Crash-Versager Mercedes Citan: Der gefallene Stern

Ein Kommentar von Tom Grünweg

Mercedes Citan: Der Stuttgarter Kastenwagen erzielte im Euro-NCAP-Crashtest drei Sterne Zur Großansicht
Euro NCAP

Mercedes Citan: Der Stuttgarter Kastenwagen erzielte im Euro-NCAP-Crashtest drei Sterne

Seit Jahrzehnten steht Mercedes-Benz für Sicherheit, sie ist die Kernidee der Marke. Jetzt hat der Kastenwagen Citan im Crashtest miserabel abgeschnitten. Für die Schwaben ist das ein Debakel, gegen das die reflexhaft verkündeten Bagatellisierungen und Ausreden nichts nützen - nur radikale Maßnahmen.

"Ein Stern genügt" - mit diesem Slogan wandte sich Mercedes jahrzehntelang selbstbewusst an seine Kunden. Die Botschaft: Wenn es um die Sicherheit geht, kann man sich auf einen Mercedes bedingungslos verlassen. Es war kein hohles Versprechen. ABS, ESP, Bremsassistent, automatische Notbremse, überhaupt Knautschzone und Airbag - alles Erfindungen von Mercedes.

"Ein Stern genügt" - seit der Kleintransporter Citan vor ein paar Tagen beim ADAC mit nur drei von fünf Sternen beim Crashtest miserabel abgeschnitten hat, wirkt diese Aussage nicht mehr wie ein Versprechen, sondern wie das Kalkül gewinngeiler Controller.

Vor allem, wenn sich Sprecher des Unternehmens nachher ungeschickt rechtfertigen. Die Wertung sei auch (und es klingt eher wie ein "vor allem") deshalb zustande gekommen, weil Mercedes Extras wie den Gurtwarner mit Blick auf das preissensible Segment der kleinen Kastenwagen weggelassen habe. Das ist angesichts der eklatanten Mängel im Crashverhalten eine fast schon unverschämte Bagatellisierung.


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Mercedes-Kastenwagen Citan: Der Crashtest-Gau
Es spielt keine Rolle, dass der Citan vor allem ein Nutzfahrzeug ist. Mercedes ist Mercedes, das gilt für den Citan genau wie für die S-Klasse. Oder ist ein Klempner im Kastenwagen etwa weniger wert als ein Vorstandschef in seiner Luxuslimousine? Und hatte nicht Volker Mornhinweg, der Chef des betroffenen Bereichs Mercedes-Benz Vans versprochen, der Citan sei durch und durch ein Mercedes - auch wenn er auf einem Renault Kangoo basiert?

Damals ging es vor allem um Qualität, Materialanmutung und Zuverlässigkeit, mit denen Mornhinweg den satten Preisaufschlag gegenüber dem französischen Original rechtfertigen wollte. Ein Mercedes kostet mehr als ein Renault, aber er bietet auch mehr - das war sein Versprechen. An die Sicherheit hat offenbar niemand einen Gedanken verschwendet.

Und es ist auch kein Trost, dass in dieser Klasse der Ford Transit Custom als einziges Fahrzeug fünf Sterne hat. Und dass manche Konkurrenten nur vier statt drei Sternen haben, weil sie früher testeten und mittlerweile die Kriterien verschärft wurden, ist allenfalls eine billige Ausrede: "Ein Stern genügt" - wenn Mercedes sein eigenes Versprechen ernst nimmt, dann darf es beim Crashtest nicht weniger als die maximale Anzahl an Sternen geben.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Wer jetzt argumentiert, die Mercedes-Manager müssten den Kopf hinhalten für eine Konstruktion, die sie aus Frankreich übernommen haben, der denkt zu kurz. Über Jahre hinweg war Renault in Europa eine der ersten Adressen in Sachen Crashsicherheit, bewarb seine Autos offensiv mit den in den Tests errungenen fünf Sternen.

Offensichtlich hat man sich in der Mercedes-Zentrale auf die Erfolge vergangener Tage verlassen, statt akribisch darauf zu achten, was der Kooperationspartner eigentlich treibt. Fehlende Gewissenhaftigkeit und der Blick fürs Detail aber kennzeichnet viele Kooperationen der Schwaben. So durfte sich Chrysler zwar über die abgelegte E-Klasse als Basis für den 300C und den ersten SLK als Basis für den Crossfire freuen - aber zurückgekommen ist nichts. Die Nutzfahrzeug-Kooperation mit Fuso war fruchtlos und der gemeinsam mit Mitsubishi entwickelte Smart Forfour ein Flop, der übereilt eingestampft wurde.

Das Crashdebakel des Citan bestätigt alle Kritiker, die um den Glanz des Sternes fürchten, wenn sich eine selbsternannte Premiummarke aus Deutschland mit einem Volumenhersteller aus Frankreich verbündet. Denn der Kleintransporter war nur das erste von einer ganzen Reihe von Kooperationsprojekten, die längst nicht mehr zu stoppen sind.

Aus der Vergangenheit lernen

Doch Kooperationen führen nicht automatisch zu Problemen, genau wie Alleingänge einen nicht davor verschonen: VW hat sein Debakel mit gerissenen Steuerketten, Toyota seinen Millionenrückruf wegen der verklemmten Gaspedale, und Audi den PR-Gau mit den abfliegenden TTs, die erst durch das Nachrüsten eines Spoilers gebändigt werden konnten, ganz allein verursacht. Auch Mercedes stand in den letzten Jahrzehnten gleich zweimal selbstverschuldet am PR-Pranger: Erst stürzte die A-Klasse beim Elchtest, dann geriet der Smart im Grenzbereich ins Taumeln und landete sogar auf dem Rücken.

Genau auf diesen Erfahrungen sollten die Schwaben jetzt aber aufbauen. Damals stoppte Mercedes die Auslieferung der A-Klasse, entwickelte in wenigen Monaten das ESP für diese kleine Baureihe zur Serienreife und rüstete zigtausende Autos mit dem Schleuderschutz nach. Erst dieser Schritt hat dazu geführt, dass ESP über Nacht in die Kompaktklasse kam und mittlerweile Standard in allen europäischen Neuwagen ist.

Was man daraus für den Citan lernen kann? Dass der Kleintransporter jetzt nicht mehr mit Ausreden und Vergleichsanalysen zu retten ist, sondern nur noch mit einer schnellen, konsequenten und kostenlosen Sicherheitsoffensive. Und wenn das nicht geht, dann sollte sich Mercedes an den selbst gewählten, neuen Markenclaim erinnern. "Das Beste oder nichts." Für den Citan kann das nur eines heißen: Entweder er bekommt fünf Sterne beim Crashtest, oder man stampft ihn ein.

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1.
niska 25.04.2013
Zitat von sysopSeit Jahrzehnten steht Mercedes-Benz für Sicherheit, sie ist die Kernidee der Marke. Jetzt hat der Kastenwagen Citan im Crashtest miserabel abgeschnitten. Für die Schwaben ist das ein Debakel, gegen das die reflexhaft verkündete Bagatellisierungen und Ausreden nichts nützen - nur radikale Maßnahmen. Kommentar zum Chrashtest-Debakel des Mercedes Citan - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/kommentar-zum-chrashtest-debakel-des-mercedes-citan-a-896434.html)
Was solls. MacGyver bastelt sich seine Knautschzone, aus Marschmallows und einem Stück Berliner Mauer, eh selbst und Daimlerfahrer würden das Ding sowieso nicht anfassen.
2. Der Citan basiert nicht ...
Methusalixchen 25.04.2013
... auf dem Kangoo: Es ist ein Kangoo mit ein bißchen Kosmetik. Badge-Engineering von einer Sorte, für die sich wahrscheinlich sogar Ferdinand "Burli" Piëch zu schade wäre. Und das will was heißen ...
3. Wer kauft was?
spongie2000 25.04.2013
Wer ein langlebiges Auto kaufen will, kauft heute VW. Wer Spaß haben will, kauft BMW. Wer Premium will, kauft Audi. Tatsächlich kann man heute sagen, Mercedes hat seinem Ruf auf allen Ebenen geschadet.
4. Aus welcher Champagner-Laune heraus ...
meinungs_macher 25.04.2013
sind die Schwaben eigentlich auf die Idee gekommen, mit den Franzosen etwas zusammen zu machen. Das musste doch schiefgehen. Wie ein anderer Forist an anderer Stelle schon gesagt hat: BWLer sollten mal das Wort QUALITÄT googlen und sich nicht an Worten wie "Synergie-Effekte" aufgeilen.
5. Mercedes - Renault - Dacia
crnimo 25.04.2013
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