Kältemittel-Streit: Daimler, BMW und Audi verlassen Expertengruppe

Von und Christoph Stockburger

Klimaanzeige im Auto: Das Kältemittel R1234yf sorgt weiter für Streit Zur Großansicht
imago

Klimaanzeige im Auto: Das Kältemittel R1234yf sorgt weiter für Streit

Nächste Stufe im Streit um das Kältemittel R1234yf: Die Hersteller Daimler, BMW und Audi haben die Expertengruppe des Weltverbands der Automobilingenieure verlassen - aus Protest gegen deren Testverfahren.

Der Daimler-Konzern bleibt im Streit um das Kältemittel R1234yf auf Konfrontationskurs. Nun hat das Stuttgarter Unternehmen die Expertengruppe des Weltverbands der Automobilingenieure (SAE) verlassen. Der Grund: Die Schwaben sind nicht mit den Verfahren einverstanden, mit denen der SAE eine Risikoanalyse des umstrittenen Kältemittels durchführt. "In der Arbeitsgruppe werden zu viele Annahmen gesetzt, die statistisch nicht untermauert sind. Die Ergebnisse werden dadurch verwässert. Deshalb haben wir beschlossen, das Gremium zu verlassen", sagte ein Daimler-Sprecher zur "Automobilwoche" und bestätigte dies gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Auch bei Audi und BMW wird das Analyseverfahren der SAE-Gruppe kritisiert. Die SAE habe keine weiteren eigenen Tests gemacht, sondern nur Fehlerbaum-Analysen und empirische Untersuchungen durchgeführt, so der Vorwurf. "Dabei haben die Untersuchungen bei Daimler gezeigt, dass R1234yf unter extremen Bedingungen in Brand geraten kann", sagt ein Audi-Sprecher. Deshalb werde man die SAE-Expertengruppe ebenfalls verlassen.

Ein BMW-Sprecher sagte: "Wir werden aus der Arbeitsgemeinschaft austreten, weil wir die Tests nicht für hinreichend halten, um den sicheren Einsatz des Kältemittels in unseren Fahrzeugen vollständig beurteilen zu können." Die Bayern nahmen in der Expertengruppe eine Beobachterrolle ein.

Anders als Mercedes stehen Audi und BMW nicht unter Zeitdruck, weil sie keine Modelle auf dem Markt haben, bei denen die Frage nach dem Kältemittel eine Rolle spielt.

Laut einer EU-Richtlinie müssen Fahrzeuge, deren Typgenehmigung nach dem 1.1.2011 erteilt wurde, mit dem Kältemittel R1234yf ausgestattet sein. Es soll die bisher verwendete Substanz R134a ersetzen, weil diese extrem klimaschädlich ist. Im September 2012 gab Daimler jedoch die Ergebnisse eigens entwickelter Tests bekannt: Demnach könne R1234yf bei einem Unfall austreten und sich entzünden. Zudem könne dabei giftige Flusssäure entstehen.

"Wir machen keine Trockenübungen"

Klarheit über den Umgang mit R1234yf erhoffen sich viele Hersteller von Tests, die derzeit vom Verband der Automobilindustrie (VDA) durchgeführt werden. "Unsere Untersuchungen laufen derzeit noch", sagt VDA-Sprecher Eckehart Rotter. Laut seinen Angaben befinden sich mehrere Modelle verschiedener Hersteller, darunter auch von Audi und Daimler, im VDA-Testlauf. "Dabei werden echte Autos unter realistischen Bedingungen getestet, sagt Rotter und fügt hinzu: "Wir machen keine Trockenübungen." Wann die Ergebnisse vorliegen werden, lasse sich noch nicht abschätzen.

Gegenüber der EU unterstützt der VDA die Forderung von Daimler, für sechs Monate eine Ausnahmegenehmigung für die Verwendung von R134a zu erhalten. Während dieser Zeit soll nach dem Willen des Herstellers das alte Kältemittel weiter eingesetzt werden können. Dieses Moratorium fordert auch das Bundesverkehrsministerium. "Bislang hat die EU noch nicht auf unseren Antrag reagiert", sagte Daimler-Sprecher Matthias Brock zu SPIEGEL ONLINE.

Was sagt Ihr Autohersteller?

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 64 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Warum nicht gleich CO2?
juergendi 06.02.2013
CO2 hat die gleichen Eigenschaften und ist vier mal weniger Klimaschädlich als R1234yf? Klar die Kosten sind höher, da der Druck in der Anlage höher sein müsste aber die Vorteile sind nicht von der Hand zu weißen. Nicht entflammbar, keine Konterminierung bei Austreten ...
2. --------
brux 06.02.2013
Peinlich, dass die Daimler-Ingenieure vergessen haben, dass bei einem Unfall auch der Kraftstoff des Wagens austreten kann. Und der ist schon von Natur aus brennbar. Offenbar gibt es bei Unfällen mit Mercedes-Autos so etwas wie gutes und schlechtes Feuer.
3. das mit dem kraftstoff…
Wile_E_Coyote 06.02.2013
Zitat von bruxPeinlich, dass die Daimler-Ingenieure vergessen haben, dass bei einem Unfall auch der Kraftstoff des Wagens austreten kann. Und der ist schon von Natur aus brennbar. Offenbar gibt es bei Unfällen mit Mercedes-Autos so etwas wie gutes und schlechtes Feuer.
…ist so nicht ganz richtig. bei einem crash wird bei modernen autos der zuendstrom und die kraftstoffzufuhr unterbrochen. wenn jedoch der klimakompressor oder eine zuleitung reisst laeuft die sosse raus…
4.
kennymccormick 06.02.2013
Es geht nicht einfach nur um Feuer... Mit diesem tollen Kältemittel kann Flussäure entstehen, und muss man nur mal googeln, was da so passieren kann. Ein Teufelszeug!
5. Na endlich tut sich was
petzi 06.02.2013
Ist doch unglaublich mit welcher Hartnäckigkeit die Typen, die hier das große Geschäft gewittert haben, immer noch versuchen diese Chemiebombe im Kfz unterzubringen. Es geht nur ums Geld, und sonst nichts. Dabei wäre eine CO2 Klimaanlage nur 20 Euro pro Fhzg teurer gewesen. Wozu also der ganze Aufriss und das Risiko? Um 20 Mücken zu sparen?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles zum Thema Autoindustrie
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 64 Kommentare
  • Zur Startseite
Facebook
Fotostrecke
Umstrittenes Kältemittel: Die Stellungnahmen der Autohersteller

Info zum Thema
Chronik eines Kältemittels

Vorgeschichte: Seit 1991 in Deutschland ein FCKW-Verbot in Kraft trat, kam in Autoklimaanlagen die Fluor-Kohlen-Wasserstoff-Verbindung R134a zum Einsatz. Die Substanz ist ein extrem schädliches Treibhausgas mit einem "Global Warming Potential" (GWP) von 1430; diese Ziffer besagt, dass R134a rund 1400-mal klimaschädlicher ist als CO2, dessen GWP 1 beträgt.

EU-Regelung: Um den Klimaschutz voranzutreiben, erließ die EU 2006 eine Richtlinie mit dem Ziel, R134a aus dem Verkehr zu ziehen. Fahrzeuge, deren Typgenehmigung nach dem 1.1.2011 erteilt wurde, mussten danach mit einem Kältemittel ausgestattet sein, dessen GWP-Wert 150 nicht übersteigt. Ab 2017 müssen alle Neuwagen mit einem solchen Kältemittel ausgestattet sein.

Reaktion der Industrie: In der Folge stritt die Autoindustrie jahrelang über eine geeignete Klimatechnik. Zeitweise galt CO2 als Kältemittel der Zukunft, doch schließich einigten sich alle Hersteller auf R1234yf, eine Substanz, die von den US-Chemieriesen Honywell und DuPont hergestellt wird.
Von Anfang an stand fest, dass das Tetrafluorpropen R1234yf entflammbar ist und in Verbindung mit Feuer oder sehr heißen Oberflächen Fluorwasserstoff freisetzt, der mit Feuchtigkeit zu stark ätzender, hochgiftiger Flusssäure reagiert. Entsprechende Warnungen entkräftete die Autoindustrie stets mit dem Argument, durch konstruktive Maßnahmen dieses Risiko praktisch ausschließen zu können.

Daimler-Rückzieher: Daimler befüllte als erster deutscher Hersteller seit Frühjahr 2012 Modelle des Sportwagens Mercedes SL mit dem neuen Kältemittel. Ende September jedoch gab der Konzern bekannt, R1234yf nicht mehr länger einsetzen zu wollen, weil sich bei weiteren internen Crashsimulationen das Kältemittel mehrfach entzündet hatte. Die Branche wurde davon kalt erwischt, es herrscht seit dem Ungewissheit darüber, wie mit dem umstrittenen Kältemittel umzugehen sei.

Gibt es Alternativen? Die in Frage kommenden Alternativen zum Einsatz von R1234yf wären Klimaanlagen auf CO2-Basis oder eine komplett kältemittelfreie Systeme, wie sie das Hamburger Unternehmen Thermodyna entwickelt. Beide möglichen Lösungen jedoch wären frühestens in zwei bis drei Jahren serienreif.


Aktuelles zu