Führerscheinentzug bei Jogi Löw "Eine beachtliche Negativleistung"

Joachim Löw muss seinen Führerschein abgeben. Der Verkehrssoziologe Alfred Fuhr erklärt, wie ernst man die Verkehrsverstöße des Bundestrainers nehmen muss - und dass seine Vorbildfunktion empfindlich beschädigt ist.

Bundestrainer Joachim Löw am Steuer
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Bundestrainer Joachim Löw am Steuer

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Fuhr, was können Sie aus Sicht eines Verkehrssoziologen dazu sagen, dass unserem Bundestrainer, Joachim Löw, sein Führerschein wegen wiederholter Verkehrsverstöße abgenommen wurde?

Fuhr: 18 Punkte zu erreichen, also das Maximum, das ist schon eine beachtliche Negativleistung. Gleichzeitig ist ein derartiges Verhalten in dem Arbeitsumfeld, in dem sich Herr Löw aufhält, durchaus verbreitet. Oliver Kahn hat es einmal geschafft, an einem Tag mehrfach geblitzt zu werden. Für mich ein echtes Phänomen. Bei den meisten Autofahrern hält so ein Schuss vor den Bug zumindest mal einen Tag an und führt zu einer Änderung in ihrem Fahrverhalten. Aber im gehobenen Management ist eine gewisse Überheblichkeit Dingen wie der Straßenverkehrsordnung gegenüber nicht unüblich.

SPIEGEL ONLINE: Aber es begehen ja nicht nur Manager Tempoverstöße.

Fuhr: Man muss hier differenzieren. Zwischen moderaten Tempoverstößen, bei denen die Fahrer bewusst schneller fahren als erlaubt, aber in einem Bereich, der nicht mit Punkten geahndet wird. Dann gibt es die drastischen Tempoverstöße. Ein typisches Beispiel: Der verantwortungsvolle Familienvater, dessen Kind im Kindergarten von der Schaukel gefallen ist und der deswegen meint, jetzt moralisch im Recht zu sein und sich über Regeln hinwegsetzen zu dürfen. Weil er schnell nach Hause will, um das Kind zu trösten. Bei hochbezahlten Managern ist diese Neigung, sich über Regeln zu erheben oder sich eigene Regeln zu schaffen, ausgeprägt - das zeigen empirische Untersuchungen. Der Ausnahmezustand des Familienvaters ist bei ihnen der gefühlte Normalzustand. Herr Löw ist als Aushängeschild des DFB und Hoffnungsträger von vielen Deutschen in einer "Über-Funktion". Zudem ist er sicher mit einem randvollen Terminkalender belastet und damit für ein derartiges Verhalten prädestiniert.

ZUR PERSON
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    Alfred Fuhr, 54, ist Verkehrssoziologe. Von 1998 bis 2010 leitete er das AvD-Institut für Verkehrssoziologie und veröffentlichte verschiedene Forschungsarbeiten. Seit 2011 ist er freiberuflich als Berater mit dem Spezialgebiet Verkehr, Mobilität und Verkehrssicherheit tätig.
SPIEGEL ONLINE: Auf Herrn Löw übertragen würden Sie also sagen, er hat die Warnhinweise, die es bei derartigen Delikten gibt, nicht ernst genommen?

Fuhr: Das muss man annehmen, denn so ein drastischer Schritt wie der Führerscheinentzug kommt ja nicht überraschend. Jede Eintragung in Flensburg wird dokumentiert, in einem Brief dem Delinquenten auch mitgeteilt. Bei den meisten Menschen setzt spätestens nach dem zweiten oder dritten Vergehen die Erkenntnis ein, dass hier etwas schief läuft und sie gegensteuern müssen. Bei Herrn Löw hat es diese Erkenntnis offensichtlich nicht gegeben. Das finde ich besonders verwunderlich, wenn man bedenkt, in welcher Position Herr Löw sich befindet.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Fuhr: Als Vertreter des DFB hat er eine besondere Sorgfaltspflicht. Er sollte ein Vorbild sein. Es gibt doch so viele hehre Grundsätze, die er als Fußballer verkörpern soll. Kein Foulspiel, kein Rassismus, null Gewalt - all das sind ja Slogans, die der Sport für sich beansprucht und die zu Herrn Löws Verhalten im Straßenverkehr offenkundig nicht passen. Es wundert mich allerdings auch, dass der DFB dort nicht früher eingegriffen hat.

SPIEGEL ONLINE: Welche Möglichkeit hätte der Verband denn gehabt?

Fuhr: Ich gehe davon aus, dass Herr Löw zumindest einige seiner Verkehrsverstöße in einem Dienstwagen begangen hat. Derlei Dinge werden aber in vielen Firmen heute genau im Blick behalten. Wenn ein Dienstwagen in die Strafverfolgung kommt, werden die Fahrer in der Regel zum Fahrdienstleiter oder Vorgesetzten bestellt und müssen sich erklären. Das ist inzwischen Usus.

SPIEGEL ONLINE: Der DFB scheint die Sache, sicher auch im Hinblick auf die bevorstehende WM, eher herunterspielen zu wollen. In seinem Statement sagt Löw, er "stehe zu seinen Verfehlungen", als sei das Zugeben allein schon Ehrenrettung, und er "habe seine Lektion gelernt". Glauben Sie ihm?

Fuhr: (lacht) Nein, leider nicht. Wenn Herr Löw bereit wäre, Lektionen zu lernen, dann hätte er gar nicht erst 18 Punkte angesammelt. Das muss man ganz klar so sagen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 409 Beiträge
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Seite 1
westerwäller 27.05.2014
1. Heilix Blechle!
Warum sollte ein Fußballtrainer für mich eine Vorbildfunktion haben? Bin ich nur noch ein akzeptables Mitglied der Gesellschaft, wenn ich nicht rauche, nicht trinke, vegan lebe, nur den ÖPNV benutze und Conchita Wurst mag?
fleischwurstfachvorleger 27.05.2014
2. So!
Zitat von sysopDPAJoachim Löw muss seinen Führerschein abgeben. Der Verkehrssoziologe Alfred Fuhr erklärt, wie ernst man die Verkehrsverstöße des Bundestrainers nehmen muss - und dass seine Vorbildfunktion empfindlich beschädigt ist. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/jogi-loew-auf-fuehrerscheinentzug-das-sagt-ein-experte-a-972038.html
Löw und Großkreutz bleiben zu Hause! Und jeder schreibt 100 x (fehlerfrei). Zu schnell fahren, zu viel saufen und pissen in die Hotelhalle geht gar nicht!
widower+2 27.05.2014
3. Löw bekommt vom DFB bestimmt einen Fahrer gestellt
Der DFB ist megareich und kann und wird sich das leisten. Die MPU könnte aber spannend werden.
wug2012 27.05.2014
4. Ganz schlecht von Herrn Löw!
Wenn er vor drei Monaten seinen Führerschein abgegeben, wieso wird das zum jetzigen Zeitpunkt ein Thema?
beetle69 27.05.2014
5. Ja klar....
....aber Spieler an die Vorbildfunktion erinnern! Ich lach mich schlapp!!!
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