Kältemittelstreit: Hersteller Honeywell beschuldigt Daimler

Probleme bei Daimler: Bei Tests hat sich die R1234yf genannte Substanz entzündet Zur Großansicht
Daimler

Probleme bei Daimler: Bei Tests hat sich die R1234yf genannte Substanz entzündet

Im Streit über ein neues Kältemittel für Auto-Klimaanlagen ist kein Ende in Sicht. Daimler verweigert nach Tests den Einsatz von R1234yf, weil sich der Stoff bei einem Unfall entzünden kann. Hersteller Honeywell macht nun die Bauweise der Stuttgarter Autos für die Probleme verantwortlich.

Stuttgart - Der Kältemittelstreit geht in die nächste Runde. Nun äußert sich der Hersteller der Chemikalie und findet klare Worte: Grund für Daimlers Verzicht auf die umweltfreundliche Substanz sei, dass "Daimler ein bauartbedingtes Problem bei der Verwendung" habe, sagte Honeywell-Manager Tim Vink dem Fachmagazin "Autogazette". Anders ausgedrückt: Bei einer Kollision werden die Leitungen und Kältemittelbehälter der Daimler-Autos leichter beschädigt als bei den Fahrzeugen der Konkurrenz.

Bestätigt sieht sich Honeywell durch eine Passage in Daimlers Geschäftsbericht. Darin ist von negativen Auswirkungen auf die Herstellungskosten infolge technischer Anpassungen die Rede, die den Stuttgartern durch den Einsatz des Kältemittels entstehen könnten.

Honeywell zweifelt zudem das Verfahren von Daimler an. "Der Test ist eine idealisierte Prüfung, die nirgends anerkannt ist und von vielen nicht nachvollzogen werden kann", betonte Vink. Ein Versuch des Autobauers Opel etwa sei ohne Probleme verlaufen.

Ein Daimler-Sprecher wies die Vorwürfe zurück. Moderne Autos seien von der Architektur her so ähnlich, dass man bei den Problemen nicht von einem Einzelfall bei Daimlers Bauweise ausgehen könne. Das Testverfahren sei unter Fachleuten anerkannt. Der Autobauer hat die Tests dem Sprecher zufolge bereits mehr als 30-mal durchgeführt.

Laut einer EU-Richtlinie müssen Fahrzeuge, deren Typgenehmigung nach dem 1. Januar 2011 erteilt wurde, mit einem Kältemittel ausgestattet sein, dessen GWP-Wert 150 nicht übersteigt (siehe Kasten). Die Autobranche einigte sich auf die Chemikalie R1234yf. Es soll die bisher verwendete Substanz R134a ersetzen, weil diese extrem klimaschädlich ist. Im September 2012 gab Daimler jedoch die Ergebnisse eigens entwickelter Tests bekannt: Demnach könne R1234yf bei einem Unfall austreten und sich entzünden. Zudem könne dabei giftige Flusssäure entstehen.

rom/dpa

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insgesamt 117 Beiträge
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1. Na denn
ubbo2 22.04.2013
Da scheint Dupont ja nervös zu werden: Kein Autokunde wird sich der Brandgefahr bei R1234yf (und der Entstehung von Flusssäure) aussetzen wollen, und wenn es bei anderen Fahrzeugen nun etwas mehr Crash braucht, um zu explodieren, als bei Daimler, würde ich so ein Auto auch nicht kaufen. Der Test bei Opel ist, nach allem was man hört, ohne reale Autofahrt vorweg gemacht worden, dass nun Dupont mit GM kooperiert ist da sicher nur Zufall...
2. Na denn
AnonymZZ 22.04.2013
.. so ein Quatsch. Wir sollten den Benzinmotor verbieten Benzin kann sich beim Crash entzünden. Bitte nur noch Diesel. Ja denn nur deutsche Ingenieure wissen was gut ist.
3. .
Jule29 22.04.2013
Dieser Klimawahn schädigt mittlerweile nicht nur den Geldbeutel, sondern auch Nerven und Gesundheit. Beispiel BMW Zusatzkühlwasserpumpe: um 0,1g CO2/km zu sparen wird diese durch eine kleinere Variante ersetzt werden. Nachteil: Das Kühlmittel kann je nach Fahrweise zu heiß werden, wird chemisch zersetzt und schädigt das Gesamtsystem. Wie reagiert der Hersteller? Die Wechselintervalle für Kühlmittel werden einfach verringert. Ob die zusätzliche Herstellung, Entsorgung und der Verbrauch vom Kühlmittel der Natur besser tut als das bisschen CO2 will ich mal nicht kommentieren :-D
4. Kältemittel - Klimaanlage
Werner Hergarten 22.04.2013
Meinerseits habe ich vor einigen Wochen auch einen Beitrag über den Citaro-Bus von Mercedes geschrieben. Diese Busse brennen sehr schnell und wenn man manchmal an der Haltestelle steht und in den Bus einsteigt, das riecht sehr merkwürdig nach Diesel, also Klimaanlage wie mir ein Busfahrer bestätigte. Mercedes-Benz sollte sich auf seine Technik zurückbesinnen und ordentliche Fahrzeuge bauen, denn eine Forschungsabteilung hat das Unternehmen allemal. Werner
5. der Fehler liegt beim Autobauer. ..
verspiegelt24 22.04.2013
schließlich macht es keinem Autofahrer etwas aus weitere brennbare gefährliche Flüssigkeiten in seinem Auto zu transportieren. Am besten Tank und Leitungen gleich nach innen belegen das erleichtert im Bedarfsfall den Zugriff.
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Chronik eines Kältemittels

Vorgeschichte: Seit 1991 in Deutschland ein FCKW-Verbot in Kraft trat, kam in Autoklimaanlagen die Fluor-Kohlen-Wasserstoff-Verbindung R134a zum Einsatz. Die Substanz ist ein extrem schädliches Treibhausgas mit einem "Global Warming Potential" (GWP) von 1430; diese Ziffer besagt, dass R134a rund 1400-mal klimaschädlicher ist als CO2, dessen GWP 1 beträgt.

EU-Regelung: Um den Klimaschutz voranzutreiben, erließ die EU 2006 eine Richtlinie mit dem Ziel, R134a aus dem Verkehr zu ziehen. Fahrzeuge, deren Typgenehmigung nach dem 1.1.2011 erteilt wurde, mussten danach mit einem Kältemittel ausgestattet sein, dessen GWP-Wert 150 nicht übersteigt. Ab 2017 müssen alle Neuwagen mit einem solchen Kältemittel ausgestattet sein.

Reaktion der Industrie: In der Folge stritt die Autoindustrie jahrelang über eine geeignete Klimatechnik. Zeitweise galt CO2 als Kältemittel der Zukunft, doch schließich einigten sich alle Hersteller auf R1234yf, eine Substanz, die von den US-Chemieriesen Honywell und DuPont hergestellt wird.
Von Anfang an stand fest, dass das Tetrafluorpropen R1234yf entflammbar ist und in Verbindung mit Feuer oder sehr heißen Oberflächen Fluorwasserstoff freisetzt, der mit Feuchtigkeit zu stark ätzender, hochgiftiger Flusssäure reagiert. Entsprechende Warnungen entkräftete die Autoindustrie stets mit dem Argument, durch konstruktive Maßnahmen dieses Risiko praktisch ausschließen zu können.

Daimler-Rückzieher: Daimler befüllte als erster deutscher Hersteller seit Frühjahr 2012 Modelle des Sportwagens Mercedes SL mit dem neuen Kältemittel. Ende September jedoch gab der Konzern bekannt, R1234yf nicht mehr länger einsetzen zu wollen, weil sich bei weiteren internen Crashsimulationen das Kältemittel mehrfach entzündet hatte. Die Branche wurde davon kalt erwischt, es herrscht seit dem Ungewissheit darüber, wie mit dem umstrittenen Kältemittel umzugehen sei.

Gibt es Alternativen? Die in Frage kommenden Alternativen zum Einsatz von R1234yf wären Klimaanlagen auf CO2-Basis oder eine komplett kältemittelfreie Systeme, wie sie das Hamburger Unternehmen Thermodyna entwickelt. Beide möglichen Lösungen jedoch wären frühestens in zwei bis drei Jahren serienreif.


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