Kältemittelstreit: Daimler schickt eigene Stellungnahme nach Brüssel

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Mercedes-Klimaanlage: Brüssel am Zug

Im Streit über das neue Kältemittel für Klimaanlagen ergreift die Bundesregierung Partei für Daimler. Doch so ganz wollen sich die Schwaben nicht auf die Schützenhilfe aus Berlin verlassen. Sie schickten eine eigene Stellungnahme nach Brüssel, um ihre Position zu erläutern.

Stuttgart - Im Streit über das Kältemittel R1234yf will Daimler auf keinen Fall klein beigeben - und sich ebenso wenig auf die Schützenhilfe der Bundesregierung allein verlassen. Parallel zur Stellungnahme wollen die Schwaben in einem Schreiben an die EU-Kommission noch einmal ihre Position zum Zulassungsstopp Frankreichs darlegen, wie ein Daimler-Sprecher am Montag in Stuttgart bestätigte. Darin werde der Autobauer noch einmal seine Sicherheitsbedenken erläutern.

Daimler weigert sich, das Kältemittel R1234yf in Klimaanlagen einzusetzen, weil es bei Tests des Autoherstellers in Brand geraten war. Die neue Chemikalie erfüllt im Moment als einzige die Klimaauflagen der EU. Aus diesem Grund hat sich Daimler vom Kraftfahrtbundesamt (KBA) eine erweitere Typgenehmigung für das alte Kältemittel R134a geben lassen. Frankreich hatte zuletzt einen Zulassungsstopp für bestimmte Modelle des Autobauers verhängt, welche die neue Substanz nicht verwenden. Dort beschäftigt der Streit derzeit die Gerichte.

Die Bundesregierung zieht sich zunächst auf eine rein formalrechtliche Argumentation zurück. Man halte das Vorgehen von Daimler für rechtmäßig, eine erweiterte Typengenehmigung zu beantragen, sagte ein Sprecher des Verkehrsministeriums am Montag in Berlin. Diese Position habe man der EU-Kommission in einer Stellungnahme mitgeteilt. Untersuchungen zu einer Risikobewertung liefen noch. Nach weiteren Gesprächen auf Fachebene werde nun die Kommission zu entscheiden haben, wie sie weiter vorgehen möchte.

Zehn Wochen Zeit

Ein Kommissionssprecher bestätigte am Montag den Eingang des Schreibens. Die Kommission hat nun zehn Wochen Zeit, die Stellungnahme zu prüfen und über ihr weiteres Vorgehen zu entscheiden. Hält sie die Argumente für nicht stichhaltig, droht der Bundesrepublik ein Verfahren wegen Verletzung von EU-Recht, weil sie das klimaschädlichere R134a weiterhin zulässt.

Die Richtlinie räumt den Autoherstellern eine Übergangsfrist bis 2017 ein. Bis dahin dürfen sie das alte Kältemittel in Klimaanlagen verwenden, vorausgesetzt, es handelt sich um die Weiterentwicklung eines bestehenden Modells. Die Daimler-Ingenieure hatten zunächst keine Probleme bei der Umsetzung der EU-Vorgaben vermutet und deshalb eine Typgenehmigung für die neue A-Klasse beantragt. Als sich dann in Tests Probleme mit R1234yf herausstellten, baten sie die Behörden, den Kompaktwagen als Modellpflege abzunicken. Die Behörden stimmten der Umetikettierung zu, obwohl sich die A-Klasse sehr stark von ihrem Vorgänger unterscheidet. Die französischen Zulassungsbehörden wollen den formaljuristischen Winkelzug aber nicht mitmachen.

Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) hatte ursprünglich in Tests eine Brandgefahr nur unter extremen Rahmenbedingungen bestätigt und deshalb aus gesetzlicher Sicht keinen Handlungsbedarf gesehen.

"Wir bewerten das Schreiben des Bundesregierung positiv für unsere Sache", sagte der Daimler-Sprecher. Der Autohersteller arbeite weiterhin unter Hochdruck daran, sobald als möglich CO2 als Kühlmittel in seinen Klimaanlagen einzusetzen. Die Entwicklung werde aber nicht vor 2016 so weit sein.

mik/dpa

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insgesamt 40 Beiträge
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1. Andere Autohersteller kein Problem mit Kältemittel R1234yf?
raber heute, 19:47 Uhr
Das sieht ja nach einer guten Zusammenarbeit zwischen Mercedes und der Bundesregierung aus. Nicht gemeinsam sondern getrennt auftreten. Warum haben die anderen Autohersteller kein Problem mit dem Kältemittel R1234yf? Und die Bundesregierung selber hat zusammen mit Mercedes wieder getrickst indem sie es zugelassen haben. Sonst hätten sie offiziel eine EU-Verordnung verletzt. So ein Verhalten ist leider auch nicht in Ordnung.
2. Völlig inkonsequent!
suprasupra 19.08.2013
Das KBA hat also eine Brandgefahr bei R1234yf nur bei extremen Rahmenbedingungen bestätigt. Dieses Restrisiko besteht auch bei anderen brennbaren Flüssigkeiten wie Benzin. Mercedes sollte konsequent sein und ab sofort keine Autos mehr mit Benzinmotor ausliefern!
3. Altes Kältemittel als "Brückentechnologie" ...
westerwäller 19.08.2013
Zitat von sysopIm Streit um das neue Kältemittel für Klimaanlagen ergreift die Bundesregierung Partei für Daimler. Doch so ganz wollen sich die Schwaben nicht auf die Schützenhilfe aus Berlin nicht verlassen. Sie schickten eine eigene Stellungnahme nach Brüssel, um ihre Position zu erläutern. Kältemittelstreit: Daimler schickt eigene Stellungnahme nach Brüssel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/kaeltemittelstreit-daimler-schickt-eigene-stellungnahme-nach-bruessel-a-917397.html)
... bis CO2-Anlagen serienreif sind? ... sowas kommt doch bei den Bundesbürgern nicht gut an, die es erreicht haben, dass prima funktionierende KKWs verschrottet werden und Zig-Milliarden (ja!) Volksvermögen vernichtet werden ...
4.
Snoozel 19.08.2013
Zitat von suprasupraDas KBA hat also eine Brandgefahr bei R1234yf nur bei extremen Rahmenbedingungen bestätigt. Dieses Restrisiko besteht auch bei anderen brennbaren Flüssigkeiten wie Benzin. Mercedes sollte konsequent sein und ab sofort keine Autos mehr mit Benzinmotor ausliefern!
Das ganze ist noch viel schlimmer. Das Luftgemisch im Innenraum enthält Sauerstoff... und der ist stark Brand- und Explosionsfördernd!
5. Vergleich Benzin - Kältemittel
raber 19.08.2013
Zitat von suprasupraDas KBA hat also eine Brandgefahr bei R1234yf nur bei extremen Rahmenbedingungen bestätigt. Dieses Restrisiko besteht auch bei anderen brennbaren Flüssigkeiten wie Benzin. Mercedes sollte konsequent sein und ab sofort keine Autos mehr mit Benzinmotor ausliefern!
Da haben Sie aber einen interessanten Aspekt gebracht. Wie sieht denn der Vergleich der Brennbarkeit beider Produkte bei einem Unfall aus? Ich nehme an, dass ein voller Tank Benzin (70 L) mit einem vollen Tank des Kältemittels (? L) eines gleichgrossen Mercedes verglichen werden müsste.
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Umstrittenes Kältemittel: Die Stellungnahmen der Autohersteller

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Chronik eines Kältemittels

Vorgeschichte: Seit 1991 in Deutschland ein FCKW-Verbot in Kraft trat, kam in Autoklimaanlagen die Fluor-Kohlen-Wasserstoff-Verbindung R134a zum Einsatz. Die Substanz ist ein extrem schädliches Treibhausgas mit einem "Global Warming Potential" (GWP) von 1430; diese Ziffer besagt, dass R134a rund 1400-mal klimaschädlicher ist als CO2, dessen GWP 1 beträgt.

EU-Regelung: Um den Klimaschutz voranzutreiben, erließ die EU 2006 eine Richtlinie mit dem Ziel, R134a aus dem Verkehr zu ziehen. Fahrzeuge, deren Typgenehmigung nach dem 1.1.2011 erteilt wurde, mussten danach mit einem Kältemittel ausgestattet sein, dessen GWP-Wert 150 nicht übersteigt. Ab 2017 müssen alle Neuwagen mit einem solchen Kältemittel ausgestattet sein.

Reaktion der Industrie: In der Folge stritt die Autoindustrie jahrelang über eine geeignete Klimatechnik. Zeitweise galt CO2 als Kältemittel der Zukunft, doch schließich einigten sich alle Hersteller auf R1234yf, eine Substanz, die von den US-Chemieriesen Honywell und DuPont hergestellt wird.
Von Anfang an stand fest, dass das Tetrafluorpropen R1234yf entflammbar ist und in Verbindung mit Feuer oder sehr heißen Oberflächen Fluorwasserstoff freisetzt, der mit Feuchtigkeit zu stark ätzender, hochgiftiger Flusssäure reagiert. Entsprechende Warnungen entkräftete die Autoindustrie stets mit dem Argument, durch konstruktive Maßnahmen dieses Risiko praktisch ausschließen zu können.

Daimler-Rückzieher: Daimler befüllte als erster deutscher Hersteller seit Frühjahr 2012 Modelle des Sportwagens Mercedes SL mit dem neuen Kältemittel. Ende September jedoch gab der Konzern bekannt, R1234yf nicht mehr länger einsetzen zu wollen, weil sich bei weiteren internen Crashsimulationen das Kältemittel mehrfach entzündet hatte. Die Branche wurde davon kalt erwischt, es herrscht seit dem Ungewissheit darüber, wie mit dem umstrittenen Kältemittel umzugehen sei.

Gibt es Alternativen? Die in Frage kommenden Alternativen zum Einsatz von R1234yf wären Klimaanlagen auf CO2-Basis oder eine komplett kältemittelfreie Systeme, wie sie das Hamburger Unternehmen Thermodyna entwickelt. Beide möglichen Lösungen jedoch wären frühestens in zwei bis drei Jahren serienreif.


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