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Kältemittelstreit: Das Ultimatum an Deutschland läuft aus

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B-Klasse in Flammen: Feuerwehr fordert Warnhinweise für R1234yf Zur Großansicht
Daimler

B-Klasse in Flammen: Feuerwehr fordert Warnhinweise für R1234yf

Der Kältemittelstreit zwischen Daimler, Deutschland und der EU geht in die nächste Runde. Bis Donnerstag muss die Bundesregierung auf einen Anklage-Brief aus Brüssel antworten. Doch die Fronten scheinen verhärtet.

Der Name klingt wie ein Aktenzeichen: R1234yf. Tatsächlich steckt hinter der sperrigen Bezeichnung einer der größten Industrie-Krimis der letzten Jahre. Es geht um Menschenleben, um Milliardenbeträge und die Macht der Europäischen Union, womöglich ein Exempel zu statuieren.

R1234yf bezeichnet ein umstrittenes Kältemittel für Autoklimaanlagen, das klimafreundlicher sein soll als bisherige. Die Substanz bringt die Bundesregierung gegenüber der EU in akute Erklärungsnot. Bis zum 27. März muss Berlin begründen, warum die Substanz so gefährlich sein soll, dass der Autobauer Daimler sie nicht verwenden muss und damit gegen geltendes EU-Recht verstößt. Wie kam es dazu?

Herbst 2012, eine Mercedes B-Klasse steht in Flammen. Das heilige Markenzeichen, der Stern, brennt. Eben noch hatten zwei Mercedes-Mitarbeiter den Wagen abgestellt, die Motorhaube geöffnet und per Fernbedienung ein Magnetventil geöffnet, das ein Leck im Kältekreislauf der Klimaanlage simuliert. Das Kältemittel R1234yf strömte aus. Ein paar Sekunden später fing der Wagen Feuer. Eine Unfallsimulation unter realen Bedingungen, sagt der Daimler-Konzern.

Der gute Ton ist längst passé

Kein Autobauer dieser Welt zeigt solche Bilder freiwillig. Daimler hat es getan. Die Verantwortlichen führten sie Wissenschaftlern vor, dem Kraftfahrtbundesamt und EU-Politikern. Um zu beweisen, wie gefährlich das politisch verordnete Kältemittel R1234yf wirklich ist. Seitdem weigert sich der Stuttgarter Konzern, es zu verwenden.

Für die EU ist das Vertragsbruch: Ab dem 1. Januar 2011 erhalten eigentlich nur noch Fahrzeuge eine Typgenehmigung in der EU, deren Klimaanlage mit einem klimafreudlichen Kältemittel befüllt ist. Andere Hersteller wie VW verwenden wie Daimler weiter das alte Mittel, umgingen den Streit mit der EU aber durch einen Zulassungstrick. Anfang 2017 endet allerdings die Übergangsfrist, die diesen Trick ermöglicht - dann gilt diese Vorschrift für alle Neuwagen. Andere wiederum, wie Opel oder Fiat, teilen die Sicherheitsbedenken nicht und setzen das verordnete Mittel schon heute ein.

Bisher ist das Kältemittel R1234yf der Chemiekonzerne Honeywell und Dupont das einzige Produkt auf dem Markt, das die Anforderungen der EU erfüllt und darüber hinaus ohne große Umbaumaßnahmen in bestehende Auto-Klimaanlagen eingefüllt werden kann. Klingt simpel, praktisch, gut - wenn da nicht die Bilder der brennenden B-Klasse wären.

"Europa macht sich abhängig von einem einzigen Hersteller"

Das Veto der Stuttgarter bringt manchen EU-Parlamentarier zur Weißglut. "Daimler ist ein böser Bastard", schimpft der britische Liberale im EU-Parlament, Chris Davies. In seinem Wahlkreis Nord-West England liegen allerdings gleich mehrere Honeywell-Dependancen. Der gute Ton ist längst vergessen. Der Chef von Daimler "sollte vor das Europäische Parlament bestellt und gedemütigt werden", so Davies.

Doch Daimler lässt sich von den Attacken nicht beirren. Komme es zum Crash, könne R1234yf leicht entflammen, sagen die verantwortlichen Ingenieure. Schlimmer noch: Es entsteht ätzende Flusssäure, die Leib und Leben von Autofahrern und Rettungskräften gefährdet. Schon in kleinsten Mengen kann Flusssäure zu Organversagen führen. Der Berufsverband Feuerwehr fordert deshalb Warnhinweise an allen entsprechenden Autos. Auch Umweltverbände wie Greenpeace oder die Deutsche Umwelthilfe springen dem Autokonzern bei, den sie sonst für zu hohe Spritverbräuche kritisieren. Sie verlangen ein Tiefgaragenverbot für Fahrzeuge mit R1234yf.

Aber das Problem berührt nicht nur Sicherheitsfragen, es hat auch wirtschaftliche Folgen. "Europa macht sich abhängig von einem einzigen Hersteller, der nicht einmal aus der EU kommt. Industriepolitisch ist das nicht klug", sagte der Vorsitzende des Umweltausschusses im EU-Parlament, Matthias Groote (SPD).

Die Chemieriesen lobbyieren auf allen Ebenen

Für Honeywell und Dupont geht es um Milliarden. Alleine Honeywell will laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg in fünf Jahren 1,5 Milliarden Euro mit der Chemikalie umsetzen. Kein Wunder, dass die Chemieriesen alle Hebel in Bewegung setzen, um das Mittel ins Auto zu bringen: sie überraschen EU-Parlamentarier, bitten Umweltverbände zum Hintergrundgespräch. Macht der Daimler-Boykott Schule, wäre das investierte Geld weg.

Für die EU geht es allerdings weniger um wirtschaftliche Fragen, sondern um das Prinzip. Industriekommissar Antonio Tajani äußert in einem Brief an den deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der Spiegel Online vorliegt, seinen Unmut über das Vorgehen des Autokonzerns und der deutschen Behörden, die dieses dulden.

Es wäre überraschend, wenn die Bundesregierung Tajani besänftigen könnte. Viel wahrscheinlicher ist es, dass er bei seiner Meinung bleibt. "Wir werden unsere Position nicht ändern", verlautet aus seinem Umfeld. "Deutschland und Daimler brechen die europäischen Gesetze, und die Kommission muss darauf achten, dass alle nach denselben Regeln spielen."

Daimler arbeitet mit Hochdruck an der CO2-Klimaanlage

Bleibt Tajani tatsächlich hart, kommt es für Deutschland dicke, das auf der Seite von Daimler steht, weil es die Sicherheitsbedenken teilt. "Sollte die Bundesregierung nicht auf die EU-Linie einschwenken, könne Brüssel schon am 28. März an die zweite Stufe des Vertragsverletzungsverfahrens einleiten", sagte ein Sprecher der Berliner Vertretung der EU-Kommission. Dies wäre eine "letzte Mahnung" vor der Klage beim Europäischen Gerichtshof, die eine Strafzahlung Deutschlands nach sich ziehen könnte.

EU-Diplomaten fürchten einen Präzedenzfall. Die Kommission will "hier anscheinend ein Exempel statuieren, um den Mitgliedstaaten ein Signal zu senden: So geht es nicht." Dabei will Daimler das alte, umweltschädliche Kältemittel dauerhaft gar nicht einsetzen. Was der Konzern erhofft - ist Zeit. "Es muss eine Übergangsfrist für die Hersteller geben, in der Daimler das alte Mittel einsetzen kann", schlägt Politiker Groote vor. "Und dann sollte man der Industrie Druck machen, so schnell wie möglich auf CO2 umzuschwenken."

Bereits jetzt arbeiten die Stuttgarter mit Hochdruck an der Alternative zum umstrittenen Kältemittel. Ab Sommer sollen die Komponenten für eine umweltfreundliche und ungefährliche CO2-Klimaanlage beauftragt werden. CO2-Klimaanlagen sind um einiges teurer als das neue Kältemittel von Honeywell und Dupont. Trotzdem hat auch VW angekündigt, ebenfalls auf CO2-Klimaanlagen umzusteigen.

Schutzanzug und Atemschutzgerät von nöten

Dennoch dürfte es für Daimler schwierig werden, innerhalb von drei Jahren die komplette Modellpalette auf CO2 umzurüsten. Entweder müsen die Stuttgarter auf ein Entgegenkommen der EU hoffen, oder an einer technischen Lösung tüfteln, die R 1234yf entschärft - etwa durch eine im Auto integrierte Löschvorrichtung.

Dass eine solche umständliche Lösung tatsächlich nötig werden könnte, zeigt das Sicherheitsdatenblatt von Honeywell. In diesem steht, dass bereits bei unbeabsichtigter Freisetzung von R1234yf - beispielsweise in einer Werkstatt - ein vollständiger Schutzanzug und ein Atemschutzgerät zu tragen sind.

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1. Zwei Welten stoßen aufeinander
danielc. 27.03.2014
Dieser Fall macht einen spannenden Eindruck: Die Lobby- und Design-orientierten Eurokraten gegen die Technophilen Deutschen. Wenn Menschenleben in Gefahr sind, gibt es für mich keine Frage. Das wäre für mich mal ein gutes Argument für einen Mercedes oder VW. Für den Umweltschutz wäre der Verzicht auf eine Klimaanlage oder gleich auf das Reisen das Beste. Aber das wäre für mich kaum praktikabel.
2. CO2 Klimaanlagen
flyhi172 27.03.2014
CO2 waere die ideale Loesung, die Anlagen werden mit der Massenproduktion billiger werden. Kaum zu glauben dass es jetzt auf einmal heisst dass R134a umweltschaedlich ist... ich kann mich noch gut daran erinnern als es als "umweltfreundliche Alternative" das R12 abloeste. CO2 wird langfristig gesehen die einzig wirklich umweltfreundliche Loesung sein, warum schliessen sich die Autobauer nicht zusammen und arbeiten an der Entwicklung ?
3. Bürokratische Sturkopfe..
ovi100 27.03.2014
Was heißt denn begründen warum das Mittel gefährlich sein soll? Ja geht's noch?!? Wenn schon das Datenblatt davon ausdrücklich warnt dann denke ich, dass in der EU nur Leute sitzen die nichts anderes tun als das was Großkonzerne vorgeben. Ist das die EU, das sich ein Europäische Bürger sich wünscht? In dieser Sache sollte die Kommission schnellstens sich Neuorientierung und D sollte es ruhig auf ein Gerichtsverfahren ankommen lassen. Es gibt bestimmt noch frei denkende Gutachter, die nicht von Dupont und Co gekauft sind..Lobbyismus (oder gar Korruption) sind gar nicht gut in einer Gesellschaft. Schon vergessen wie sich EU-Parlmentarier aus Slowenien, Österreich und Rumänien sich haben bestechen lassen?
4.
c.PAF 27.03.2014
Zitat von sysopDaimlerDer Kältemittelstreit zwischen Daimler, Deutschland und der EU geht in die nächste Runde. Bis Donnerstag muss die Bundesregierung auf einen Anklage-Brief aus Brüssel antworten. Doch die Fronten scheinen verhärtet. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/kaeltemittel-r1234yf-deutschland-schickt-stellungnahme-an-die-eu-a-960686.html
War das schön, als sich die EU noch um die Bananenkrümmung gekümmert hat. Da wurden wenigstens keine Menschen gefährdet. Alleine das ist ja schon der Knaller! Was muß da an Schmiergeldern geflossen sein, daß einige unbedingt dieses Horrorzeug durchdrücken wollen?
5. Hut ab vor Daimle
gable 27.03.2014
Paradebeipiel fü Lobbyismus: Hier hat die Indutrie die Politik solange beeinflusst, bis ein, sogar nach Herstellerangaben (!), hochgefährliches Mittel vrgeschrieben wird. Ich hoffe Deutschland und Daimler knicken nicht ein!
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