Autogramm Mercedes-Kinderwagen Avantgarde Mein Baby fährt Benz

Mercedes hat es auf unsere Kinder abgesehen. Die Marke hat seit Kurzem den Kinderwagen Avantgarde im Angebot, ein Luxus-Gefährt, das auf Rädern im AMG-Design rollt. Aber überzeugt er auch im Praxistest?

Daimler

Von Martin Wittler


Der erste Eindruck: Schmal, schwarz und mit feiner roter Naht an Haltegriff, Sitzbügel und Stoffdach - Sportlichkeit ist so etwas wie der rote Faden bei diesem Fahrzeug aus dem Hause Mercedes-Benz.

Das sagt der Hersteller: Mit einer "Sternfahrt für die Kleinsten" bewirbt Mercedes den Kinderwagen Avantgarde. Die PR-Poeten drehen bei dem Produkt richtig auf: "Stilbewusstsein und Fahrgefühl" will Mercedes Kindern mit diesem Wagen bereits in die Wiege legen. Für Knowhow-Transfer wandte sich der Autohersteller an den Kinderwagen-Hersteller Hartan. Das Familienunternehmen aus Oberfranken entwickelt und produziert noch komplett in Deutschland, die Optik des von Hartan gefertigten Mercedes-Kinderwagens wiederum entstand in enger Abstimmung mit der Design-Abteilung von Mercedes.

Kinderwagen von Autoherstellern? Neu ist die Idee nicht. Ferrari, Fiat und VW haben bereits seit längerer Zeit Wagen für den Nachwuchs im Sortiment. BMW umgarnte bis 2018 gemeinsam mit dem Kinderwagen-Hersteller McLaren die junge Zielgruppe, dann lief die gemeinsame Lizenz aus. Selbst Porsche ließ einen futuristisch anmutenden Kinderwagen designen. Schlicht und minimalistisch sollte dieser sogar in den Kofferraum eines 911ers passen.

Das ist uns aufgefallen: Genau wie bei den Autos sitzt das Mercedes-Logo an der Vorderseite, und zwar mittig auf dem Verdeck, das sich über dem Kindersitz auffächern lässt. Unter dieser Haube schnurrt natürlich kein Mercedes-Motor, doch ein Herzstück brabbelt oder schlummert dort sehr wohl. Manchmal heult oder brüllt es sogar ordentlich auf, dann wieder ist es mucksmäuschenstill - sogar bei engen Überholmanövern auf dem Gehweg.

Fotostrecke

14  Bilder
Autogramm Mercedes-Kinderwagen Avantgarde: Ein Benz fürs Baby

Ein Hingucker sind die vier Räder der Kinderkarre. Denn die Felgen sind im auffälligen AMG-Style mit je fünf silber-schwarzen Doppelspeichen designt. Doch für das Fahrgefühl sind nicht die schicken Felgen, sondern die Reifen verantwortlich. Wie bei Autos gibt es auch bei Kinderwagen unterschiedliche Reifentypen: Luftpneus, Gummi- oder Kunstreifen. Erstere dämpfen Unebenheiten beinahe komplett ab, sind dafür empfindlicher wenn es über unbefestigte Wege mit spitzen Steinen geht, denn dann geht dem Reifen schnell die Luft aus. Gummi- oder Kunststoffreifen wiederum sind pannensicher, filtern jedoch auch kaum die Ruppigkeiten des Untergrunds. Mercedes bietet daher einen Kompromiss: Luftkammerreifen. Der mit Luftbläschen versetzte Kunststoffreifen hat sich in Sachen Fahrkomfort und Pannensicherheit bei Kinderwagen bewährt und gilt als sichere Wahl.

Durch die Mischbereifung - kleine Vorder-, große Hinterräder - bewegt sich der Avantgarde äußerst wendig. Bordsteine und Unebenheiten lassen sich wegen der kleinen Vorderräder allerdings nicht so einfach überwinden. Ein Pluspunkt: Das Fahrwerk ist so konzipiert, dass sich die beweglichen Vorderräder mit zwei Handgriffen justieren lassen. Das bringt mehr Fahrstabilität, wenn es mal flotter voran gehen soll - eine Art Autobahn-Modus für den Kinderwagen sozusagen.

Das Gefährt wiegt mitsamt Kindersitz 13 Kilogramm und lässt sich in wenigen Sekunden zusammenklappen und auseinandernehmen, sodass es selbst in einen Smart passt. Der Avantgarde ist also in jeder Hinsicht ein Kompaktwagen.

Das muss man wissen: "Das Beste oder nichts" lautet der vollmundige Mercedes-Markenslogan. Dass Eltern an einen Kinderwagen der Marke daher ebenso hohe Ansprüche wie an ein Auto stellen, ist nicht verwunderlich. Schließlich geht es um den Start ihres kleinen Lieblings in die Welt der Mobilität. Dafür, dass die Kleinen in einem Mercedes das Fahren lernen, müssen ihre Eltern 859 Euro hinblättern; so viel kostet die Basisversion des Mercedes Avantgarde.

Erhältlich ist der Kinderwagen in drei Farbvarianten namens "Sport" (schwarz mit roter Naht), "Dolce Vita" (beige/braun) und "Deep Sea" (anthrazit/blau). Für Babys gibt es (339 Euro Aufpreis) eine Falttasche im Mercedes-Design. Die Extra-Liste gibt, ganz wie bei den Großen, einiges her, wo man seine Kreuzchen machen kann: Passende Bettwäsche, Wickeltasche, Fußsack, Windschutzdecke, Kopfstütze und Sonnenschirm in je drei Farbvarianten - natürlich alles mit Mercedes-Stern. In Vollausstattung kostet der Avantgarde dann 1655 Euro. Dafür bekommt man schon einen gebrauchten echten Baby-Benz - so wurde der 190 E genannt, der Vorläufer der C-Klasse.

Das werden wir nicht vergessen: "Quasi unkaputtbar. Bei dem Gerät wird es so gut wie gar keine Reklamationen geben", sagte Marc Mersch, Kinderwagen-Experte des Fachhändlers "Baby Walz", als er den Mercedes Avantgarde unter die Lupe nimmt. Er kennt Produkte von Hartan seit 15 Jahren. Und tatsächlich lief der Avantgarde während der Videoaufnahmen wie am Schnürchen - bis die Kamera ausgeschaltet war. Prompt ließ sich der Kindersitz nicht mehr aus der Verankerung lösen. Es hakte und klemmte im Scharnier. Erst ein kräftiger Ruck löste die Sitzschale aus der Verankerung. Vielleicht gibt es ja auch bei Kinderwagen - wie bei Autos - Montagsmodelle.

Mehr zum Thema


insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
BassErstaunt 04.01.2019
1. Mit Stickoption?
Grandios... bestimmt gibt es da auch die Option für einen ins Verdeck gestickten Spruch in der Art von Per Anhalter durch die Galaxis: "Mein Zweitwagen ist auch ein Porsche". Zumindest auf dem Bild sieht der Radstand sehr kurz aus, die Vorderräder wirklich sehr klein. Nix für Leute, die auch mal gerne lange Spaziergänge machen, aber gut, um aus der Tiefgarage vom Supermarkt aus durch den Laden zu Kurven, wieder ins Auto und dann die Strecke vom Carport bis zur Haustür zu bewältigen. Luftreifen sind dagegen nach meiner Erfahrung gar kein Problem. Laufen leicht und weich und wenn das Kind nicht gerade 50kg wiegt, dann sind die so gering belastet, das die selbst über Scherben problemlos hinwegrollen.
intercooler61 04.01.2019
2. Nee, danke - den eher nicht
Hartan steht für gute Verarbeitung und made in Germany, aber die "AMG-Marge" ist zu frech (ähnlich wie bei den Großen). Mit Babyschale landet man bei 2K = rund das Doppelte des Üblichen für einen robusten und qualitativ guten Concord in Vollausstattung. Es sei denn, man kann die "Dieselprämie" darauf anrechnen lassen? Und: gerade AMG hätte der Lapsus mit den unpraktischen und unfallträchtigen Winzfelgen vorn nicht passieren dürfen. Bleibt lieber bei Eurem Leisten, da seid Ihr meines Wissens (W123, W124, R171) sehr gut. Die Konkurrenz machts ähnlich und auch nicht besser: VW greift mit den fünfstrahligen Swastika-Felgen mal wieder stilsicher ins Klo. Das sind mMn alles Produkte für Markenfetischisten mit hohem Geld/Hirn-Quotienten.
dasfred 04.01.2019
3. In dem Alter sind Kinder noch niedlich
Da muss die teure Verpackung noch nicht ablenken. Im Grunde doch nur ein Gefährt um Papis Ego zu streicheln. Und man kann diese Luxusgefährte nirgends unbeaufsichtigt stehen lassen. Außerdem, wie viele Familien gibt es noch, in denen ein Kinderwagen von Hand zu Hand geht?
dipl.inge83 04.01.2019
4. So spät?
Kaum vorstellbar das der Konzern jetzt erst auf den Zug aufspringt. Die Teile sind doch schon lange Statussymbole, je teurer desto besser. Der Clou: die Anschaffung findet in der Regel vorgeburtlich statt, wenn die Euphorie noch groß ist, da noch kein Schlafmangel auf die Stimmung drückt. Noch dazu ist es oft ein Geschenk der künftigen Großeltern. Und denen ist für das Wunderkind sowieso nichts gut genug. Vollkommen verständlich dieser Zielgruppe möglichst viel aus der Tasche zu ziehen.
murphychord 04.01.2019
5. Echt?
Ein 190E für knapp 1700€? Wo? Ich nehme drei.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.