Kampagne gegen Offroader Schweizer Grüne wollen Monster-Geländewagen verbieten

66,7 Liter Spritverbrauch bei Vollgas, ein Kohlendioxid-Ausstoß wie drei Kleinwagen: Trotzdem sind Ökomonster wie der Porsche Cayenne bei wohlhabenden Schweizern sehr beliebt. Die eidgenössischen Grünen fordern jetzt ein Verbot der Luxus-Geländewagen.

Von Michael Soukup


Die Schweiz erlebt seit einigen Jahren einen wahren Geländewagenboom: Mittlerweile gibt's hier europaweit die meisten Offroader pro Kopf - trotz anhaltendem Bauernsterben. Merkwürdigerweise findet sich die größte Dichte an Porsche Cayennes oder Range Rovers ausgerechnet in Zürichs reichen Seegemeinden, der sogenannten Goldküste, oder den Innerschweizer Steueroasen - allesamt bestens asphaltiert. Wirklich angewiesen auf einen 4x4-Auto, so lästern Umweltschützer, seien eigentlich nur Landwirte und Förster. Aber auch für deren tägliche Fahrt durchs schwer zugängliche Berggebiet wie auch Hinterland genüge ein geländegängiger, sparsamer Subaru-Kombi allemal.

Da jedoch Vernunft beim Autokauf meist eine untergeordnete Rolle spielt, möchten die Jungen Grünen den Schweizern mit einer Volksinitiative auf die Sprünge helfen. Die "Initiative für menschenfreundlichere Fahrzeuge" will Autos mit hohem Ausstoß von CO2 oder Feinstaub verbieten. Dabei gehen die Jungen Grünen von den Grenzwerten 250 Gramm CO2 und 2,5 Milligramm Partikel pro gefahrenen Kilometer aus. Überdimensionierte Geländewagen, Sports Utility Vehicles (SUVs), die Fußgänger und Fahrräder übermäßig gefährden, sollen grundsätzlich verboten werden. Ausländische und bereits gekaufte schweizerische Offroader dürften nur noch Tempo 100 fahren.

Seit Ende Februar sammeln die Jungpolitiker unter anderem mit dem linksalternativen Verkehrsclub der Schweiz und Greenpeace Unterschriften. Bisher sind 20.000 zusammengekommen - 100.000 Unterschriften sind nötig, um eine Änderung der Verfassung zu beantragen und diese dem Stimmvolk zur Abstimmung vorzulegen. Zeit dafür bleibt genug, die Sammelfrist läuft im August 2008 ab.

Schweizer Bundespräsident verglich SUV-Fahrer mit Kampfhunde-Haltern

Im Unterschied zum Autoland Deutschland sorgen Geländewagen bei den südlichen Nachbarn immer wieder für heiße Köpfe. "Fahrer von Offroadern werden als Fahrer von Mörderautos beschimpft, es wird ihnen der Vogel gezeigt, ja sogar Fußtritte gegen solche Karossen sind keine Seltenheit", schreibt die "Autorevue" in der April-Ausgabe. Mit einer umstrittenen Kleberaktion haben die Jungen Grünen zusätzlich Öl ins Feuer gegossen. Auf ihren Stickern finden sich ein rot durchgestrichener Geländewagen und Sprüche wie "Nieder mit dem Klima, Tropen für die Schweiz", "Ich saufe für drei" oder "Gib Kindern keine Chance". Mittlerweile sind über 200.000 Stück abgegeben worden, die von Sympathisanten fleißig an das Heck ihrer Hassobjekte geklebt werden.

Als ultimative Provokation umweltbewusster Zeitgenossen gilt der Luxus-SUV Porsche Cayenne. In der Bankenstadt Zürich wimmelt es nur so vor Cayennes. Schließlich weist die Schweiz weltweit auch die höchste Porsche-Dichte auf. Dieses SUV säuft bei Vollgas gleich viel wie der zwölf Tonnen schwere Schützenpanzer der Schweizer Armee: knapp 70 Liter auf 100 Kilometer. "Der Kleber 'Ich bin ein auch Panzer' würde dazu am besten passen", sagt Bastien Girod, Initiator der Anti-Offroader-Kampagne und grünes Mitglied des Zürcher Stadtparlaments, gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Es ist schon zu einem Handgemenge gekommen. Doch das waren Ausnahmen." Legal ist die Kleberei jedenfalls. Die Zürcher Stadtpolizei und das Stadtrichteramt haben in einem Schreiben festgehalten, dass durch die Stopp-Offroader-Kleber-Kampagne nicht gegen geltende Gesetze verstoßen wurde.

Dass die Abneigung gegenüber den SUVs nicht nur von militanten Außenseitern gepflegt wird, zeigt eine aktuelle Umfrage des Schweizer Nachrichtenmagazins "Facts". So befürworten 51 Prozent der Befragten die Einführung einer Sondersteuer für Geländewagen. Und selbst der Schweizer Bundespräsident, Moritz Leuenberger, macht kein Hehl aus seinem Unmut. "Die meisten Offroader braucht es gar nicht. Denn die wenigsten Besitzer wohnen in einem Chalet auf 2500 Metern, das nur über eine holprige Bergstraße erreichbar ist", sagte er letztes Jahr in einem Zeitungsinterview." Zudem stellte der Sozialdemokrat fest, dass es einen starken Willen gäbe, andere zu beeindrucken - ähnlich wie bei den Besitzern von Kampfhunden.

Autoclub: "Es gilt die freie Wahl"

Natürlich bleiben die Anhänger der freien Fahrt für freie Bürger nicht untätig. Patrik Lohri, Berner Automechaniker und Mitglied der Freiheits-Partei (ehemals Autopartei), hat eine rührige Homepage mit dem Namen offroader-ig.ch aufgeschaltet. Darin wehrt er sich gegen den Vorwurf, dass "Offroader wegen ihrer hohen Front und des hohen Gewichts extrem gefährlich für Fußgänger" sind. Viel gefährlicher seien hingegen Lieferwagen, Lastwagen, Trams und Busse. "Ist es Neid, Missgunst, Gutmenschentum, Naivität, falsch verstandener Umweltschutz, echte Sorge um die Umwelt?", fragte wiederum Markus Hutter, FDP-Nationalrat aus Zürich.

Und der TCS, das Schweizer Pendant zum ADAC, hat nur Kopfschütteln für die Jungen Grünen übrig: "Natürlich fahren vor allem Gutbetuchte Geländewagen. Doch wir halten uns an die Devise, dass in einer freien Marktwirtschaft die freie Wahl gilt." Sollte die Initiative vom Stimmvolk angenommen werden, wäre mit Geländewagen in der Schweiz nicht definitiv Schluss. Landwirte, Förster und Handwerker dürften ausnahmsweise weiterhin Offroader fahren.



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