Kabinenroller e-Schmitt Stromschlag in der Badewanne

Kabinenroller reloaded: Mit einem elektrifizierten Messerschmitt starteten zwei Tüftler bei der "Future Car Challenge" - und holten den Sieg. Demnächst geht der Retro-Elektro-Zweisitzer tatsächlich in Produktion.

Tom Grünweg

Zwischen den Teilnehmern der Future Car Challenge von Brighton nach London - einer Art Öko-Rallye für alternativ angetriebene Fahrzeuge - wirkte das Auto von Jens Broedersdorff und Uwe Koenzen reichlich deplatziert. Inmitten zukunftsweisender Konzeptautos wie dem Prototyp eines elektrischen Jaguar XJ, Rundstrecken-Rennern mit Batterieantrieb oder dem Kleinwagen T.27 von Formel-1-Konstrukteur Gordon Murray stand ein elektrifizierter Oldie - denn die beiden Tüftler aus Hilden schickten einen zum E-Mobil umgebauten Messerschmitt-Kabinenroller ins Rennen.

"Kein aktuelles Auto hat so einen günstigen Luftwiderstand und ist so leicht wie der Kabinenroller", sagt Entwickler Broedersdorff. "Warum also hätten wir etwas Neues erfinden sollen?" Außerdem folgte das e-Schmitt genannte Mobil dem Geschäftsmodell des Entwickler-Duos, denn Geld verdienen sie mit der Umrüstung von Klassikern wie VW Käfer oder Porsche 356 zu Elektrofahrzeugen.

Dass das Prinzip funktioniert, zeigte sich beim Zieleinlauf: Mit einem Energieverbrauch von 54 Wh pro Kilometer oder umgerechnet 0,4 Liter je 100 Kilometer landet der e-Schmitt vor den teilweise mit Millionensummen entwickelten Konkurrenzmodellen auf dem ersten Platz.

Auf dem Weg zum Kleinserien-Fahrzeug

Der Triumph liegt nun zwei Jahre zurück, und seitdem ist aus dem Retro-Renner eine Kleinserie für jedermann entstanden. "Die Reaktionen auf den e-Schmitt waren überall gleich", berichtet Broedersdorff, "wo wir mit dem Auto auftauchten, hatten die Leute ein Lächeln auf den Lippen. Und dann wurden wir stets gefragt, wo und ab wann man den Wagen kaufen könne."

Der Umbau des Prototyps war noch überraschend einfach. "Wir mussten nur eine Handvoll Schrauben lösen, schon konnten wir den Einzylindermotor des Originals gegen einen E-Motor tauschen und sogar die alten Befestigungspunkte nutzen. Fast so, als hätte Konstrukteur Fritz Fend schon eine E-Variante im Sinn gehabt, als er den Kabinenroller in der Nachkriegszeit entwickelte."

Aufwendiger Alu-Nachbau der Original-Karosserie

Für eine Kleinserie kam diese Art der Umrüstung jedoch nicht in Frage. Denn bis zum Ende der Messerschmitt-Produktion 1964 wurden lediglich etwa 30.000 Kabinenroller gebaut, die Zahl der heute noch verfügbaren Originale ist entsprechend gering. Also entwickelten Broedersdorff und Koenzen einen detailgetreuen Nachbau des Kabinenrollers. Auf einen Rohrrahmen lassen sie in tagelanger Handarbeit eine Aluminium-Karosserie dengeln, die sich streng am Original orientiert. Darunter steckt ein Fahrschemel mit den Akkus und im Heck der Elektromotor samt Steuertechnik.

Dank einer Art Baukastensystem können Broedersdorff und Koenzen drei Karosserievarianten für den Kabinenroller sowie den vierrädrigen Tiger anbieten, und obendrein Akkupakete für bis zu 350 Kilometer Reichweite sowie zwei Motoren mit 15 oder 25 kW Leistung (20 oder 34 PS), von denen sich auch jeweils zwei einbauen lassen. Dann sind mit dem Retro-Renner bis zu 170 Stundenkilometer drin.

Man muss aber gar nicht in die stärkste Variante steigen, um Spaß zu haben. Auch im aktuellen Prototyp, dessen E-Maschine 20 PS leistet, fährt man mit einem Dauergrinsen durch die Stadt. Den erstens ist der nur 200 Kilo schwere Zweisitzer überraschend flott, und zweitens will man ja freundlich sein in dieser fahrenden Badewanne, in der einen alle anstarren und eine Reaktion erwarten.

Kabinenroller als Pedelec oder Elektroauto

Diese eigenwillige Mischung aus Retro-Charme und Zukunftstechnik gibt es nicht nur im Elektroauto e-Schmitt, sondern auch in einem optisch verblüffend ähnlichen Vehikel, das rund 200 Kilometer entfernt, nämlich im Odenwald, unter der Regie von Fred Zimmermann und Achim Adlfinger entsteht. Die beiden entwickelten auf Messerschmitt-Basis ein Pedelec namens Veloschmitt, in dem ein 3,7 kW (5 PS) starker E-Motor den Fahrer beim Radeln unterstützt.

Konkurrenten sind die beiden modernen Messerschmitt-Epigonen nicht, im Gegenteil. "Wir haben schon Kontakt aufgenommen und überlegen, ob wir von dort die Kunststoffkarosserie übernehmen können", sagt Elektro-Tüftler Broedersdorff. Das würde helfen, den Preis des e-Schmitt zu drücken. Denn die handgefertigte, unbehandelte Aluhülle sieht zwar grandios aus, ist aber auch exorbitant teuer. Während Zimmermann und Adlfinger ihr Kleinserien-Modell für rund 8000 Euro verkaufen wollen, schätzt Broedersdorff den Startpreis des e-Schmitt auf etwa 50.000 Euro - ein geradezu prohibitiver Preis, wie er selbst einräumt. "Da muss jemand von unserem Konzept schon sehr überzeugt sein, um so viel Geld auszugeben."



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Seite 1
tailspin 31.12.2014
1. Autoscooter
Wenn man jetzt noch ein Leitungssystem installieren wuerde wie frueher bei den Oberleitungsbussen, dann koennte man die Reichweite vom Kabinenroller auf Unendlich strecken.
Teile1977 31.12.2014
2. Gfk
Unter der Marke Schmitt gab es in England komplette Kabinenroller Bausätze für Rollermotoren. Kostete wenig, war bei uns aber nicht zulassungsfähig. Warum nicht diesen Weg gehen? Über den Sinn und Unsinn solcher Fahrzeuge kann man streiten, aber es gibt ja schließlich auch Roller, und da sind solche Fahrzeuge eine Verbesserung.
max.axlast 31.12.2014
3. Man kann auch
eine handelsübliche Dachgepäckbox aus dem Kfz-Zubehör elektrisch motorisieren, das spart immerhin Aluminium. Und den Sarg bei der Kollision mit einem modernen SUV, weil man ja sein wesentliches Beerdigungszubehör schon dabeihat. Im Ernst: Mit einem ordentlichen 250er Einzylinder-Viertakter statt dem asthmatischen 200er JLO-Zweitakter vom Original ist das System auch energieeffizient. Und im Gegensatz zu diesem Elektrounfug tät' sich ein qualifizierter Nachbau vom KR vielleicht sogar zu einem vernünftigen Preis verkaufen lassen.
barniolo 31.12.2014
4. Es gäbe Alternativen
Ein stabiler Gitterrohrrahmen, ein massenproduzierter 20 PS Motor, mit dem man einen Verbrauch von 2l erreichen kann und eine Kunststoff-Karosserie: Schon wäre eine extrem billige (sicher unter 5000 €), wenigstens einigermaßen sichere und trotzdem (relativ) umweltfreundliche Lösung da. Mit akzeptabler Maximalgeschwindigkeit und ohne Reichweitenproblem. Aber das will ja niemand. Ganz sicher nicht die Automobil-Konzerne aber auch nicht der Staat. Stellen Sie sich mal vor, was mit unserem BSP geschehen würde...
michaelXXLF 31.12.2014
5.
Vermutlich wäre der Verbrauch bei der Future Car Challenge noch etwas niedriger gewesen, hätten sie die originale Plexiglaskuppel draufgelassen
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