Kultauto Volt General an der Graswurzel

Plötzlich interessieren sich Nerds für Autos: Im Internet avanciert GMs geplanter Elektrowagen Volt zum Kultobjekt. Auf der New York Auto Show durften Blogger und Fans das Konzernmanagement befragen - Protokoll eines extrem cleveren PR-Coups.

Aus New York berichtet


George sieht nicht wie ein Autofan aus - sondern eher wie jemand, der Computermessen und Star-Trek-Conventions frequentiert. Der Mittvierziger trägt Scheitel und Kassenbrille, über sein kariertes Hemd hat er ein zu weites T-Shirt gezogen. "Ich bin extra aus Chicago hierher gekommen", ruft er den versammelten GM-Managern entgegen, "der Volt ist das interessanteste Auto aller Zeiten." Das Treffen der so genannten Volt Nation ist der vielleicht wunderlichste Event der diesjährigen New York Auto Show. Obwohl die Messehallen zurzeit eigentlich noch für das Publikum gesperrt sind, haben sich auf General Motors' Einladung hin 300 Elektroautofans im Javits Convention Center versammelt. Sie möchten ein Gefährt bestaunen, das es noch gar nicht gibt: Den Chevrolet Volt, einen batteriebetriebenen Viersitzer, den Amerikas größter Pkw-Hersteller ab 2010 anbieten will.

Angezettelt hat das Graswurzel-Meeting Lyle Dennis, ein Neurologe aus New York. Er sei eigentlich eher an Computern interessiert, aber als er das erste Mal von GMs Plänen gehört habe, "wurde mir das ungeheure Potential klar". Der hagere Mediziner startete deshalb vergangenes Jahr die Web-Seite GM-Volt.com. Nutzer debattieren dort über jedes neue Volt-Detail, das der Konzern aus Detroit veröffentlicht. Etwa 100.000 Besucher besuchen die Seite pro Monat, sagt Dennis - eine ziemlich beachtliche Zahl.

Marketingchancen blitzschnell erkannt

GMs PR-Strategen realisierten offenbar sofort, welch fantastische Marketing-Möglichkeit sich dem Unternehmen da bot. Der Volt ist ein völlig neues Produkt - was kann dem Unternehmen besseres passieren, als dass sich zwei Jahre vor Verkaufstart eine Internet-Fanbewegung formiert? Lyle Dennis wurde von GM mehrfach zu Diskussionen mit dem Volt-Entwicklungsteam eingeladen. Er weiß vermutlich mehr über das Projekt als die meisten Autojournalisten.

Dennis schlug GM vor, eine kleine Volt-Fragestunde mit Fans und Entwicklern zu veranstalten. Früher hätte GM ein derartiges Ansinnen vermutlich rundheraus abgelehnt. "The General" galt lange als kundenferner, zahlenverliebter Koloss. Insofern ist das Volt-Meeting eine 180-Grad-Wende. Denn für die Veranstaltung in Manhattan hat das Unternehmen praktisch das gesamte Volt-Management und alle wichtigen Entwickler aufgefahren. Ein Volt-Modell parkt in der Mitte des in Grün gehaltenen Standes, dahinter steht auf großen Bildschirmen "Volt Nation".

Anderthalb Stunden lang löchern die Elektroautofreaks Projektleiter Frank Weber und seine Kollegen. Was wird der Volt kosten? Funktioniert er auch mit 220 Volt? Und kann man unterwegs seinen Elektrogrill an das Fahrzeug anschließen? Die Antworten sind durchaus ausführlich. Auch GMs charismatischer Starmanager Bob Lutz ist anwesend. Der oberste Produktentwickler trommelt mächtig für sein Baby. "Der Volt ist das Äquivalent des Ford Model T", tönt er. Das hehre Ziel sei es, Emissionen zu vermeiden. "Das weniger hehre Ziel lautet, Toyota eins in die Fresse zu geben".

Die anwesenden Elektroauto-Geeks johlen begeistert. Neben GM basteln zwar auch Nissan, Toyota und andere Hersteller an vergleichbaren Fahrzeugen - aber Chevy ist für sie wie für die Deutschen Opel: irgendwie ehrlich, bodenständig, ein Stück Heimat. "Mein Vater war ein Autoverkäufer aus der Bronx", sagt Dennis. "Er hat mir eingeschärft, immer amerikanische Autos zu kaufen". Um die ersten 1000 Volt-Kunden muss sich GM vermutlich keine Sorgen mehr machen.

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