Serienproduktion selbst Designchef Callum für höchst unwahrscheinlich hält. Man werde sich von der Form des Prototyps bei der Arbeit an künftigen Serienmodellen inspirieren lassen, heißt es. Die Elektromotoren und der Range-Extender stünden fest auf dem Entwicklungsplan; und zudem kann man sich bei Jaguar einen Supersportwagen durchaus vorstellen. Konkreteres aber ist derzeit nicht zu erhalten.
Also alles doch nur schöner Show-Schein? Nicht ganz, sagt Jaguar-Sprecher Frank Klaas. Eine Kleinserie im Stil von Audi E-Tron oder Mercedes SLS e-drive werde intensiv diskutiert. Cheftechniker Nigel Taylor ist naturgemäß ein Fan dieser Idee: "Die Technik ist kein Hexenwerk. In einem Auto hat das zwar noch niemand kombiniert. Aber wir haben nur Komponenten eingebaut, die es schon auf dem Markt gibt."
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- Mittwoch, 17.11.2010 – 11:22 Uhr
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Jaguar CX-75
Karosserie: Sportcoupé
Antrieb: vier E-Motoren, zwei Turbinen als Range-Extender
Leistung: 789 PS / 580 kW
Drehmoment: 1600 Nm
Vmax: zirka 330 km/h
Reichweite: 900 km
Verbrauch: 1,2 l/100 km
CO2-Ausstoß: 28 g/km
Jaguar CX-75
Kommt bald: Grundzüge des Designs sollen bei den nächsten Sportwagen von Jaguar wieder auftauchen; 2012 soll ein kleiner Zweisitzer debütieren.
Kommt später: Turbinen als Range-Extender will Jaguar auf einsetzen, das dauert aber noch mindestens fünf Jahre.
Kommt hoffentlich nie: Das Innenleben mit festen Sitzen und Pedalen, Cockpit und Lenksäule zum Verstellen. Man findet nie die richtige Position.
- Jaguar C-X75: Dem Kätzchen geht die Düse (04.10.2010)
- Jaguar SS 100: Alles für die Katz' (13.08.2010)
- Jaguar XJ: Traditionspflege mal anders (22.03.2010)
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