Mobilität

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Kartellskandal in der Autoindustrie

Das blaue Wunder

Die Enthüllungen über mögliche kartellartige Absprachen offenbaren, wie weit die Autobosse der Realität entrückt sind. Es wird Zeit für einen Weckruf.

Ein Kommentar von

Getty Images

VW-Fahrzeuge (Symbolbild)

Dienstag, 25.07.2017   06:38 Uhr

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So, wie es aussieht, gab es die deutsche Autoindustrie bislang doppelt. Die eine Version war die nach außen dargestellte. Vereint nur im Streben nach technischer Perfektion, dadurch den Herstellern aus anderen Ländern fast entrückt. Das Selbstverständnis wurde zum Ausdruck gebracht in einer Zuschreibung, die von den Firmen geschickt lanciert und längst unkritisch im Branchenjargon etabliert wurde: Premiumhersteller.

Premium. Zu bestaunen auf Automessen, wo sich die deutschen Hersteller in den letzten Jahren mit bombastischen Inszenierungen als Schrittmacher der Branche feierten. Nachzulesen in den Prospekten, in denen vor allem die Dieseltriebwerke als Motoren des ökologischen Fortschritts gepriesen wurden. Clean Diesel. Auf den Heckklappen und Fahrzeugflanken prangten erdichtete Label wie "Bluetec", "Efficient Dynamics", "Blue Motion". Sie trugen das Märchen vom sauberen Diesel auf die Straßen.

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Aber das blaue Wunder gab es nicht.

Stattdessen gab es die zweite Version der Industrie. Der Beginn der VW-Affäre gewährte erste Einblicke, wie es hinter der schillernden Fassade der deutschen Vorzeigeindustrie aussehen könnte. Dieselfahrzeuge, die nur auf dem Prüfstand sauber sind, die geballte deutsche Ingenieurskunst eingesetzt, um möglichst trickreich zu betrügen. Dass die Betrügerei viel tiefer in der deutschen Autoindustrie verwurzelt ist, als es sich vermutlich selbst die glühendsten Kritiker der deutschen Schlüsselindustrie vorstellen konnten, legen die jüngsten Enthüllungen des SPIEGEL nahe.

Kein Kavaliersdelikt, sondern organisierte Kiminalität

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Seit mehr als zwanzig Jahren sollen sich die Hersteller über etliche Details ihrer Produkte abgesprochen und organisiert haben. Dabei sollen sie nicht immer vom Streben nach Perfektion, sondern vor allem vom Streben nach Profit geleitet worden sein, dem sie, Beispiel zu kleiner AdBlue-Tank, die Perfektion willig geopfert haben sollen. Streben nach Profit ist per se nichts Schlimmes. Aber wenn Ausführung und Außendarstellung soweit auseinanderzuklaffen scheinen wie bei der deutschen Autoindustrie, dann wird es problematisch.

Wissentlich Fahrzeuge zu verkaufen, die die Luft verpesten, aber mit Umweltlabel herumfahren, das ist Etikettenschwindel. Sollte sich bestätigen, dass in Hinterzimmerrunden Absprachen getroffen wurden, die die Abgasreinigungskonzepte zugunsten höheren Vertriebsgewinns geopfert haben, stünden Konzernchefs wie Müller, Zetsche, Stadter und Co. sozusagen auf einer Stufe zum Beispiel mit Händlern, die auf ebay Zweite-Wahl-Ware teurer Marken als Originale verkaufen und sich bei Beschwerde auf irgendwelche in Schriftgröße zwei formulierten Ausschlussklauseln in den AGB berufen. Im Falle der Autoindustrie sind das die besonders lasch formulierten Gesetze zum Thema Abschalteinrichtung. Wenn man kartellrechtliche Vergehen nicht als Kavaliersdelikt betrachtet, muss man sagen: Es handelt sich hier um organisierte Kriminalität.

Doch als Kriminelle würden sich die Konzernchefs nie betrachten. Sie stellen sich, und das ist das eigentlich Beängstigende, auf die Bühnen der Messen dieser Welt und verbreiten mit messianischem Gestus Märchen. Wenn sich VW-Chef Müller wiederholt beklagt, es gäbe "eine Kampagne gegen den Diesel" oder BMW in seiner aktuellen Pressemitteilung von "Medienberichterstattung im Zusammenhang mit der Skandalisierung des Dieselantriebs" schreibt, als würden nicht die deutschen Autos, sondern die deutschen Medien tonnenweise NOX in die Luft pusten, kann man nur noch blanken Zynismus attestieren.

Die Wagenburg hat ausgedient

Oder es ist eine gefährliche Form von Autosuggestion, bei der die Chefs ihre Öko-Fabeln selbst glauben. Von beidem sollten sie schleunigst kuriert werden denn ja, die Automobilindustrie ist wichtig für Deutschland, jeder siebte Arbeitsplatz hierzulande hängt an ihr. Gerade deswegen wäre es wichtig, die Hybris der Konzernlenker zu beenden und die beiden Versionen der Autoindustrie wieder zusammenzuführen zu einer, in der Darstellung und Tatsachen eins sind und nicht voneinander entkoppelte Welten. Premium - jetzt wirklich.

Dafür ist keine Wagenburgmentalität gefragt, in der "Kampagnen" gewittert und Schuldige gesucht werden, sondern ein radikaler Kurswechsel - sonst fahren Müller und Co. ihre Firmen an die Wand. Das formulierte am Dienstag sogar der Branchenverband der Automobilindustrie: "Sollten die Untersuchungen der Kartellbehörden die Vorwürfe bestätigen, wäre das nicht nur justiziabel, sondern auch ein Anlass für eine kulturelle Neudefinition innerhalb der betroffenen Unternehmen".

Von der Politik sind in dieser Hinsicht leider keine heilenden Kräfte zu erwarten. Dass sich die Autohersteller von den Anforderungen der Wirklichkeit entkoppelt haben, liegt auch an Gefälligkeitsgutachtern wie Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). Der bereitet aktuell mal wieder im stillen Kämmerlein mit den Konzernlenkern den Diesel-Gipfel vor, bei dem wohl eine für die Industrie kostengünstige Lösung für Vermeidung drohender Fahrverbote gefunden werden soll.

Wer sonst aber soll für den dringend nötigen Reality-Check sorgen, die Autobosse aus ihrem Traumland zurückzuholen? Am Ende werden es wahrscheinlich Richter sein, die in zahllosen Verfahren das Recht von Kunden und Bürgern gegen die Konzerne und eine verfehlte Verkehrspolitik durchsetzen. Und irgendwie ist das ja auch logisch: Kriminelle gehören nun mal vor Gericht.

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