Kia-Designer Peter Schreyer Der Reiz des leeren Blattes

Was treibt einen wie Peter Schreyer von Wolfsburg nach Namyang? Warum wechselt der einstige Designchef von Audi und VW zum vermeintlichen Nobody Kia? "Weil das für einen Kreativen die reizvollste Aufgabe ist, der man sich stellen kann", sagt er zu SPIEGEL ONLINE.


Als Kia vor wenigen Wochen die Berufung von Peter Schreyer zum neuen Designchef verkündete, ging ein Raunen durch die Branche: Was musste, so die allgegenwärtige Frage, in Wolfsburg passiert sein? Mit welcher Summe haben die Koreaner den Mann geködert? Was bringt einen 53-Jährigen dazu, seine Stifte einzupacken, die Skizzen von der Wand zu nehmen, den Posten als Leiter des Advanced Designs von VW aufzugeben und zu einer Marke zu wechseln, die bislang allenfalls für gute Preise und den weitgehenden Verzicht auf eine eigene Identität bekannt war?

Kia-Chefdesigner Peter Schreyer: Spektakulärer Wechsel von Wolfsburg nach Namyang

Kia-Chefdesigner Peter Schreyer: Spektakulärer Wechsel von Wolfsburg nach Namyang

Mag schon sein, dass es bei den Verhandlungen auch um Geld und Stimmung, Kompetenzen und Verantwortungen gegangen ist. Doch Schreyer selbst nennt - bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Kia-Designchef auf dem Autosalon in Paris - als einzigen Grund für den Wechsel die Aufgabe selbst.

"Was mich gereizt hat, war der immense Gestaltungsspielraum", sagt Schreyer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE und zieht eine überraschende Parallele: Ein Designer bei einer Marke wie VW arbeite wie ein Comiczeichner, der die zehnte, zwanzigste oder vierzigste Folge von "Lucky Luke" oder "Donald Duck" aufs Papier bringen müsse. Die Geschichte ist neu, ein paar Randfiguren tauchen zum ersten Mal auf, aber die wichtigen Gesichter sind immer die gleichen. "Fortschreiben, verfeinern, verästeln, ausarbeiten", sind Verben, die er für diese Arbeit findet.

Neue Ideen anstelle der ewigen Variation des Gleichen

"Bei Kia dagegen beginne ich mit einem leeren Blatt fast ohne jede Vorgabe", sagt der Vater von Autos wie dem Audi TT oder dem VW New Beetle und verwendet dabei Wörter wie "gestalten, definieren, entwickeln oder bestimmen". Das Fazit ist klar: "Etwas Besseres kann einem Kreativen nicht passieren." In Korea genießt Schreyer offensichtlich große Freiheiten, und die Rückendeckung des Kia-Präsidenten ist ihm wohl auch sicher, wenn er dem Design bei Kia einen höheren Stellenwert einräumt als bei VW.

Andererseits steht er auch vor einer gewaltigen Aufgabe. Denn zunächst muss er "der gesamten Marke ein Gesicht geben". Bislang würden die Autos auf der Straße kaum wahrgenommen. Und wenn, dann nicht als solche von Kia. Weltweit gibt es so viele Gesichter wie Modelle, Ähnlichkeiten sind allenfalls zufällig. Deutlich wird das, wenn man bedenkt, das Kia allein mehr als ein Dutzend grundverschiedener Kühlergrill-Formen im Programm hat.

Erste Aufgabe: Ein wiedererkennbares Profil schaffen

"Kia braucht ein Profil", sagt der Designer und will umgehend ein Familiengesicht entwickeln, das die Modelle wahrnehmbar macht und vor Verwechslungen schützt. Dafür muss er ein Destillat aus den Kulturen der wichtigsten Absatzregionen Asien, Europa und Nordamerika finden, das überall gleich gut ankommt. "Denn unterschiedliche Designs für unterschiedliche Märkte soll es künftig nicht mehr geben", sagt Schreyer. Natürlich werde es auch weiterhin Kia-Modelle geben, die nur in Korea oder ausschließlich in den USA angeboten werden. "Doch egal wo und welches Auto man anschaut, es soll in Zukunft immer sofort als Kia zu erkennen sein", sagt Schreyer und spricht dabei von einer Erfahrung, die er auch bei VW gemacht hat. "Egal ob in Deutschland oder in den USA – ein VW sieht überall gleich aus. Sonst ist er nicht 'echt' und kommt nicht richtig an."

Doch Schreyer soll nicht nur das Profil schärfen. Sein Präsident Euisun Chung wolle die "internationale Wettbewerbsfähigkeit vor allem dadurch erhöhen, dass wir künftig deutlich mehr Gewicht auf das Design unserer Modelle legen und der Marke Kia eine starke emotionale Dimension geben." Weil Emotionen für Schreyer "mehr sind, als nur ein paar Linien, die jemand draußen aufs Auto zaubert", müssen wohl in Zukunft auch ein paar neue Modelle her. Einen sportlichen Zweisitzer, einen schnittigen Roadster oder ein Cabrio könnte sich Schreyer gut vorstellen, um die Marke mit Emotionalität aufzuladen, sagt er und weckt damit die Hoffnung auf spannende Studien.

"Auch ein günstiges Auto muss begehrenswert sein"

Dass Kia in völlig anderen Segmenten agiert als seine bisherigen Arbeitgeber und den Kunden der Preis viel wichtiger sein könnte als das Design, ficht Schreyer nicht an. "Auch ein günstiges Auto muss begehrenswert sein", ist er überzeugt. "Das Design weckt die Aufmerksamkeit, erst dann schauen die Kunden näher hin und erkennen die Vorzüge wie Preis, Technik oder Qualität." Bislang ist es damit bei Kia freilich noch nicht so weit her. Doch Schreyer hat bereits ein paar Lieblinge in der aktuellen Modellpalette, die für ihn diesen Anspruch erfüllen: Den Geländewagen Sorento und den Stadtflitzer Picanto, und auch der neue Kompaktwagen Cee’d sei ein gelungener Blickfang.

Doch künftig sollen es deutlich mehr werden. Deshalb bläut er seinen rund 200 Designern eine Maxime ein, die für ihn als Leitfaden gilt: "Ganz gleich an welchem Fahrzeugtyp man arbeitet - das Auto muss immer so begehrenswert, leidenschaftlich, schön und emotional werden, dass man es am liebsten selber fahren möchte." Sein Team mag sich das zu Herzen nehmen; Schreyer selbst dürfte aber in Zukunft kaum zum Autofahren kommen. Weil er pro Monat etwa eine Woche in der Zentrale in Korea, eine Woche im Studio in Kalifornien und zwei Wochen in seinem Büro in Frankfurt verbringen wird, sitzt er wohl eher im Flugzeug als auf einem Fahrersitz.



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