Kältemittel-Streit Mercedes rüstet Autos mit CO2-Klimaanlagen aus

Im Kältemittel-Chaos der Autoindustrie gab es bislang nur zwei Extreme: die Chemikalie in Klimaanlagen schadete entweder der Umwelt oder war laut Daimler lebensbedrohlich. Nun weist Mercedes einen dritten Weg.

Von Jürgen Pander

Daimler

Mercedes will in gut einem Jahr die weltweit ersten Serienautos mit CO2-Klimaanlagen ausliefern. Das hat der Konzern heute angekündigt. Es handle sich um "komplett neue Geräte, bei denen wir bis zur Unterlegscheibe alles neu entwickeln mussten", sagte der Mercedes-Entwicklungschef für Interieur und Klimatisierung Stefan Geyer SPIEGEL ONLINE. Der Druck bei den neuen Klimaanlagen ist mit 120 bar fast zehnmal so hoch wie bei den bisherigen.

Notwendig wurde der radikale technische Schwenk bei den Autoklimaanlagen durch ein Gesetz der EU. Diese hatte aus Klimaschutzgründen beschlossen, das bisherige, alte Kältemittel R134a mit einem hohen Treibhauspotenzial zu verbieten. Die Industrie wurde aufgefordert, ein anderes Kältemittel einzusetzen. Die Alternative CO2 erschien den Autoherstellern damals zu teuer.

Eine weitaus günstigere Lösung boten die beiden US-Chemiekonzerne Honeywell und Dupont mit dem Kältemittel R1234yf an. Mit einem niedrigen Treibhauspotenzial erfüllt R1234yf die Anforderungen der EU und hat für die Autohersteller die vorteilhafte Eigenschaft, dass sich die Substanz praktisch ohne konstruktive Veränderungen in den bisherigen Klimaanlagen einsetzen lässt. Alles schien also geritzt, bis im Herbst 2012 Mercedes eine B-Klasse mit dem neuen Kältemittel zu Crashsimulationen antreten ließ. Bei 10 der insgesamt 14 Unfallszenarien geschah dann dies: R1234yf strömte in den heißen Motorraum und in der Folge entstand hochgiftige Flusssäure. Die ätzende Substanz würde, einen derartigen Unfall vorausgesetzt, für Fahrzeuginsassen und Ersthelfer akute Lebensgefahr bedeuten.

Mercedes scherte wegen dieses Risikos aus dem Kältemittelkonsens der Autoindustrie zu R1234yf aus - und hatte ein Problem. Denn ab dem 1. Januar 2017 darf in der EU kein Neuwagen mehr mit einem Kältemittel zugelassen werden, dessen Treibhauspotenzial über 150 liegt.

Mit diesen Mitteln kühlt die Konkurrenz:

Fotostrecke

12  Bilder
Kältemittel in Auto-Klimaanlagen: Wie die anderen kühlen
Nun also gibt es eine Alternative, nämlich CO2 (Treibhauspotenzial eins), das als Kältemittel die Bezeichnung R744 trägt. Aktuell sind etwa 80 Mercedes-Modelle weltweit unterwegs, um die neuen Klimaanlagen zu testen. "Wir stressen die Systeme", sagte Geyer. Doch auch wenn die Technik bis Ende nächsten Jahres ausgereift ist, die nötigen Stückzahlen an neuen Klimaanlagen sind keinesfalls zu schaffen. Daher wird Mercedes ab Ende 2016 zunächst nur die S-Klasse-Baureihe mit CO2-Klimaanlagen ausstatten sowie jene neuen E-Klasse-Modelle mit der Top-Klimatisierung "Thermotronic".

Ob, wie und in welchem Rhythmus Mercedes nach und nach alle Baureihen mit CO2-Klimaanlagen ausliefert, sei derzeit noch offen, erklärte Klima-Entwicklungsleiter Geyer. "Wir müssen jetzt Erfahrungen sammeln und schauen, wie die Kunden reagieren." Entscheidend dürfte auch sein, ob und wie schnell andere Hersteller zur CO2-basierten Kühltechnik wechseln. Steigt die Nachfrage nach CO2-Klimaanlagen, sinkt der Preis für die Autohersteller im Einkauf. "Die Mehrkosten der Klimaanlage werden nicht auf die Autokäufer abgewälzt", sagte Geyer.

Für alle anderen Smart- und Mercedes-Typen gilt: Sie werden ab 2017 ebenfalls gesetzeskonform sein, zunächst allerdings unter Einsatz des als Killerkältemittel geschmähten R1234yf. Damit es dennoch nicht zu fatalen Situationen wie bei den Unfallsimulationen kommt, habe man für alle Modelle "geeignete Maßnahmen" entwickelt, wie es der Leiter des Bereichs Innovationen Passive Sicherheit bei Mercedes, Michael Fehring, ausdrückt.

Eine Argon-Hülle als Hitzeschild

Zum Patent angemeldet wurde beispielsweise ein völlig neue Inertisierungsanlage. Die besteht aus einer Druckflasche, kaum größer als eine Coladose, die mit dem Edelgas Argon, einem Kabel und einem Schlauch ausgestattet ist. Falls der Airbagsensor einen schweren Unfall registriert, wird das Argon an besonders heiße Motorkomponenten - etwa den Turbolader geleitet - und bildet dort eine Art Schutzwolke. Zugleich kühlt es die umströmten Metallteile. "So verhindern wir wirksam, dass im Falle eines Kältemittellecks das R1234yf mit heißen Bauteilen in Berührung kommt oder sich sogar entflammt", sagte Fehring.

Was ziemlich überkomplex klingt, funktionierte nach Mercedes-Angaben bislang zuverlässig in etlichen Simulationen und Crashversuchen. Eingesetzt wird eine solche Inertisierungsanlage nur in solchen Modellen, in denen andere Schutzmaßnahmen nicht möglich sind. Vor allem auch in Fahrzeugen mit Benzinmotor, weil dort in der Regel höhere Abgastemperaturen als bei Dieseln auftreten. In zahlreichen Modell-Motor-Kombinationen reiche es hingegen aus, so Fehring, wenn beispielsweise die Kältemittelleitungen anders verlegt, anders ummantelt oder schlicht ein paar Schutzbleche eingefügt würden. Und im Smart trete das Problem gar nicht erst auf, weil die Klimaanlage im Vorderwagen positioniert ist, der Motor aber im Heck.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mehrleser 20.10.2015
1.
"CO2-Klimaanlage" - was für eine geniale Wortschöpfung. Das dürfte bei den Nur-Überschrift-Lesern für Aufregung sorgen...
helmut.alt 20.10.2015
2.
So soll es sein! Umwelt- und gesundheitsfreundliche Lösungen sind die einzige Zukunfsalternative für den Prügelknaben "Automobil".
bill_dauterive 20.10.2015
3.
Zitat von helmut.altSo soll es sein! Umwelt- und gesundheitsfreundliche Lösungen sind die einzige Zukunfsalternative für den Prügelknaben "Automobil".
CO2 als Kältemittel ist nicht umweltfreundlich. Der Wirkungsgrad in einer Autoklimaanlage ist ziemlich bescheiden.
noalk 20.10.2015
4. Innertisierungsanlage
Nur mal so im Vorbeilesen: Schreibt sich mit nur einem "n" nach dem "I": Inertisierungsanlage. Hat mit "innert" oder "innen" nix zu tun. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
gorchus 20.10.2015
5.
Bemerkenswert: Daimler erfüllt mehr als der Gesetzgeber fordert. Andere erschummeln sich die Gesetzesanforderungen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.