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"Top-Gear"-Moderator Clarkson: "Habe ich das jetzt gerade laut gesagt?"

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Die BBC hat den Moderator der Autoshow "Top Gear" suspendiert - Jeremy Clarkson soll einen Kollegen geschlagen haben. Ein unrühmliches Aus für einen Mann, der von den Fans für seine Schlagfertigkeit und bösen Lästereien geliebt wird.

Die Antwort kam schnell, sie war arrogant und witzig - und damit typisch für Jeremy Clarkson. Kurz nachdem sich die Meldung verbreitet hatte, dass der britische TV-Sender BBC den Moderator der Autosendung "Top Gear" suspendiert und die die geplante Sendung am kommenden Sonntag absagt hat, ätzte der 54-Jährige auf Twitter: "Ich habe noch ein paar gute Kriegsdokus gemacht, vielleicht können sie ja die zeigen".

Auch typisch - wegen seines losen Mundwerks musste Clarkson schon viele Male zurückrudern und sich entschuldigen. Ein kleiner Auszug seiner Skandale:

  • 2009 schimpfte er den damaligen britischen Premier Gordon Brown einen "einäugigen schottischen Idioten".

  • Im gleichen Jahr beschwerte sich Clarkson, die BBC werbe um jeden Preis "schwarze lesbische Muslime" als Moderatoren an, um die Zahl der "heterosexuellen weißen Männer" auszugleichen.

  • 2010 musste er sich beim Mexikanischen Botschafter in Großbritannien entschuldigen, weil dieser empört darüber war, wie der Moderator seine Landsleute beschrieb - nämlich als "faul, nutzlos und aufgeblasen".

  • Im vergangenen Jahr wurde er bei einem Dreh in Argentinien von einer wütenden Menschenmenge mit Steinen beworfen, weil sein Auto ein Kennzeichen mit der Ziffernfolge "H982 FKL" trug, das argentinische Medien als Anspielung auf den Falkland-Krieg zwischen Argentinien und Großbritannien im Jahr 1982 interpretierten. Die BBC entschuldigte die Provokation als einen Zufall.

Nach einem weiteren Vorfall, bei dem er eine rassistische Formulierung benutzt hatte, sprach die BBC kürzlich eine letzte Warnung gegen Clarkson aus. Dass der Sender trotz der Entgleisungen so lange ihm festhielt, hatte einen einfachen Grund: "Top Gear" war zu erfolgreich - und Jeremy Clarkson der Star der Sendung. Die in mehreren Ländern ausgestrahlte Shows hatten weltweit bis zu 350 Millionen Zuschauer, allein in Großbritannien schalteten regelmäßig fünf Millionen Menschen ein, 2005 erhielt sie sogar einen "Emmy".

Gin Tonic am Steuer

Jeremy Clarkson stieß bereits Ende der Achtzigerjahre zum "Top-Gear"-Team, und er machte aus einer verstaubten Servicesendung ein TV-Ereignis. Man muss sich seine Auftritte als eine Mischung aus "Wetten, dass…??", "Traumschiff" und "Harald-Schmidt-Show" vorstellen: Clarkson und seine Co-Moderatoren Richard Hammon und James May unternahmen mit Luxuskarossen, Sportwagen, Kleinstautos und Oldtimern Reisen durch die ganze Welt und lieferten sich dabei großartige Wortgefechte.

Ein gutes Beispiel für den unterhaltsamen Wahnsinn des Formats ist eine Episode aus dem Jahr 2007, in der Clarkson in einem Toyota Hilux eine Expedition durch die Arktis zum Nordpol unternimmt. Die Crew erreichte ihr Ziel, aber anschließend gab es Ärger: Clarkson trank vor laufender Kamera am Steuer seines Wagens einen Gin Tonic.

"Top Gear" konnte aber auch sprichwörtlich im Kleinen begeistern: In einer Episode von 2008 rollt der Moderator in einem winzigen Wägelchen mit Benzinmotor durch die Redaktionsräume der BBC. Im Lift lässt er sich von einer Kollegin rückwärts mit dem Wagen hinausschieben und bewundert anschießend ihre Figur: "Ganz schön netter Hintern… Ich habe das gerade laut gesagt, didn't I?"

Zoten über Minderheiten, Machosprüche, die Missachtung von Verkehrsegeln und Lästereien über Politiker: Ist es ein Wunder dass "Top Gear" so beliebt war? Ein Großteil der Bevölkerung konnte sich in den Protagonisten wiedererkennen. Clarkson war die Stimme all derer, die sich gegen Political Correctness echauffierten, und selbst Männer - natürlich war die Mehrheit der Zuschauer männlich - die sich für aufgeklärt und modern halten, feiern Clarkson für seine Kommentare.

"Top Gear" war der Gegenentwurf zu TV-Sendungen, in der mit heiligem Ernst über Vierzylindermotoren gesprochen wurde oder aufgeblasene Typen mit Sportwagen um die Wette fahren und dabei vorgestanzte Sätze von sich geben.

Clarkson selbst war zwar einer der aufgeblasensten aller TV-Moderatoren, mit einem Gehalt von einer Million Pfund und einer Beteiligung an den Vermarktungsrechten von "Top Gear", die fast neun Millionen Pfund wert sind. Aber er konnte sich auch in ein Auto setzen und sich selbst lächerlich machen, indem er ein Fach an der Decke öffnet und Sellerie hineinstopft. Die vermutlich erfolgreichste Autosendung in Deutschland war "Der 7. Sinn" - "Top Gear" war eine Art "Der 7. Wahnsinn".

Die nach der Suspendierung Clarksons gestrichenen Top-Gear-Folgen waren die drei letzten der 22. Staffel. Seit Dienstagabend setzen sich die Fans der Sendung dafür ein, dass es weiter geht: In einer Onlinepetition fordern bereits mehr als 200.000 Menschen "Bring Back Clarkson"

Die Petition ist mit "Freedom to Fracas" untertitelt, was so viel heißt wie "Freiheit für den Furor" - eine Anspielung auf eine Formulierung in dem offiziellen Statement der BBC zu Clarksons Suspendierung. Dass der Moderator nun endgültig gefeuert werden soll, liegt offenbar an einer Handgreiflichkeit: Clarkson wird beschuldigt, einen Produzenten von "Top Gear" geschlagen zu haben.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Jeremy Clarkson die Hand ausgerutscht ist: 2004 verpasste er dem damaligen Chef des Boulevardblattes "Daily Mirror", Piers Morgan, auf einer Gala einen Faustschlag. "Frauen fragen mich, warum ich Morgan geschlagen habe", sagte Clarkson später in einem Interview. "Männer fragen mich, wohin."

Korrektur: In einer früheren Version des Textes hieß es im zweiten Abschnitt, Clarkson habe den Tweet wieder gelöscht. Das stimmt nicht, der Tweet ist noch immer öffentlich. Wir haben den Fehler entsprechend korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 102 Beiträge
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1. Die beste Autosendung der Welt...
Dr. Seltsam 11.03.2015
... ist Top Gear zu recht... und das kann ich mir leider auch nur mit dem herrlich ironischen und ewig aneckenden Clarkson vorstellen.
2. Sicher ist er ein guter Unterhalter, aber...
Ja gut äh... 11.03.2015
...ich habe mich teils schon von seiner Primitivität belästigt gefühlt, ganz abgesehen davon, daß in der Sendung Autos grundsätzlich so behandelt werden wie von denjenigen, die ihre Wagen vor laufender Kamera bei youtube zerheizen. Damit zeigt man m. E. Kompetenz für Sendungen mit dem Thema "wie lebe ich mich und meinen Agressionsdrang aus", nicht aber für Autos und deren Technik. Vielleicht interessiert Letzteres jedoch eh keinen der vielen Zuschauer.
3. They just wouldn't get it
benuron 11.03.2015
Ironie bei Dummköpfen einzusetzen ist wie Steine auf Panzer zu werfen - kann man machen, bringt aber nichts. Wer Clarkson Chauvinismus vorwirft hat entweder sprachliche oder intellektuelle Defizite.
4.
hansmaus 11.03.2015
Witzige Formulierung: "Clarkson war die Stimme all derer, die sich gegen Political Correctness echauffierten, und selbst Männer - natürlich war die Mehrheit der Zuschauer männlich - die sich für aufgeklärt und modern halten, feiern Clarkson für seine Kommentare. " Es wird also schonmal ausgeschlossen das wirklich aufgeklärte und moderne Männer sowas schauen :D Mensch was bin ich froh von vorgestern und unaufgeklärt zu sein denn was "die anderen" alles den ganzen Tag so beachten müssen um das Image zu haben ist ja nicht au szu halten :D Leute Leute ist euch sowas nicht selber peinlich?
5.
C. Schmidt 11.03.2015
Die Bemerkungen über Mexiko stammten von Richard Hammond, nicht von Clarkson. Das mit Argentinien kann man ihm nun auch wirklich nicht anrechnen, die Vorwürfe der Argentinier waren doch weit hergeholt und für jeden, der weiß, dass britische Autos ihre Nummernschilder ein Leben lang behalten, ganz klar als Zufall zu erkennen. Clarkson selbst sagt auch über sich, dass er ein Trottel ist und man ihn nicht ernst nehmen sollte, da er sowieso alle paar Tage seine Meinung ändert. Ändert nichts daran, dass er mit vielen Dingen auch einfach recht hat. Generell: Jeder, der Pierce Morgan eine verpasst, hat meine vollste Sympathie.
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