Konsequenz der Pedalklemme: Brems-Gas-Notstopp für alle Toyotas

Von Tom Hillenbrand

Das Image ist beschädigt, überall grassieren Witze zur "ungewollten Beschleunigung" von Toyota-Modellen. Firmenchef Toyoda versucht nun, Vertrauen zu schaffen: Alle Pkw des Konzerns sollen sich künftig durch einen gleichzeitigen Tritt auf Brems- und Gaspedal stoppen lassen.

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Toyota-Chef Akio Toyoda: Verbeugung vor Kunden und Öffentlichkeit

Hamburg/Tokio - In atemberaubender Geschwindigkeit ist der einst meistbewunderte Autokonzern der Welt zur Zielscheibe von TV-Comedians und Internet-Spaßvögeln geworden. "Bei Toyota", höhnte der US-Star Jay Leno unlängst in seiner Sendung, "weigern sich inzwischen sogar die Crashtest-Dummies, einzusteigen." Und den Firmenslogan "Moving forward" haben Twitter-Nutzer inzwischen hundertfach zu "Moving forward - whether you want to or not" umfunktioniert.

Am Mittwochmorgen trat der wegen seines Krisenmanagements in die Kritik geratene Firmenchef Akio Toyoda in Tokio vor die Presse. Der Manager kündigte technische Verbesserungen für seine Fahrzeuge an. Man werde, so Toyoda, in alle zukünftigen Modelle des Konzerns eine neue Bremsvorrichtung einbauen. Das neue System besitzt eine Notaus-Funktion; es drosselt den Motor, wenn Gas- und Bremspedal gleichzeitig betätigt werden.

In den vergangenen Wochen fiel Toyota durch desaströse Krisenkommunikation auf - der Chef tauchte ab, Kunden und Öffentlichkeit wurden nur sehr langsam über die Probleme informiert. Die Notaus-Aktion ist als Befreiungsschlag gedacht - aber man kann sich fragen, ob die Sache nicht nach hinten los gehen wird.

Man muss sich das einmal vergegenwärtigen: Über acht Millionen Autos hat Toyota bislang zurückgerufen - weil Fahrzeuge:

  • nicht unter allen Umständen kraftvoll bremsen
  • über Gaspedale verfügen, die mitunter klemmen - so dass die Wagen nicht mehr anzuhalten sind
  • eine Servolenkung besitzen, die bei hohen Geschwindigkeiten stark schwimmt
  • nach Berichten von Betroffenen aufgrund von Problemen mit elektronisch gesteuerten Gaspedalen plötzlich grundlos beschleunigen

Über 30 Todesfälle werden mit diesen Phänomenen in Verbindung gebracht. Bei den Kunden ist dadurch - nicht ganz zu Unrecht - der pauschale Eindruck entstanden, Gas geben und Bremsen sei bei Toyota-Fahrzeugen Glückssache.

Hilft da eine solche Notaus-Funktion? Niemand möchte ein Auto fahren, dass plötzlich durchdrehen kann. Vermutlich selbst dann nicht, wenn es einen "Killswitch" besitzt.

Vor einigen Jahren hatte der Elektronikriese Sony massive Probleme mit seinen Laptop-Batterien. Die fingen in Einzelfällen plötzlich Feuer und produzierten spektakuläre Stichflammen. Man stelle sich vor, Sony hätte verunsicherten Laptopbesitzern seinerzeit als vertrauensbildende Maßnahme einfach einen Handfeuerlöscher mitgeliefert - so ähnlich mutet Toyotas Notbremse an.

Toyoda kneift bei Kongressanhörung

Obwohl Toyota sich bemüht, alle zurückgerufenen Fahrzeuge schnellstmöglich zu reparieren, wenden sich die Kunden derzeit in signifikanter Zahl ab. In den USA und in Europa hat Toyota bereits mehrere Fabriken geschlossen, weil die Nachfrage nach Autos stark zurückgegangen ist.

Die US-Behörden haben inzwischen eine formelle Untersuchung eingeleitet, weil es zahlreiche Hinweise darauf gibt, dass Manager des Unternehmens schon früh von den technischen Problemen wussten, diese aber für sich behielten.

Zu diesem und weiteren Sachverhalten wollte der US-Kongress Akio Toyoda gerne persönlich befragen. Daraus wird jedoch nichts. Vergangene Woche hatte der japanische Konzern noch mitgeteilt, Toyoda könne wegen des starken Schneefalls in den USA derzeit leider nicht nach Washington D.C. reisen.

Die Anhörung wurde wegen des Blizzards verschoben. Nachdem sich das Wetter inzwischen gebessert hat, soll der Termin kommende Woche nachgeholt werden. Toyota erklärte am Mittwoch jedoch, sein Vorstandschef werde sich bei dem Termin von anderen Managern vertreten lassen.

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Was deutsche Toyota-Besitzer wissen müssen
Was genau stimmt mit den Gaspedalen nicht?
In seltenen Fällen besteht die Möglichkeit, dass das Gaspedal nicht mit gewohnter Geschwindigkeit in seine Ausgangsposition zurückkehrt. Dann kann es in der getretenen Position verbleiben, und das Auto fährt weiter, statt stehenzubleiben.
Wie kommt es zu diesem Defekt?
Kondenswasser, das durch den Einsatz der Heizung bei kalten Temperaturen oder durch andere Ursachen in das Auto gelangt, kann zu erhöhter Reibung innerhalb des Bauteils führen. Wenn dies geschieht, besteht die Möglichkeit, dass das betätigte Gaspedal langsamer als gewohnt in seine ursprüngliche Position zurückkehrt oder in der betätigten Position verbleibt.
Welche Modelle sind betroffen?
Betroffen sind in Deutschland die folgenden Modelle in den genannten Produktionszeiträumen:

Aygo (Februar 2005 - August 2009)

iQ (November 2008 - November 2009)

Yaris (November 2005 - September 2009)

Auris (Oktober 2006 - 5. Januar 2010)

Corolla (Oktober 2006 - Dezember 2009)

Verso (Februar 2009 - 5. Januar 2010)

Avensis (November 2008 - Dezember 2009)

RAV4 (November 2005 - November 2009)

Warum hat mich Toyota noch nicht informiert?
Erst heute hat Toyota Deutschland die genaue Zahl der betroffenen Fahrzeuge bekanntgegeben. Nach Unternehmensangaben wurden dem Kraftfahrtbundesamt die Fahrgestellnummern aller betroffenen Autos bereits mitgeteilt. In Kürze sollen alle Fahrzeughalter informiert werden.
Wird Toyota mein defektes Gaspedal austauschen?
Nein. In der Werkstatt wird lediglich ein sogenanntes Distanzstück in das fragliche Bauteil eingesetzt. Mit Hilfe dieses Distanzstücks wird der Anpressdruck zwischen zwei Oberflächen reduziert, was zu einer geringeren Reibung führt. Das Distanzstück verstärkt zudem die Druckkraft der Feder, die das betätigte Gaspedal in seine ursprüngliche Position zurückbringt. Der Austausch dauert etwa 30 Minuten.
Kann ich beim Hersteller weitere Informationen bekommen?
Toyota hat eine Rückruf-Hotline unter der Nummer 02234/102-7777 eingerichtet.
Es soll auch Probleme mit dem Hybridauto Prius geben. Geht es da auch um das Gaspedal?
Nein, um ein defektes Bremspedal. Toyota hat in Japan und im Ausland Beschwerden erhalten, dass die Prius-Bremsen auf unebenen Straßen oder bei Schlaglöchern kurzzeitig nicht funktionieren.
Gibt es einen Prius-Rückruf in Deutschland?
Ja, von dem neuen Rückruf bei Toyota sind in Deutschland knapp 4000 Fahrzeuge des Modells Prius betroffen. Wer einen Prius der dritten Generation besitzt, sollte in eine Werkstatt fahren. Das Auto erhält dann ein Software-Update des Antiblockier-Systems (ABS). Betroffen sind Fahrzeuge, die in der Zeit vom 7. April 2009 bis zum 27. Januar 2010 hergestellt wurden..

Fotostrecke
Toyota-Historie: Ein Autohersteller mit IQ
Große Rückrufaktionen
Autohersteller mussten schon oft Fahrzeuge wegen möglicher Sicherheitsgefahren in die Werkstätten zurückrufen. Mehrfach waren mehr als eine Million Wagen betroffen - eine Übersicht.
Oktober 2009
Ein kleiner Schalter beschert dem US-Autobauer Ford die größte Rückrufaktion seiner Geschichte. Weil ein defekter Geschwindigkeitsregler Feuer auslösen kann, muss der Hersteller in den USA 4,5 Millionen ältere Modelle zurückrufen. Von dem seit langem bekannten Defekt des Tempomat-Schalters sind damit seit 1999 insgesamt rund 16 Millionen Fahrzeuge betroffen. Die Modelle stammen aus den Jahren 1992 bis 2003.
Januar 2009
Der japanische Autobauer Toyota ruft mehr als 1,35 Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten, weil es Probleme bei den Sicherheitsgurten und der Abgasanlage gibt. In Japan betrifft der Rückruf rund 526 000 Kleinwagen. Weitere 830 000 Fahrzeuge wurden im Ausland verkauft, vornehmlich in Europa und Nordamerika.
Dezember 2007
Ford ordert 1,17 Millionen Fahrzeuge wegen eines defekten Motorsensors zurück. Es handelt sich um Lastwagen, Geländewagen und Vans der Baujahre 1997 bis 2003.

April 2005
Wegen möglicher Sicherheitsmängel sollen mehr als zwei Millionen Fahrzeuge des US-Autobauers General Motors in die Werkstatt. Darunter sind 1,5 Millionen Kleinlaster und Geländewagen, bei denen es Problemen bei den Sitzgurten gibt. Von dem Rückruf sind hauptsächlich Fahrzeuge in den USA betroffen, darunter der Cadillac Escalade, der Yukon und der Hummer H2.

März 2005
DaimlerChrysler ruft weltweit 1,3 Millionen Mercedes-Personenwagen zur Überprüfung von Elektronik und Bremsen in die Werkstätten zurück. Bei bestimmten Modellen vom Baujahr 2001 an werden Spannungsregler der Lichtmaschine, die Software der Stromversorgung sowie Bremsanlagen geprüft.
November 2004
In Nordamerika sollen fast 1,5 Millionen von General Motors gebaute Fahrzeuge überprüft werden. Rund 947 000 Geländewagen müssen wegen einer schadhaften Heckleuchte repariert werden. Bei anderen Autos gibt es Probleme mit dem Gaspedal.
Januar 2004
Die Chrysler Group ruft 2,7 Millionen Autos der Modelljahre 1993 bis 1999 wegen möglicher Probleme mit dem Automatikgetriebe zurück.
Oktober 2003
Wegen eines Motordefekts ordert der japanische Autobauer Nissan weltweit 2,56 Millionen Fahrzeuge zurück. Betroffen sind 25 Modellreihen, die zwischen April 1998 bis September 2003 hergestellt wurden. In Deutschland und Europa sind die Modelle Almera, Almera Tino, Primera und der Geländewagen X-Trail betroffen. In den USA werden etwa 700 000 Fahrzeuge und in Japan 1,02 Millionen Wagen zurückgerufen. ssu/dpa

Toyota-Hotline

Die Toyota-Hotline zur Rückrufaktion:

02234 / 102-7777



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