Blow-up-Atlas Deutschland: Auf diesen Autobahnen drohen Hitzeschäden

Von Christoph Stockburger

Blow-up auf der A93 bei Abensberg: Tödliche Gefahr Zur Großansicht
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Blow-up auf der A93 bei Abensberg: Tödliche Gefahr

Das Ausmaß von Hitzeschäden auf Autobahnen ist in diesem Sommer extrem wie noch nie zuvor. Wie viele Fälle gab es schon? Warum ist Bayern so oft betroffen? Liegt es an den alten Betonplatten? Der Blow-up-Atlas Deutschland.

Hamburg - Plötzlich platzte die Autobahn auf. Quer über die Fahrbahn der A93 zog sich ein Riss, wie eine Sprungschanze ragte der Beton zentimeterhoch aus dem Boden. Eine tödliche Falle für den 59 Jahre alten Fahrer einer Harley Davidson: Er bemerkte das Hindernis zu spät, stürzte über die Furche und prallte in die Leitplanke. Noch am Unfallort erlag er seinen Brustverletzungen. Das Unglück ereignete sich im Juni, und der verhängnisvolle Straßenschaden war kein Einzelfall - und noch immer besteht die Gefahr solcher sogenannter Blow-ups.

Laut Josef Seebacher, dem Sprecher der Autobahndirektion Süd, gab es auch in den vergangenen Tagen zwei Hitzeschäden auf der A92. Dabei dehnen sich die etwa vier Meter breiten und sieben Meter langen Betonplatten der Autobahn bei hohen Temperaturen so weit aus, bis der Platz zwischen den Fugen nicht mehr als Puffer reicht und sie aneinanderstoßen und sich aufwölben.

Verzeichnet man alle bisher bekannten Hitzeschäden auf einer Karte, wird deutlich, dass vor allem Bayern betroffen ist. Das Autobahnnetz im Freistaat ist übersät mit Stellen, an denen Hitzeschäden registriert wurden, mehr als zwei Dutzend Mal platzte während der heißen Wochen die Fahrbahn auf. Auch in Sachsen-Anhalt wurden fünf solcher Fälle registriert, ein weiterer in Baden-Württemberg. (Wo das Datum des Schadens bekannt ist, wurde es auf der Karte beigefügt.)

Zwar ist Experten das Problem bekannt: "Blow-ups sind nichts Neues, die gibt es jedes Jahr", sagt Stephan Freudenstein, Professor für Verkehrswegebau an der Technischen Universität München. Weil es in diesem Sommer aber eine "überraschende Häufung" dieser Fälle gab, werden die genauen Ursachen dafür jetzt wissenschaftlich untersucht.

Freudenstein und seine Mitarbeiter sollen herausfinden, ob es zwischen den Dutzenden Hitzeschäden einen Zusammenhang gibt - und wie sich die Blow-ups möglichst gezielt bekämpfen lassen. Denn bisher steht nur fest, dass vor allem alte Autobahnen aus Beton bei hohen Temperaturen anfällig sind. Damit lässt sich aber noch keine Vorhersage treffen, an welchen Stellen die Gefahr besonders hoch ist.

"Die Hitzeschäden früh zu erkennen, ist sehr schwierig, weil sie plötzlich auftreten", sagt Freudenstein. "Die A93 macht zum Beispiel auf den ersten Blick nicht den Eindruck, dass sie völlig hinüber ist." Trotzdem ereignete sich dort der tödliche Unfall des Motorradfahrers.

Tempolimit bei Hitze

Als vorläufige Maßnahme hat die Autobahndirektion Süd ein Warnsystem entlang der gefährdeten Strecken installiert: Ab Temperaturen von 30 Grad und höher herrscht dort jetzt Tempo 80.

"So weit hätte es nicht kommen müssen", sagt Wiebke Thormann. Sie ist Fachreferentin für Straßenbau beim ADAC und kritisiert die schleppenden Sanierungsarbeiten in Bayern. "Da wurde zu wenig für die Erhaltung getan und viele Jahre einfach weggeschaut."

"Seit zwei Jahren sind wir dabei, die alten Autobahnen zu sanieren - davor hatten wir einfach nicht das Geld dafür", begründet Autobahndirektion-Süd-Sprecher Josef Seebacher den schlechten Zustand der Fernstraßen in Bayern. "Jetzt haben wir aber ein anderes Problem", sagt er. "Wir stehen vor der Frage, wie viele Baustellen man den Verkehrsteilnehmern zumuten kann."

Insgesamt müssen seinen Angaben zufolge 400 Streckenkilometer erneuert werden. Für fünf Kilometer brauchen die Straßenarbeiter etwa drei Monate Zeit. Bis die Warnung vor Hitzeschäden aufgehoben werden kann, werden deshalb noch einige Sommer ins Land ziehen: Laut Einschätzung von Seebacher dauern die Sanierungsarbeiten die nächsten zehn Jahre an.

Staus im einstigen Niemandsland

Wenn die Wissenschaftler um Stephan Freudenstein herausbekommen, wo die Gefahr von Hitzeschäden besonders hoch ist, könnten die Baustellen gezielter eingerichtet werden. In etwa sechs Wochen soll es erste Antworten auf die Frage geben, wie schwer die einzelnen Schäden überhaupt waren. Denn nur in "einigen wenigen" Fällen, so Freudenstein, hat sich der Belag so extrem aufgewölbt wie auf der A93.

In den meisten Fällen von Hitzeschäden brachen Betonschollen aus dem Belag, die so groß sind wie eine Handfläche. "Diese Teile sind aber ebenfalls gefährlich", meint er, "weil sie unter der Last eines LKW wegspritzen und andere Verkehrsteilnehmer treffen können."

Trotzdem ärgert es ihn, dass der Eindruck erweckt wird, bei jedem der mehr als drei Dutzend Hitzeschäden handle es sich um einen Blow-up: "Da wird unnötig Panik gemacht." Vor allem warnt er davor, den Baustoff Beton zu verteufeln. Denn im Vergleich zu Asphalt ist er seinen Angaben zufolge langlebiger und einfacher zu reparieren. "Asphalt wird bei extremer Hitze dagegen sehr weich und es bilden sich Spurrillen, die später Aquaplaning-Unfälle verursachen", sagt Freudenstein. "Aber da spricht kaum jemand darüber."

Dass es in diesem Jahr vor allem in Südbayern so viele Hitzeschäden gab, wundert ihn nicht. "Der Betonbelag der A3 ist zum Teil fast 40 Jahre alt und war auf die Verkehrsbelastung zu Zeiten des eisernen Vorhangs ausgelegt. Früher war dort Niemandsland." Nach der Maueröffnung rollte dann allerdings eine unerwartete Welle von Güterverkehr über die Straßen und sorgte für eine Überbelastung. "Eigentlich ist es sogar eine Überraschung, dass der Belag so lang durchgehalten hat", sagt Freudenstein.

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insgesamt 31 Beiträge
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    Seite 1    
1. politikanager
demoforcrazy 10.08.2013
ist doch klar wenn politiker oder manager entscheiden gehts schief die haben andere präferenzen als gute strassen sie sind so beschâftigt nicht verantwortlich zu sein da haben die keine zeit zum problemelösen....
2. Warme Worte
wastl300 10.08.2013
Hier fehlen noch die bunten Bilder, und schon ist die Angelegenheit Schön - geredet. Dieser Selbstverteidigungsbericht sieht nur die Sicht der "billigen" Maßnahme. Aber dass H.Ramsauer CSU bereits bewilligte Gelder für die Straßeninstandhaltung nicht abgerufen hat, damit seine Statistik passt, ... 2008 bin ich schon an einem Blow-Up vorbeigefahren. Ein tolles Gefühl wenn die Autobahndecke Zeltmäßig in Augenhöhe eine Spur blockiert. Auch damals wurde das Phänomen verharmlost, und als Einzelfall hingestellt. Dann jahrelang Ausbesserungsarbeiten mit Kaltteer. Selten wurden Betonteile herausgeschnitten und neu betoniert. Die Sparstatistik stimmt, und die bösen Spurrillen zu beseitigen kostet ja viel Geld, welches die Autofahrer mehr als doppelt bezahlen. Wer auf einer Fahrbahn mit Spurrillen ins Aquaplanig kommt ist wohl selbst schuld. Wie war das noch mit angepaster Geschwindigkeit im Regen?
3. Blow ups
pillorello 10.08.2013
Warum wird dafür kein deutscher Begriff verwendet? Wissen sie eigentlich, wie sich das hier in Sachsen, ausgesprochen auf sächsisch von einem Sachsen anhört? Das ist beinahe so schlimm wie die Blas aufs.
4. Größenwahn
bressagg 10.08.2013
Der Bund baut unentwegt neue Autobahnen für Milliardenbeträge und woanders nimmt man tödliche Unfälle billigend in Kauf, weil das Geld für den Unterhalt der bestehenden Autobahnen fehlt. Jeder neuer Straßenkilometer kostet weitere Milliarden im Unterhalt für die kommenden Jahre - welch ein Größenwahn und Ausgabenverschwendung.
5.
marthaimschnee 10.08.2013
Zitat von sysopvor allem alte Betonplatten
Die A14 und A9 bei Halle-Leipzig ist weißgott nicht alt, die wurden nach der Wende erst gebaut. Die A9 südlich von Leipzig wurde und wird gerade komplett saniert - noch keine 20 Jahre alt - weil die unschlagbar effiziente Privatwirtschaft Beton verbaut hat, der bereits zu DDR Zeiten als untauglich, weil bei Temperaturbelastung blasenbildend, ausgemustert wurde. Hier hat nichtmal irgendwas die Chance, 40 Jahre zu halten! Und in Thüringen ist man überhaupt erst dabei, die Vorkriegsautobahn auf den aktuellen Stand zu bringen, sonst wäre da auch schon wieder alles kaputt. Und daß das was dort liegt so lange gehalten hat, liegt an der Bauweise. Dort sind es nämlich nicht wie heute üblich, in einem Stück gegossene Betonflächen, sondern tatsächlich noch Platten, die immer wieder über Dehnungsfugen Spannung abbauen können. Fährt sich nicht so ganz angenehm, wo die Fuge sich verzieht, hält dafür aber.
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