Von Tom Grünweg
Normalerweise ist das Ticken der Uhr das Lauteste, was man in einem Rolls-Royce hört. An diesem Freitag dürfte sich im Phantom VI mit der Fahrgestellnummer PGH101 ein anderes Geräusch in den Vordergrund spielen: das Herzklopfen von Kate Middleton. Denn in der 6,04 Meter langen Luxuskarosse mit rotem Korpus und schwarzem Dach ("Black Over Royal Claret") wird die berühmteste britische Braut seit Lady Diana zur Westminster Abbey chauffiert, um dort Prinz William das Jawort zu geben.
Bislang traten die royalen Bräute diese Fahrt auch stets in einer Kutsche an. Kate bestand jetzt erstmals auf einem Auto und trotzte dem Königshaus diesen Wunsch mit einem kleinen Trick ab: Sie wählte nicht irgendeinen Wagen, sondern das Lieblingsauto der Königin. Es ist ein Rolls-Royce Phantom VI, den Elizabeth II. im Jahr 1977 von der britischen Automobilindustrie zum 25. Thronjubiläum geschenkt bekam.
Für den königlichen Einsatz wurde das Prunkmobil gründlich umgebaut. Der Wagen erhielt ein deutlich angehobenes Dach und entsprechend große Fenster. Das entbindet die Damen des Palastes von vielen Zwängen bei der Wahl des Hutes und garantiert dem Volk einen guten Blick auf seine Monarchen. Die hintere Sitzbank kann übrigens um rund zehn Zentimeter in der Höhe verstellt werden, damit die etwas klein geratene Monarchin bei offiziellen Zeremonien stets gut sichtbar ist
Auch Kate wird im Fond des Wagens also mindestens so gut zu sehen sein, wie hoch oben auf einer Kutsche. Denn es ist kaum anzunehmen, dass sie die im Kofferraum verborgenen Bleche einsetzen lässt, mit denen sich die Royals ein wenig Privatsphäre schaffen können.
Auch die anderen Vorzüge des extrem geräumigen Viersitzers wird sie kaum brauchen: Die eingebaute Minibar dürfte ebenso geschlossen bleiben wie das Fach in der Armlehne, in dem früher mal ein Diktiergerät samt zweier Kassetten und Ersatzbatterien verstaut waren. In den eingebauten Kosmetikspiegel, der immerhin DIN-A4-Format hat, wird sie aber womöglich noch einmal schauen, ehe sie sich vor den Altar führen lässt.
Vornehm und individuell ausgestattet ist ein Rolls-Royce immer. Aber der Rolls der Queen hat darüber hinaus ein integriertes Blaulicht im oberen Rahmen der Frontscheibe (Es dient dazu, den Wagen der Königin innerhalb einer Fahrzeugkolonne schnell identifizieren zu können), ein beleuchtetes Wappenschild am Dach und eine austauschbare Kühlerfigur. Während der Rest der königlichen Familie mit der klassischen Kühlerfigur Spirit of Ecstasy vorliebnehmen muss, thront auf dem Wagen der Queen eine Skulptur des heiligen Georg mit dem Drachen auf dem Kühlergrill, wenn die Queen persönlich das Auto nutzt. Die Technik des Wagens entspricht jedoch dem Serienstand: Wie der normale Phantom dieser Zeit wird auch das königliche Auto von einem knapp 200 PS starken, 6,8 Liter großen V8-Motor bewegt. Natürlich hat er auch wie fast alle königlichen Rolls Royce einen Spitznamen. Er wird wird kurz "Jubilee" genannt, andere heißen "Oil Barrel" oder "Canberra".
Im Dezember bewarfen Demonstranten das Auto mit Farbbeuteln
Der Phantom VI war mehr als 20 Jahre lang die erste Wahl der Queen und damit "State Car No. 1". Erst als die britische Motorindustrie der Monarchin zum 50. Thronjubiläum ein neuen Wagen schenkte, der von Bentley kam und sehr zum Leidwesen überzeugter Patrioten VW-Technik an Bord hatte, rückte der königliche Rolls in die zweite Reihe. Trotzdem war die Limousine immer wieder mal in den Nachrichten; zuletzt leider mit hässlichen weißen Klecksen, nachdem Demonstranten das Auto, in dem Prinz Charles und seine Frau Camilla saßen, im Dezember bei der Vorfahrt am Londoner Palladium mit Farbbeuteln traktiert hatten.
Von den Farbspritzern sei jetzt nichts mehr zu sehen, versichert das Königshaus. "Der Lack war angegriffen und eine Scheibe beschädigt", zitiert die britische Presse Alex Garty, den "Transport Manager" im Buckingham Palace. "Die Reparaturen sind abgeschlossen, und wir haben die Gelegenheit zu einer gründlichen Aufarbeitung genutzt. Das Auto wird bei der Hochzeit glänzen wie am ersten Tag."
Während die königstreuen Romantiker rund um den Globus dem großen Spektakel entgegenschmachten, gab es selbst in der Autoindustrie Überlegungen, wie sich das Ereignis zugunsten der eigenen Schatulle nutzen lassen könnte. Die englische Tuningfirma Project Kahn etwa ersteigerte eigens das Kennzeichen 4HRH (gelesen: "For His Royal Highness") und brezelte drum herum einen blütenweißen Hochzeits-Maybach auf, der sie nun ins Gespräch bringt. Designer Afzal Kahn sagt: "Das ist unsere Art, dem königlichen Paar viele glückliche gemeinsame Jahre zu wünschen." Eine offizielle Mission hat das Auto natürlich nicht - es ist einfach nur eine clevere Werbeidee.
Gerne hätte Rolls-Royce den elektrischen Prototypen zur Verfügung gestellt
Rolls-Royce hingegen hält sich vornehm zurück. Natürlich sind am Firmensitz in Goodwood alle prall vor Stolz, dass Kate in einem Phantom VI chauffiert wird. Doch viel lieber noch hätten sie die Braut in dem aktuellen Elektro-Prototypen 102 EX gesehen, hört man von dort. Denn wo ließe sich die erste elektrische Luxuslimousine der Welt prominenter ins Licht rücken, als bei einem solchen Spektakel? Und wie viel besser hätte ein 394 PS starker Elektromotor zu einer Hochzeit des 21. Jahrhunderts gepasst? "Für solche Marketing-Aktionen sind wir einfach zu zurückhaltend", sagt Rolls-Royce-Sprecher Frank Tiemann. "Wir drängen uns nicht auf."
Das können andere besser - zum Beispiel Lexus. Wenn die Karawane des Hochadels weiterzieht und am 2. Juli in Monaco die nächste Traumhochzeit ansteht, dann rollt dort statt eines barocken Rolls-Royce eine Hybrid-Limousine aus Japan durchs Rampenlicht: In der Langversion des Lexus LS 600h werden Fürst Albert II. und Charlene Wittstock zur Trauung chauffiert. Ganz leise und rein elektrisch wird die Fahrt vonstattengehen, sie ist ja auch nur ganz kurz. Denn Charlene und Albert heiraten nicht in der Kathedrale von Monaco, sondern auf dem großen Platz direkt vor dem Fürstenpalast. Bis dahin sollten die Akkus locker reichen.
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