Klassiker Mercedes-Benz 280 CE - Verprollte Rentnerträume mit Klassikertugenden

Sie waren das lang ersehnte Gefährt in die Jahre gekommener, finanzkräftiger Pensionäre, die den monatlichen Rentenzahlungen mit ihrem Ausgabeverhalten nicht beikamen, nun aber endlich mit metallicfarbenen Mercedes 280 CE ihren Sommerhut hinter der Heckscheibe zum Kaffeekränzchen ausfahren konnten.

Von Mathias Paulokat


Mercedes-Benz W123-Reihe

Mercedes-Benz W123-Reihe

Die Erfinder des Automobils hatten dazugelernt; damals im Jahre 1977, als die Sindelfinger ihr neues großes Mittelklasse-Coupé der selbstfahrenden Öffentlichkeit präsentierten. Denn der 280 CE der Baureihe W 123 C kam wesentlich eleganter, gedrungener und souveräner daher als sein weniger gut verkäuflicher Vorfahre der Strichacht Baureihe. Ein verkürzter Radstand, vorne Breitbandscheinwerfer - Modell Flutlichtanlage - und ein markantes Heck mit Riffelleuchten im S-Klasse-Format, die dem Rechtsspurfahrer schon damals leicht verächtlich blinzelnd zurufen wollten "Und tschüß!" 177 PS, von sechs Krafttöpfen aus 2,8 Liter Hubraum freigelegt, sorgten für standesgemäße Beschleunigung. Von 0 auf 100 in rund elf Sekunden waren und sind für ein leergewichtiges 1,5 Tonnen Auto durchaus respektabel. Nein, die sportliche Note konnte man unter aller objektiver Betrachtung nicht leugnen.

Freude am Fahren

Die Zeichen am Sternenhimmel standen in jener Epoche allerdings vielmehr auf Sicherheit und Perfektion, als Resultat hochgradig ambitionierter wissenschaftlicher Forschungsarbeit. Die Verkaufsprospekte stellten das Sicherheitskonzept des Fahrzeugs vornan, auf die ersten Seiten noch vor den in jener Zeit obligatorischen ausklappbaren Großformatfotos des Coupés. Mit den Crashaufnahmen, den Deformationsskizzen und Textpassagen in sperriger Ingenieurssprache erhielten die Broschüren den emotionslosen Duktus von Beschreibungen für Laborversuchsanordnungen: "Die für Mercedes typische Fahrkultur beruht auf einer perfekten Synthese aus Fahrsicherheit, Fahrkomfort, Fahreigenschaften und Motorleistung. (...) Das Auto als Ergebnis wissenschaftlich erforschter Zusammenhänge beim Fahren. Es hat das Ziel, in dem Funktionsdreieck Fahrer-Fahrzeug-Straße entlastend zu vermitteln." Legaldefinitionen á la Mercedes. Freude am Fahren würde man heute wohl andernorts leicht und locker formulieren. Das indes wäre ehedem viel zu banal gewesen. Der wissenschaftliche Anspruch des guten Sterns auf allen Straßen verlangte ungeteilte Strebsamkeit und Schrauberschweiß. Per aspera ad astra, der Weg zu einem guten Mercedes kostete den Erfindern erhebliche Mühen. Und sie machten keinen Hehl daraus.

Mercedes-Benz W 123-Serie

Mercedes-Benz W 123-Serie

Für derlei automobile Primärtugenden hatten junge Autofahrer in den späten Siebzigern allerdings wenig Sinn. Und auch kein Geld. Mercedes war immer noch etwas für diejenigen, die es geschafft hatten. Heute sieht das anders aus. Ein Blick in den legitimen 280 CE Nachfolger, den Mercedes CLK, beweist dies eindrücklich - unerfahrene Jungspunde allenthalben. Damals hingegen fühlten sich vorzugsweise ergraute Herren von einem Mercedes-Coupé und der kopflastigen und spröden Produktwerbung angesprochen. Sie orderten und kauften recht fleißig den 280 CE für immerhin nennenswerte 31.800 DM in der Grundausstattung im Premierenjahr 1977. Insgesamt brachte Mercedes-Benz 99.884 Coupés an den Mann, darunter auch so - gelinde gesagt - aparte Farbvarianten wie Cayennorange und Moorbraun. Nach heutigen Maßstäben kreischend scheußliche Fehlfarben denen wohl nur Geschmacksverirrte etwas abgewinnen können, damals aber der letzte Schrei. Begehrt war allerdings auch die Grüntonpalette. Wer eine glückliche Hand hatte und seinen 280er in Silberdistel und Zypressengrün wählte, schenkte dem Automobil zeitlose Grandezza.

Prollige Plastikbomber statt Modellbausätze

Dennoch: Selbst den 280er Coupés blieb eine späte Schmach nicht erspart. Als die Gebrauchtwagenpreise gegen Ende der achtziger Jahre auf dem Niveau eines Opel Kadett Jährlings anlangten, stellten sich Deutschlands Bastelkönige die Zweitürer mit Stern auf den Hof. Bei AMG, BBS und Lorinser bestellten sie alles, was ihren Mercer breiter, tiefer und schneller machen sollte. Ganz Wilde montierten sich noch die SEC Haube, die Großsternklappe der S-Klasse Coupés, auf den Vorderwagen. Tatsächlich gelang den Sprühdosenlackierern so, aus einem eleganten Fahrzeug einen prolligen Plastikbomber zu kleben. Tuning nannten sie diesen Frevel. Hätte man ihnen doch bloß mehr Modellbausätze gereicht.

Doch das Tal der Tränen scheint mittlerweile endgültig durchfahren. Auch wenn viele 280er dort nicht mehr herauskamen, nach unentwegt hochgepeitschtem Drehzahlmesser auf der Strecke verendeten. Diejenigen aber, die von den Malträtierungen verschont blieben, mausern sich nun zum echten Klassiker: Die sprungbereite, kraftvolle Silhouette mit vollversenkbaren Seitenfenstern, drei chromumfasste Rundinstrumente im Cockpit, ein großes Lenkrad, der unkaputtbare Doppelnocker unter der Haube und eine rundherum vorbildliche Verarbeitung setzen hohe Qualitätsmaßstäbe im Youngtimersegment. Knackpunkte der gebrauchten 280er bleiben Lenkgetriebe, Hinterachsfedern, Spurstangen, Klimakompressoren, hydraulische Zentralverriegelungen und auch die Automatikgetriebe.

Originalzustand als größtes Glück

Wahre Coupéliebhaber schreckt das keineswegs ab. Rund 10.000 Mark zahlen sie für erhaltenswerte Fahrzeuge. Sie tun gut daran. Nach einem besseren Preis-Leistungsverhältnis muss man bei Youngtimern lange suchen. Ehrliche 280er sind ihr Geld vollends wert. Die sprichwörtlich rentnergepflegten Coupés allerdings sind rar geworden. Und wenn ein noch junger Mercedesfahrer das Glück hat, ein unverbasteltes Exemplar zu ergattern, dann wird er alles tun, um den Originalzustand zu bewahren. Begegnet man einem solchen Fahrzeug im Straßenbild, greift man - eh man sich versieht - zur Ausdrucksweise der Mercedes-Stilisten: "Das Mercedes Coupé. Das Mercedesfahren ist um dieses Auto schöner geworden." Wer hätte das geahnt. Sie haben eben doch Recht behalten, die Sindelfinger.



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