Vergleichstest Stiftung Warentest rät von aufblasbarem Kindersitz ab

Im Test der Stiftung Warentest haben erstmals seit Jahren alle getesteten Kindersitze die Crashtests bestanden - vier Exemplare fielen trotzdem durch.

Zwei Dummys im Kindersitz (Symbolbild)
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Zwei Dummys im Kindersitz (Symbolbild)


Ein handliches Paket wird per Knopfdruck zum Kindersitz - die aufblasbare Sicherung kleiner Kinder klingt traumhaft praktisch. Doch im gemeinsamen Test der Stiftung Warentest und des ADAC zeigte sich, dass das aufblasbare Modell HY5 TT der Firma Nachfolger in der Praxis einige Nachteile hat. So schnitt es in den beiden wichtigsten Kategorien, der Unfallsicherheit und Handhabung, nur mit der Note "Befriedigend" ab. Außerdem war es mit dem Schadstoff Naphthalin belastet, das früher oft in Mottenpulvern oder als Weichmacher eingesetzt wurde und im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen.

Neben diesem Exemplar erhielten noch drei andere Sitze die Gesamtnote "Mangelhaft". So waren die beiden getesteten Modelle "Koos iSize" der Firma Jané ebenfalls mit Naphthalin belastet. Der Osann Fox erhielt in der Hauptkategorie Unfallsicherheit nur die Note "Ausreichend" - und war mit dem Flammschutzmittel TDCP belastet. Dieser Stoff ist vermutlich krebserregend und wurde von der EU-Kommission deshalb in Spielzeug für Kleinkinder verboten.

Allerdings bieten die Firmen Osann und Jané ihren Kunden an, die betroffenen Bezüge gratis austauschen zu lassen. Nachfolger, der Hersteller des aufblasbaren Sitzes, teilte der Stiftung Warentest dagegen mit, man sehe keinen Grund zur Sorge und könne "garantieren, dass unsere Produkte einwandfrei ausgeliefert worden sind".

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Kindersitz
Vorwärts- oder rückwärtsgerichtet - wie sollte ein Kind transportiert werden?
Möglichst lange rückwärtsgerichtet in einer Babyschale. Denn im Fall einer Frontalkollision wird der Hals weniger stark belastet. Der ADAC empfiehlt, Kinder bis zu einem Alter von mindestens zwei Jahren entgegen der Fahrtrichtung zu transportieren. Dafür gibt es sogenannte Reboarder, also rückwärtsgerichtete Kindersitze. Allerdings muss bei der Verwendung so eines Sitzes oder einer Babyschale auf dem Beifahrersitz der dortige Airbag deaktiviert sein.
Wann sollte statt einer Babyschale ein Kindersitz verwendet werden?
Erst, wenn die Kopfoberkante des Kindes nicht mehr in der Schale liegt.
Worauf muss bei Sitzerhöhungen geachtet werden?
Sinnvoll sind solche Erhöhungen erst für Kinder ab circa vier Jahren, da erst dann die Schulter des Kindes stabiler ausgeprägt ist. Wichtig ist, dass der Beckengurt durch große Haken geführt wird und bei einem Unfall nicht in den Bauchbereich rutschen kann. Sitzerhöhungen mit einer Rückenstütze erhöhen die Sicherheit bei einem Seitenaufprall. Außerdem sollte man darauf achten, dass das Kind beim Schlafen nicht aus dem Gurt fällt.
Wann darf ein Kind ohne Kindersitz gesichert werden?
Kinder bis zu einer Körpergröße von 150 cm müssen mit einem geeigneten Kindersitz gesichert werden, damit auch bei größeren Kindern der Sicherheitsgurt wie bei einem Erwachsenen verläuft. Deshalb müssen auch Sitzerhöhungen ausgeprägte Gurthaken vorweisen, da der Beckengurt sonst schwere Bauchverletzungen verursachen kann. Ist ein Kind keine 12 Jahre alt, aber größer als 150 cm und der Gurt verläuft wie bei einem Erwachsenen, ist kein Kindersitz mehr vorgeschrieben.
Worauf ist beim Kauf zu achten?
Vor dem Kauf sollte man sich unbedingt an Testurteilen orientieren. Außerdem muss immer eine Einbauprobe mit Kind und dem jeweiligen Sitz im eigenen Auto gemacht werden, denn nicht jeder Kindersitz passt in jedes Fahrzeug. Bei rückwärtsgerichteten Sitzen oder Babyschalen muss auch der Gurt lang genug sein.
Welche Kinder dürfen auf den Beifahrersitz?
Bei aktivem Beifahrer-Airbag haben rückwärtsgerichtete Kindersitze auf dem Beifahrersitz nichts verloren, denn der auslösende Airbag könnte das Kind sogar töten. Für vorwärtsgerichtete Kindersitze auf dem Beifahrersitz gibt es keine rechtlichen Einschränkungen, die Warnhinweise am Sitz und die Betriebsanleitung sollten aber beachtet werden. Der ADAC empfiehlt, stets den Rücksitz zu verwenden.
Was ist mit dem mittleren Sitzplatz auf der Rückbank?
Neue Kindersitze können meist nur mit einem Dreipunkt-Sicherheitsgurt befestigt werden, also muss der mittlere Sitzplatz mit so einem Gurt ausgerüstet sein. Gleichzeitig sind moderne Kindersitze etwas breiter, weshalb oft keine drei Kindersitze gleichzeitig auf eine klassische Rückbank passen. Gibt es einen passenden Sicherheitsgurt und ausreichend Platz, spricht jedoch nichts gegen den mittleren Sitzplatz.

Insgesamt kam die Stiftung Warentest bei der Bewertung von 14 Babyschalen und vier Kindersitzen jedoch zu einem positiven Ergebnis, denn erstmals seit Jahren bestanden alle Exemplare die Crashtests. Zwei Modelle, der bereits genannte Osann Fox und der Maxi-Cosi Cabrio Fix mit der sogenannten Family-Fix-Basis schützten die Crashtestpuppen beim Seitenaufprall jedoch nur ausreichend. Im Falle eines Unfalles bestünde hier ein höheres Verletzungsrisiko für Kinder als bei anderen Modellen.

Neue Modelle nicht besser als Sieger der Vorjahre

Neben den bestandenen Crashtests punkteten mehrere der aktuellen Modelle beim Komfort. So können Kinder bei manchen Exemplaren in der Ruheposition flach liegen, die Schalen zweier Modelle von Britax und auch der Around U von Chicco lassen sich außerdem um 90 Grad zur Tür drehen, um Babys einfacher anschnallen zu können. Trotzdem schnitten die neuen Modelle nicht besser ab als die besten Exemplare früherer Jahrgänge. Die Stiftung Warentest riet deshalb, in den vier Kategorien der Babyschalen, der Kindersitze für Kinder von neun bis 18 Kilogramm Körpergewicht und ab 15 Kilogramm Körpergewicht sowie bei den sogenannten I-Size-Kindersitzen, bei denen der entsprechende Sitz anhand der Körpergröße des Kindes gewählt wird, zu den Siegern aus früheren Tests.

Video: Crashtest mit Airbag-Kindersitz

REUTERS/ADAC

Neben der passenden Größe und der Unfallsicherheit sollten Eltern jedoch auch auf den richtigen Einbau des Sitzes achten. So ergab eine Studie der Unfallforschung der Versicherer, dass in 48 Prozent der Autos die Kindersitze nicht richtig gesichert werden. Bei Isofix-Sitzen war die Fehlerquote deutlich niedriger, nur 33 Prozent der Sitze mit dieser Sicherungstechnik wurden falsch verwendet. Diese Sitze werden durch zwei Halteösen starr mit der Karosserie verbunden, das reduziert die Vorwärtsbewegung bei einem Frontalaufprall. Gleichzeitig ist der Einbau solcher Sitze vergleichsweise einfach.

ene

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Seite 1
bananaaa! 23.10.2018
1. Realitätsfremde Regelung
Ich habe anscheinend einen Sitzriesen und ein blödes Auto. Kind ist zu gross für den Kindersitz mit Lehne (der aber den Gurt korrekt über die Schulter führt). Mit Sitzerhöhung aber ohne Lehne liegt der Gurt weit ausserhalb der Schulter. Ganz ihne Sitzerhöhung etc: Gurtverlauf perfekt, auch am Becken. Kind aber erst 143 cm. Und nun? Neues Auto?
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