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29. Dezember 2010, 09:51 Uhr

Jay Lenos Autosammlung

Hier sind Cars die Stars

Aus Los Angeles berichtet

Jay Leno gilt als amerikanische Talkshow-Größe, doch seine wahre Leidenschaft ist nicht das Scheinwerferlicht. Es sind Autos: In einer riesigen Garage in Kalifornien hortet er legendäre Schlitten vom Lamborghini bis zum Duesenberg - und kann zu jedem eine Geschichte erzählen.

Sammler sind oft einsame Genießer. Ob Briefmarken, Gemälde oder alte Bücher, an ihren Kollektionen erfreuen sie sich ganz privat. Auch Autonarren sind oft Einzelgänger, die ihre Garagen streng vor fremden Blicken schützen. Jay Leno ist anders. Als Gastgeber der US-amerikanischen "Tonight Show" steht er ohnehin ständig im Rampenlicht, und so breitet er auch seine Leidenschaft für schnelle Autos unter den Augen der Öffentlichkeit aus.

Lenos Autos stehen in der "Big Dog Garage", einigen Hallen in der Nähe des Flughafens von Burbank im Hinterland von Hollywood. Von hier aus schreibt er Kolumnen und sendet Filme, in denen Cars statt Stars im Mittelpunkt stehen. In den Sendungen zeigt er nicht nur die Schmuckstücke seiner Sammlung, die mittlerweile 130 Autos und fast ebenso viele Motorräder umfasst, sondern auch Neuheiten der Autohersteller, die seine Popularität gerne nutzen und ihn ständig mit Novitäten versorgen. Ob Mercedes SLS, Ferrari Italia, Elektro-Mini oder Chevrolet Camaro - kaum debütiert ein aufregendes Auto, flimmern dazu auch schon Jay Lenos Videos aus der "Big Dog Garage" durch die US-TV-Kanäle und das Internet.

Die Hallen mit den vielen Autos und Motorrädern sind zu diesem Zweck ähnlich perfekt ausstaffiert wie ein TV-Studio. Die Wände sind dekoriert mit alten Plakaten, die Leno meist von den Malern der umliegenden Studios erhielt. Es gibt diverse Hochglanz-Werkstattbereiche, Hebebühnen und Ersatzteillager sowie mittenmang eine große Showküche, in der Leno gelegentlich zu Topf und Pfanne greift. Und zwischen den Ausstellungsstücken ist stets genug Platz für eine Kamerafahrt.

Obwohl der Talkmaster keine Probleme hat, jeden Winkel seiner Autosammlung von einem Kameraobjektiv ausspähen zu lassen, sind die Tore der Hallen für die Öffentlichkeit meist verschlossen. Leno fürchtet nicht nur Fingerspuren auf dem Blech seiner edlen Gefährte, sondern vor allem die Gesetze im US-Staat Kalifornien. "Trinken Sie keine Batterieflüssigkeit, fassen Sie nicht an den Auspuff, schauen Sie nicht ins Licht - ich müsste hier wahrscheinlich so viele Warnschilder anbringen, dass man die Autos nicht mehr sehen würde", sagt er mit jenem typischen Grinsen im kantigen Gesicht, das sonst auch noch den verstocktesten Talk-Gast aus der Reserve lockt. Für SPIEGEL ONLINE machte Leno allerdings eine Ausnahme, öffnete die Pforte und führte persönlich durch die Sammlung.

Luxuskarossen, aber auch Klassiker wie Fiat Cinquecento und Citroën DS

Die ist auch für einen Hollywood-Star höchst ungewöhnlich. Zwar stehen in den Hallen einerseits all die Luxuslimousinen, die man in Beverly Hills erwartet, dazu eine reiche Auswahl an Supersportwagen aus Deutschland und Italien. Doch daneben parken Turbinenautos von Chrysler, Eigenbauten mit 16 Zylindern und ein alter Fiat Cinquecento oder ein Citroën DS. Dazwischen stehen jede Menge Hot-Rods und so genannte Custom Cars, denen Lenos ganz besondere Liebe gilt. Außerdem nebelt und zischelt es an jeder Ecke, und ständig legt Leno irgendwo Holz oder Kohle unter einen Kessel, denn auch Dampfmaschinen haben es ihm angetan. "Ich mag einfach alles, was Krach macht, stinkt und schnell ist", sagt er und wischt sich die ölverschmierten Hände an der Jeans ab.

Er zeigt stolz Bugatti- oder Duesenberg-Modelle und setzt sich in seinen 55er Buick, mit dem er zum ersten mal nach Los Angeles kam und in dem er schlief, als ihm das Geld fürs Hotel fehlte. Er schwärmt davon, wie er im Fiat Cinquecento jedem Lamborghini auf dem Rodeo Drive die Schau stiehlt. Und immer wieder bleibt er stehen und setzt zu langen Geschichten an. Denn neben der Technik sind es vor allem Anekdoten, die ihn an den Autos interessieren. "Wenn die Story gut ist, dann will er den Wagen haben", sagt ein Freund, "egal ob er 100 Dollar kostet oder 100.000."

Mit 13 jobbte er zum ersten Mal bei einem Autohändler

Zwar musste Leno erst TV-Start werden, um seine PS-Phantasien auszuleben, doch infiziert wurde er vom Autovirus schon viel früher. Leno berichtet, wie er im Alter von 13 Jahren einen Ferienjob bei einem Mercedes-Händler annahm. Danach arbeitete er bei Ford, verkaufte Gebrauchtwagen - frisierte vorher jedoch den Kilometerstand, wie er mit einem Schulterzucken einräumt. Endgültig gepackt habe es ihn beim Polieren eines Mercedes 300 SEL 6,3. "Der war eine Legende, und ich hätte mir nie träumen lassen, mal selbst einen zu besitzen", sagt Leno und zeigt nach hinten in die Halle, wo der große Schwabe im Scheinwerferlicht glänzt.

Sich von einem Wagen wieder zu trennen, falle Leno schwer, sagt Bill, einer der Mechaniker in der "Big Dog Garage". "Als er Anfang der neunziger Jahre in Hollywood groß rauskam, hatte er vielleicht ein Dutzend Autos. Heute sind es zehn Mal so viele." Und die Sammlung wächst stetig. "Er kauft ständig neue Wagen, aber kaum ein Modell gibt er wieder her." Seine Villa, sagt Leno, könne er eigentlich verkaufen. "Ich arbeite im Studio und schlafe zu Hause, aber ich lebe hier, zwischen den Autos. Wozu brauche ich da noch ein Wohnzimmer?"

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