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Umstrittenes Kältemittel: Kühl berechnet, brandgefährlich

Klimaanlage: Experten streiten über das richtige Kältemittel Zur Großansicht
DPA

Klimaanlage: Experten streiten über das richtige Kältemittel

Das Kühlmittel mit dem Kürzel R1234yf gilt als gefährlich, weil es sich bei einem Test entzündete. Jetzt will der Hersteller die Autobauer locken und verspricht eine massive Preissenkung.

Hamburg- Im Streit um das umstrittene Kältemittel R1234yf für Auto-Klimaanlagen geht der Hersteller der Chemikalie in die Preisoffensive. In einem Brief an den mächtigen europäischen Automobilverband ACEA, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, lockt Honeywell die Autobauer mit einer Preissenkung von 30 Prozent.

Damit versucht das US-Unternehmen den Befreiungsschlag: Denn seit die Chemikalie bei einem Crashtest des Autobauers Daimler in Flammen aufging und sich lebensgefährliche Flusssäure bildete, droht dem Chemieriesen ein Milliardengeschäft wegzubrechen. Im Dezember hatte Honeywell gemeinsam mit Zulieferern angekündigt, zusätzlich 300 Millionen Dollar in ein Werk in den USA zu investieren, eine weitere Fabrik in Japan befindet sich im Bau.

Aus dem Brief geht nicht hervor, welchen Preis genau Honeywell für das Kältemittel verlangt und zu welchem Zeitpunkt es 30 Prozent billiger werden soll.

Das umstrittene Kältemittel mit dem sperrigen Namen R1234yf ist von einem Joint Venture aus Honeywell und Dupont entwickelt worden. Auch wegen der Monopolstellung ist das neue Kältemittel deutlich teurer als das alte, klimaschädliche Mittel namens R134a.

Zickzackkurs von VW

Daimler lehnt R1234yf als gefährlich ab und setzt es - anders als andere Hersteller - derzeit in den Fahrzeugen des Konzerns nicht ein. Als ungefährliche und umweltfreundliche Alternative, die jedoch deutlich teurer ist als R1234yf, will Daimler künftig auf Klimaanlagen mit CO2 setzen.

Auch Europas größter Autobauer VW hatte öffentlich den Eindruck erweckt, R1234yf nicht einsetzen zu wollen und ebenfalls Klimaanlagen mit CO2 als Alternative genannt. Doch dann legten die Wolfsburger eine spektakuläre Kehrtwende hin, wie SPIEGEL ONLINE erfahren hatte. VW-Entwicklungschef Heinz-Jakob Neußer gestand anschließend in einem Interview mit der Fachzeitung "Automobilwoche", die umstrittene Chemikalie R1234yf vermutlich doch einsetzen zu müssen. Bei VW hieß es lapidar, dass bei eigenen Untersuchungen keine Gefährdung durch die Chemikalie R1234yf festgestellt worden sei.

VW käme der Preisnachlass durch Honeywell sehr gelegen. Denn jüngst hatte der Konzern ein Sparprogramm angekündigt, mit dem die Kosten von VW um fünf Milliarden Euro im Jahr gesenkt werden sollen.

Gezerre um die Testergebnisse

Am 1. Januar 2017 läuft die Übergangszeit ab, in der die EU die Verwendung des alten ungefährlichen, aber klimaschädlichen Kältemittels R134a noch erlaubt. Daimler wird es voraussichtlich nicht schaffen, zum Stichtag alle Klimaanlagen auf CO2 umzurüsten. Die Stuttgarter hoffen auf die Hilfe der Bundesregierung, die sich in Brüssel für eine Verlängerung der Übergangsfrist einsetzt.

Doch Brüssel bleibt bisher hart. Im Zentrum der Diskussion steht dabei eine Untersuchung des Kraftfahrtbundesamts (KBA). Die Behörde sollte klären, wie gefährlich das Kältemittel R1234yf wirklich ist. Die Ergebnisse liegen seit einem Jahr vor - doch seitdem ist die Sache nur noch verworrener geworden:

  • Test 1: Das KBA war nach seinem Test zwar zu dem Schluss gekommen, dass im Rahmen des Produktsicherheitsgesetzes keine "ernste Gefahr" durch das Kältemittel R1234yf besteht. Bei einer verschärften Untersuchung jedoch ließen die Tester das Mittel nach einem simulierten Crash gezielt ausströmen, die Behörde teilte danach mit, dass sich die Sicherheit von Fahrzeugen durch den Einsatz von R1234yf "tendenziell" verschlechtere. Der EU-Kommission empfahl das KBA deswegen, "mit Nachdruck die Umstände weiter zu untersuchen".
  • Test 2: Die Kommission kam der Aufforderung des KBA schließlich nach, und beauftragte das EU-eigene Forschungsinstitut JRC. Nach einer "gründlichen Analyse", wie es in einem Bericht des JRC heißt, stellte das Institut fest, dass die Sicherheit des Mittels nach Standardtests garantiert sei. Die extremen Umstände, unter denen das Kältemittel sich bei der KBA-Untersuchung entzündete, bezeichnet das JRC als "fragwürdig". Daraus ließen sich keine weiteren Schlüsse zur tatsächlichen Sicherheit des Mittels ziehen. Statt jedoch eigene Crashtests durchzuführen, hatten die Forscher des JRC lediglich die Unterlagen des KBA geprüft.

Das Umweltbundesamt (UBA) kritisiert die Analyse des JRC deshalb jetzt als zu oberflächlich. In einer Stellungnahme, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es: "Der Bericht des JRC liefert aus Sicht des Umweltbundesamts keinen wesentlichen neuen Beitrag zum Stand der wissenschaftlich-technischen Erkenntnisse zum Kältemittel R1234yf."

Das UBA geht sogar noch weiter: Es bezichtigt die EU-Forscher, falsche Schlussfolgerungen aus dem KBA-Test gezogen zu haben. So ignoriere die Untersuchung beispielsweise, dass R1234yf in Versuchen des KBA ätzende Flusssäure gebildet habe.

Das Umweltbundesamt schätzt R1234yf weiterhin als gefährlich ein. Umso mehr verwundert VWs Strategieschwenk: Brancheninsidern zufolge soll VW bei mehreren Zulieferern seine Bestellung für CO2-Klimaanlagen zurückgefahren haben. Auf Anfrage hieß es dazu, VW wolle "solche Spekulationen nicht kommentieren".

mhu

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insgesamt 45 Beiträge
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1. Was kostet eine Nachträgliche Umrüstung?
Andreas-Schindler 21.08.2014
Wenn man ein Unfall hat und wegen dieser Flusssäure stärker Verletzt oder gar Umkommt stellt sich die Frage, ob eine spätere Umrüstung nicht besser oder billiger gewesen wäre. Zumal man weiß wie gefährlich das Zeug bei ein Unfall sein kann.
2. wer möchte denn
bumminrum 21.08.2014
bitte schön mit einem fahrenden Säuresarg unterwegs sein. Klimaziele sind das eine, die Sicherheit eine andere. Und wie die Hersteller mit Sicherheitsfragen umgehen, konnte man bei GM sehen. VW ist da nicht auf dem richtigen Weg, deren Autos sind sowieso noch deutlich teurer als der Branchendurchschnitt. Und nun nicht einmal sicherer??? Das geht gar nicht!!!
3. Da dürfte ....
curiosus_ 21.08.2014
Zitat von Andreas-SchindlerWenn man ein Unfall hat und wegen dieser Flusssäure stärker Verletzt oder gar Umkommt stellt sich die Frage, ob eine spätere Umrüstung nicht besser oder billiger gewesen wäre. Zumal man weiß wie gefährlich das Zeug bei ein Unfall sein kann.
... ein neuer Pkw mit einer CO2-Anlage billiger sein. Eine CO2-Klimaanlage arbeit mit drastisch höheren Drücken, d.h. die komplette Anlage (inkl. Wäremtauscher) ist zu tauschen. Und die neue Anlage muss in den (engen) Bauraum der alten passen.
4.
lupidus 21.08.2014
mal abgesehen von der gefährlichkeit frage ich mich wie die eu auf den irren gedanken kommt einem einzigen zulieferer quasi das monopol auf diese flüssigkeit zu geben ? war da nicht mal was mit wettbewerb ??
5.
marthaimschnee 21.08.2014
Wer mal gesehen hat, wie die Abgasanlage schon bei Normalbetrieb mit mehr als 500°C vor sich hin glüht, der wird die "verschärften" Testbedingungen eher als Normalfall erkennen! Und wenn es im Auto zum Feuer kommt - was glücklicherweise inzwischen nur noch bei massiven Schäden passiert - dann ist die Wahrscheinlichkeit so ziemlich 100%, daß auch die Klimaanlage davon betroffen ist.
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