Autogramm KTM Freeride E-SM Nutzt ja nix

Die KTM Freeride E-SM ist ein typisches Elektromotorrad: ungeheuer unterhaltsam, aber im Alltag eher untauglich. Dabei macht die Maschine vor allem im Stadtverkehr eine gute Figur.

KTM

Der erste Eindruck: Läuft. Die Freeride E-SM soll wohl das Fahrzeug für den Urban Jungle sein; jung und bunt, leichtfüßig und lautlos.

Das sagt der Hersteller: "Die Freeride E-SM ist kein vernunftgetriebenes Allzweckfahrzeug, sondern wie jede KTM ein ausgewiesenes Spaß- und Sportgerät", sagt Joachim Sauer, Produktmanager Offroad bei KTM und seit einigen Jahren auch verantwortlich für den Entwicklungsbereich Elektromobilität.

Mit dieser Fokussierung und dem Slogan "Ready to Race" ist KTM in der Vergangenheit gut gefahren: 2014 war mit fast 160.000 verkauften Fahrzeugen das beste Jahr in der Firmengeschichte. Und das erste Quartal 2015 ist laut Unternehmensangaben sogar noch mal 27 Prozent besser gelaufen als der gleiche Zeitraum im Vorjahr.

Der Hersteller aus dem österreichischen Mattighofen kann es sich deshalb auch leisten, am Zuschussgeschäft Elektromobilität zu laborieren: Motorräder mit E-Motoren sollen langfristig das zweite KTM-Standbein werden; seit vergangenem Jahr sind nun die ersten Sport-E-Bikes fürs Gelände auf dem Markt. Der Absatz ist überschaubar. Ab Mai 2015 kommt nun die Straßenversion KTM Freeride E-SM dazu.

Das ist uns aufgefallen: Aufsitzen, Strom an - und der Tritt geht ins Leere. Die Freeride E-SM hat weder Schalthebel noch Bremspedal, und daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Statt des Kupplunghebels ist am linken Lenkerende der Griff für die Hinterradbremse montiert. Beide Bremsen greifen gut - und das ist dringend nötig: Der wassergekühlte Elektromotor leistet in der Spitze 16 kW (22 PS) und hat aus dem Stand ein Drehmoment von 42 Newtonmeter. Mit anderen Worten: Die E-SM geht bei lediglich 111 Kilo Gewicht ab wie Schmidts Katze.

Über dem massiven Akku-Block mit 360 Lithium-Ionen-Zellen und 2,6 Kilowattstunden Speicherkapazität blinkt das Steuerdisplay, das den Ladezustand anzeigt. Hier wird auch einer der drei Fahrmodi Economy, Standard oder Advanced angewählt. Mit Economy ist die Fahrleistung auf maximal 55 km/h begrenzt; im Advanced-Modus ist die Freeride auf maximale Beschleunigung und eine Höchstgeschwindigkeit von über 90 km/h getrimmt.

Das Bike ist dabei schmal gebaut, unglaublich handlich und schlängelt sich so durch die Kolonnen im Stadtverkehr. Im ersten Moment hat man den Eindruck, als sei es vollständig aus ultraleichten Mountainbiketeilen montiert: Das Verbundfahrwerk aus Chrom-Molybdän, verschraubten Alu-Profilen und einem Heck aus glasfaserverstärktem Polyamid ist ebenso wie die WP-Federgabel hochwertig verarbeitet.

Genauso hochwertig ist auch der Fahrspaß. Die Beschleunigung an der Ampel: überragend. Wheeliegefahr: hoch. Und das schöne dabei: Der Sympathiefaktor liegt noch höher, denn mit dem leisen Elektrofahrzeug fliegen einem Herzen und Blicke zu.

Das muss man wissen: Wie üblich bei auf Gewicht getrimmten E-Bikes hält die Fahrfreude mit der elektrifizierten Freeride nicht lange vor: Nach spätestens einer Stunde oder schätzungsweise 55 Kilometern rutscht der Ladezustand in den roten Bereich und die E-SM muss für mindestens 60 Minuten ans Netz.

KTM hat aus Platz- und Gewichtsgründen das Ladegerät nicht in das Fahrzeug eingebaut - entweder man landet also nach der Maximaldistanz wieder beim externen Ladegerät, oder man schiebt. Auch das ist - gelinde gesagt - gewöhnungsbedürftig. Für Joachim Sauer ist die Kurzstrecke kein Problem: "Als wir das Freeride-Paket geschnürt haben, stand der reine Nutzwert nicht im Zentrum. Wir sehen das Fahrzeug eher in der Hand von Enthusiasten, die etwas Besonderes als Zweitfahrzeug suchen."

Der Spaß hat einen saftigen Preis: Die Freeride E-SM kostet 11.595 Euro. Ein zusätzlicher Akku-Block zum schnellen Wechsel schlägt zusätzlich mit 3205 Euro zu Buche.

Die gute Nachricht für vermögende Jugendliche (oder solche mit vermögenden Eltern): In Deutschland darf man die Maschine bereits ab 16 Jahren fahren; mit der formellen Dauerleistung von 11 kW (15 PS) fällt die KTM Freeride E zulassungs- und versicherungstechnisch in die Führerscheinklasse A1.

Das werden wir nicht vergessen: Mit einem kleinen Trick - und etwas Kleingeld - kann man aus der Freeride E-SM zusätzlichen Nutzwert und vor allem Spaß herauskitzeln: Das Fahrzeug wird serienmäßig mit einem 17-Zoll-Vorderrad und Straßenbereifung ausgeliefert. Bestellt man zwei weitere Felgen - 21 Zoll vorn, 18 Zoll hinten - mit entsprechender Stollenbereifung mit, bekommt man quasi eine Leicht-Enduro fürs Gelände gratis.



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blob123y 16.05.2015
1. Das ist irgendwie laecherlich
Alleine fuer den zusaetzlichen Accublock kann ich mir eine ganze konventionelle Honda kaufen die etwa dieselben Fahr -/ Leistungsparameter hat und die frisst auch fast keinen Spritt. Auf diese Art & Weise von KTM wird E Mobile no mobile.
FlameDance 16.05.2015
2. Eigentlich geil!
Das ist die richtige Richtung. Ohne ein akzeptables Minimum an Reichweite aber nur ein schönes Spielzeug, leider.
dwg 16.05.2015
3.
Ohne ein eingebautes Ladegerät - von mir aus mit längerer Ladezeit - ist das Teil mit dem unhandlichen Kofferladegerät ein nutzloser Witz und nur im Umkreis von 15km um die heimische Garage einsetzbar. Ein solches eingebautes Ladegerät mit z.B. 500W hätte den Akku in gut zwei Stunden halb voll und würde kaum mehr als 2kg wiegen. So ist das eher als Viert- oder Fünftfahrzeug zu sehen.
Leser161 16.05.2015
4. E-Vision
Aufgrund des geringen Gewichtes kann das E-Motorrad als erstes alltagstaugliche Reichweiten erreichen (80 totsichere km dürften für die meisten Pendler reichen. Und der Arbeitsweg dürfte bei vielen Leuten einen Grossteil des Transportbedarfes ausmachen). Dafür müssten aber noch ein paar Erleichterungen drauf: - Eigene Spuren um der morgendlichen Blechlawine ausweichen zu können. Da das Motorrad wenig Verkehrsfläche braucht, ist das machbarer als beim E-Auto. - Eine Einstandpreis der das E-Motorrad billiger macht als eine vergleichbare Benzinmaschine (Eine 125er-250er reicht eigentlich, wenn es nur um Transportzwecke geht) - Herausnehmbare Akkupacks zum Laden in der Wohnung, für Leute ohne Garage. Wenn das erfüllt wäre, wäre das E-Motorrad eine sehr gute Lösung für einige Verkehrsprobleme.
jasmin.deneke87 16.05.2015
5. Tco
Die Gesamtkosten sind es neben den "Tankpausen", die dem Konzept E-Fahrzeug, erst recht E-Motorrad, die Bilanz verhageln. So interessant die Kombination aus geringem Gewicht und Leistung auch sein mag, ist der Preis des "Ohne-Motor-Rads" einfach weit jenseits einer bodenlosen Frechheit. Wenn " E-Vision" die Freeride als Fahrzeug für Pendler sieht, frage ich mich, wann die kosten jemals wieder eingefahren werden -zumal Pendler, die fünfstellige Beträge mal eben für ein Zweirad zahlen, sicher nicht ganzjährig damit fahren würden. Allein der Preis eines Ersatzakkus entspricht den Benzinkosten eines 22PS-Motorrads auf 100.000 Kilometern! Dazu kommt der Stromverbrauch, der auch nicht bei Null liegt, besonders, weil Ladegeräte meist die ganze Nacht in der Steckdose bleiben. Ich bin der genannte "Berufspendler mit Motorrad" und fahre eine CB500 älteren Baujahres. Die hat 58 PS, braucht rund vier Liter auf 100 und hält laut Dauertests schon mal 300.000 Kilometer. Gebraucht zahlt man dafür vielleicht ein Zehntel des KTM-Preises (meine war noch weit billiger). Reichweite mit 18 Liter Tankfüllung: 450 km. Auftankzeit bis Tank voll: eine Minute. Ich habe damit das Konzept der Zukunft gefunden, schneller, nachweislich haltbarer und billiger sowieso. Apropos billig: über Ihren Satz, wonach zwei zusätzliche Kompletträder zum Enduroumbau "kostenlos" wären, habe ich sehr gelacht. Hier lohnt auch für sehr unbedarfte Redakteure ein Blick in die Preislisten von KTM: allein dafür gibt es die nächste CB500. Übrigens: schon der benzingetriebenen Freeride verhagelt der Preis jeden wohlmeinenden Kommentar. Wir reden hier eher vom Sechstspielzeug für den Scheichsohn und bestimmt nicht von der Lösung irgendwelcher Verkehrsprobleme -Probleme, die sicher nicht von benzingetriebenen, sparsamen Motorrädern verursacht werden.
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