Exoten auf dem Genfer Autosalon: Rein in die Nische
Zwischen den Branchenriesen versuchen auch Zwerge ihr Glück: Auf dem Genfer Autosalon zeigen einige Kleinsthersteller ihre Modelle. Oft stehen sie nur für kurze Zeit im Rampenlicht - die meisten von ihnen verschwinden anschließend für immer.
Die Gummidichtungen passen nicht so ganz, hier und dort franst der Lack etwas aus und die Holzverkleidungen am Armaturenbrett glänzen wie eine Speckschwarte. Doch abgesehen von solchen Kleinigkeiten steht der Sportwagen Anadi der Firma Soleil Motors aus Mailand da wie aus dem Ei gepellt. Soleil-Motors-Chef Adhar Srivastava und sein Vater verdienten ihr Geld als Investmentbanker. Vor zweieinhalb Jahren bekamen sie dann Lust, sich auch als Sportwagenhersteller zu versuchen.
Als Basis des Anadi dient die Corvette, deren 6,2-Liter-V8-Motor mit einem Kompressor bestückt wurde und nun 651 PS leistet. Die Fiberglaskarosserie drumherum ist eine Eigenkreation, der komplette Innenausbau erfolgt nach den Wünschen des Kunden. "Wir wollen nicht, dass jemand bei uns ein Auto kauft, und es dann zum Tuner bringt", sagt Srivastava. "Wir übernehmen die Individualisierung selbst."
225.00 Euro netto kostet das Auto, die Sonderwünsche nicht eingerechnet. Drei Modelle hat Soleil Motors bereits vor wenigen Wochen verkauft, auf der Automesse in Abu Dhabi. Jetzt, in Genf, hofft Srivastava auf weitere Interessenten. Insgesamt 15 Exemplare sollen in diesem Jahr abgesetzt werden, das ist der Plan.
Auf dem Genfer Auto-Salon sind fast jedes Jahr Neulinge wie Srivastava vertreten. Zum Quadratmeterpreis von 110 Schweizer Franken mieten sie sich eine Ecke und werben um Aufmerksamkeit für ihr Produkt. Auf welches Risiko sie sich dabei einlassen, zeigt ein Rückblick auf das vergangene Jahr: In Deutschland sind gleich mehrere Träume von Kleinstserienherstellern geplatzt. Um sich zwischen den Großen der Branche eine Nische zu erkämpfen, braucht es Mut und langen Atem.
99 Mal 900 PS
Diese Tugenden will in Genf das Unternehmen Carrozezeria Touring aus Arese bei Mailand beweisen. Die Italiener versuchen ihr Glück mit dem Modell Disco Volante, dessen tiefrot schimmernder Lack aus etlichen Schichten besteht. Die Grundierung ist goldfarben und sorgt für den noblen Glanz. Mehr als 4000 Stunden Handarbeit stecken in dem Auto, wer sich ein Modell bestellt, müsse mindestens vier Monate auf den Wagen warten, heißt es. Der Preis? Verhandlungssache - aber unter 800.000 Euro läuft nichts.
Auch im Disco Volante, der Stilelemente des bezaubernden Alfa C52 Disco Volante aus den fünfziger Jahren zitiert, steckt ein grundsolider Sportwagen: Das Chassis und der V8-Motor mit 450 PS stammen vom Alfa Romeo 8C Competizione.
Die doppelte Leistung verspricht der spanische Sportwagen-Debütant Spania mit seinem Modell GTA Spano. Um dem Wagen 900 PS zu entlocken, wurde der V10-Motor der Dodge Viper per Doppelturbo verstärkt. "Der Wagen läuft schneller als 350 km/h", behauptet Victor Fuster, der Marketingmann von Spania. 99 Exemplare des GTA Spano will Spania bauen. Kosten soll das Auto 570.000 Euro.
Ein bisschen preiswerter ist da das Modell Furtive-eGT der französischen Firma Exagon Motors aus Magny-Cours. Der Elektrosportwagen kostet 338.000 Euro, laut einer Firmensprecherin hat das Unternehmen bereits 50 Exemplare verkauft. Die Kunden erhalten einen Zweisitzer mit 402 PS, der von zwei Siemens-Motoren angetrieben wird und seine Energie in einem 500 Kilogramm schweren Lithium-Ionen-Akkupaket speichert. Mehr als 300 Kilometer Reichweite sind laut Hersteller damit möglich.
Es geht auch exklusiv und preiswert
Die Geschäftsmodelle der kleinen Exoten ähneln sich meist: Sie suchen nach reichen Kunden, die vielleicht schon einen Ferrari in der Garage haben und nach einem Farbtupfer in der Sammlung Ausschau halten. Sie setzen auf Exklusivität, niedrige Stückzahlen und sehr hohe Preise.
Es gibt aber auch Ausnahmen - zumindest, was die Preisgestaltung betrifft. In Genf ist zum Beispiel der Hersteller Belumbury aus Rom mit einem Stand vertreten. Ab sofort kann man bei den Italienern für 33.000 Euro das E-Mobil Dany ordern. Das ist jedoch die obere Kostengrenze: Das Wägelchen lässt sich abspecken und der Preis drücken - durch kleinere Batterien, weniger Ausstattung, einfachere Technik. Verkaufschef Alessandro Galli sagt, das Auto sei absolut alltagstauglich. "Ich bin mit einer Batterieladung bereits 193 Kilometer weit gekommen."
Ob das Modell Speedi des österreichischen Herstellers EH Line für den Alltag geschaffen ist, dürfte Ansichtssache sein: Dank eines klassischen Bleiakkus mit Niederspannungs-Elektroantrieb (48 Volt) kann daran in praktisch jeder normalen Kfz-Werkstatt gewerkelt werden. Dafür hat der Wagen aber nur eine Reichweite von rund 60 Kilometern - und fällt außerdem durch sein exzentrisches Design auf: Wegen seiner Rundumverglasung erinnert der Speedi an das Papamobil. "Der Witz des Speedi ist doch: Mit dem fallen sie garantiert mehr auf als mit jedem Porsche", sagt Manuel Santer, der Chef von EH Line.
Wie die Hersteller der exotischen Sportwagen sucht der Österreicher sein Glück in der Nische: "Der Speedi ist ideal für den Tourismus, die Fahrgäste haben einen Panoramablick." Die Idee hat offenbar auch Aussicht auf einen Anfangserfolg: "Wir wollen in der Erstauflage 300 Fahrzeuge bauen", sagt Santer, "knapp 60 davon sind bereits bestellt."
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