Kässbohrer Pistenbully PB 300 Polar: Fröhliche Eiszeit

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Er arbeitet, wo andere Ferien machen: Wenn der letzte Skifahrer im Tal ist, startet René Fischer seinen Pistenbully. Bis spät in die Nacht planiert er mit dem 430-PS-Kraftpaket die Abfahrten rund um Eiger, Mönch und Jungfrau – und hängt dabei oft in den Seilen.

Die Szenerie ist gespenstisch: Die Sonne ist längst hinter dem Jungfraujoch abgetaucht, und die Wolken hängen tief. Doch mitten im Nebel zucken gelbe Blitze, und ein tiefes Grollen zerreißt den Frieden der Bergwelt. Nein, das ist nicht der Yeti, der hier durchs Berner Oberland stapft. Es ist René Fischer mit seinem ungewöhnlichen Dienstwagen. Denn wenn die letzten Skifahrer im Tal sind und dort schon im Käsefondue rühren, wirft er den großen Dieselmotor seines Pistenbullys an und geht buchstäblich auf die Walz.

Fischer schiebt nicht einfach nur die Schneewehen hin und her. Fast 40 Jahre nach Erfindung der maschinellen Pistenpflege bedient er ein Hightech-Gerät, das den Schneekristallen mit beinahe wissenschaftlicher Akribie zuleibe rückt: Vorn trägt der knallrot lackierte Pistenbully ein gewaltiges Räumschild, das wie die Schaufel eines Radladers hydraulisch und auf den Millimeter genau auf die Piste gesenkt wird. Links und rechts hat er zwei große Flügel, die Fischer auf Knopfdruck öffnet oder schließt. Und am Heck arbeitet eine riesige Fräswelle, die dicke Schneeklumpen und grobe Eisklötze wieder zu feinem Pulver zermahlt und mit einem flexiblen Glättbrett so akkurat verteilt, als hätte ein Riese seinen Kamm über die Hänge gezogen.

Damit das zwölf Tonnen schwere Gerät beim Pistenpräparieren nicht im Schnee versinkt und auf den Bergen nach der Saison wieder das Gras wächst, fährt der Pistenbully auf Ketten, die jeweils 1,50 Meter breit sind. Sie verteilen den Druck so großflächig, dass auf jedem Quadratzentimeter nur noch 50 Gramm lasten. Selbst ein Fußgänger ist für den Boden eine größere Last.

Der Mercedes-Motor mobilisiert 430 PS und 2000 Nm

Rund 300.000 Euro kostet ein Pistenbully, und damit er auch die steilsten Abfahrten bewältigt, wird an Motorleistung nicht gespart: Ein zwölf Liter großer Mercedes-Dieselmotor entwickelt 430 PS und brachiale 2000 Nm; und wenn es mal eilt, schafft die überdimensionale Bergziege bis zu 30 km/h. Wird die Steigung zu arg, stößt aber auch der kräftigste Sechszylinder an seine Grenzen.

Und so nimmt sich der Pistenbully zur Pflege der schwarzen Pisten selbst an den Haken. Dann klinkt Fischer oben am Berg das 1000 Meter lange Stahlseil ein, das auf der drehbaren Winde hinter der Kabine montiert ist, und seilt sich mit dem Pistenbully wie einen Bergsteiger sachte den Hang hinab. Umgekehrt zieht die Winde den Wagen an dem 11 Millimeter dicken Seil wieder hinauf. "Das wäre für sehr späte Skifahrer allerdings einen tödliche Gefahr", warnt Fischer, der ängstlich schaut, ob noch jemand nach Pistenschluss unterwegs ist.

Aber auch ohne dieses Risiko ist der Job in einer der rund 20 Pistenraupen in der Jungfrau-Region kein Zuckerschlecken. Zwar sitzen Fischer und seine Kollegen in einer mollig warm geheizten Kabine auf einem Sessel, der jede Bodenwelle mit einem sanften Schwingen ausgleicht. Die Bedienung mit einem Joystick auf dem hohen Mitteltunnel und einem kleinen Lenkrad, in dem auch Walzen zum Steuern von Tempo und Winde integriert sind, erinnert an die Controller eines Computerspiels, und bei steilen Hängen halten Hosenträgergurte die Fahrer fest im Sitz.

Doch die Arbeitszeiten sind alles andere als wünschenswert: "Jeden Nachmittag sind wir ab 16 Uhr für acht oder neun Stunden am Berg", sagt Fischer. Bei schlechtem Wetter fahren sie auch früh morgens. "Und wenn es dumm läuft und nach dem letzten Einsatz noch mal Schnee fällt, sind wir abends und morgens unterwegs", berichtet der Fahrer.

Die ersten Pistenraupen fuhren bei Olympia 1960

Fischers "PB 300 Polar" ist eines der stärksten und teuersten Fahrzeuge, mit dem der Allgäuer Spezialunternehmer Kässbohrer zu Preisen zwischen 100.000 und 350.000 Euro den Weltmarkt für die Pistenpflege dominiert. Denn die Zeiten, in denen die Abfahrten noch mühsam mit freiwilligen Treterkolonnen präpariert werden mussten, sind zur Freude aller Wintersportler lange vorbei.

Begonnen hat das Maschinenzeitalter in der Winteridylle bei den Olympischen Winterspielen von Squaw Valley 1960 in der Sierra Nevada, wo zum ersten Mal kettengetriebene Fahrzeuge der Armee für ordentliche Abfahrten sorgten. Von den Fernsehbildern und den eigenen Erfahrungen als begeisterter Skifahrer inspiriert, macht sich Lkw- und Busbauer Karl Kässbohrer Gedanken über solche Geräte und präsentiert 1968 den ersten Pistenbully, dem mittlerweile 15.000 weitere folgten.

Nicht alle sind allerdings in den Bergen im Einsatz. Allein 80 Fahrzeuge begleiten Wissenschaftler zu Expeditionen in die Antarktis und sogar im Sommer haben sie gut zu tun, wenn Pistenbullys am Mittelmeer die Strände putzen. An diese Kollegen denkt Bergfahrer Fischer sicher manchmal mit Neid – auch wenn sein Winter bislang nicht sonderlich winterlich war. Wer daraus aber auf mehr Freizeit schließt, der irrt: Statt Naturflocken schiebt er jetzt Kunstschnee.

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