Kundenpflichten beim Reifenwechsel: Heidelberger Richter stiften Verwirrung

Von Hans-Ulrich Poppe

Ein Urteil, das mehr Fragen aufwirft als beantwortet: Eine Werkstatt muss ihren Kunden nach einem Reifenwechsel sehr deutlich darauf hinweisen, dass nach 50 bis 100 Kilometern eine Kontrolle der Radmuttern nötig ist. Sonst haftet sie, wenn nach 1900 Kilometern ein Rad abfällt - aber nicht ganz.

Reifenwechsel: Kontrolle nach 50 bis 100 Kilometern dringend erforderlich Zur Großansicht
DPA

Reifenwechsel: Kontrolle nach 50 bis 100 Kilometern dringend erforderlich

Egal, ob Sie sich den Reifenwechsel selbst zutrauen oder dafür lieber den Fachmann bemühen, nach einer Fahrtstrecke von 50 bis 100 Kilometern sollten Sie die Radschrauben noch einmal überprüfen. Wenn Sie die Werkstatt dafür bezahlt haben, lassen Ihnen die Gerichte im Schadensfall ein Hintertürchen. Wenn auf der Rechnung nicht unübersehbar eine Warnung steht, dürfen Sie sich auf Ihre Unkenntnis berufen.

Das Landgericht Heidelberg (1 S 9/2010) hat kürzlich in diesem Sinne entschieden. Der Kläger hatte ein Rad verloren, nachdem er rund 2000 Kilometer mit neu montierten Reifen zurückgelegt hatte. Die Radmuttern hatte er zwar nach 100 Kilometern nicht kontrolliert, trotzdem treffe die Werkstatt eine Mitschuld, weil diese ihn nicht über die Risiken aufgeklärt habe.

Die Rechtfertigung der Werkstatt mit dem Hinweis auf der Rechnung ließen die Richter nicht gelten. Vielmehr gebiete die Aufklärungs- und Beratungspflicht, dass der Reifendienst den schriftlichen Hinweis so auffällig platziert, dass der Kunde diesen praktisch nicht übersehen oder überlesen kann, also beispielsweise dort, wo er zu unterschreiben hat, am besten noch mit farblicher Hervorhebung oder Fettdruck.

Fehlt ein solch deutlicher Hinweis, dann hat nach dem Urteil die Werkstatt den Schaden zu ersetzen, der bei einem Unfall entsteht, wenn sich ein Radbolzen löst.

Technische Sachkunde entscheidet

Das gilt im Übrigen sogar dann, wenn Sie im Besitz eines Doktortitels sind: Das Landgericht Heidelberg meint nämlich, dass dieser Umstand nicht auf eine besondere technische Sachkunde des Kunden schließen lassen könne. Die Werkstatt sei es vielmehr, die die entsprechende Sachkunde habe, und wenn sie dem Kunden die Verantwortung zuschieben wolle, müsse sie eben beweisen, dass dieser eine besondere technische Sachkunde in Bezug auf das Schraubennachziehen habe. Als Kfz-Mechaniker wären Sie also beim Landgericht Heidelberg sicherlich nicht so gut weggekommen wie der klagende Akademiker. Als Werkstattinhaber könnten Sie jedoch besser wegkommen, wenn Sie einen Techniker als Kunden haben. Dann könnte die Hinweispflicht sogar ganz entfallen, meint das Landgericht.

Ist damit alles klar? Nein. Auch der promovierte Akademiker ist nicht ganz unbeschadet aus dem Gerichtssaal gekommen: Ihm erklärt das Gericht nämlich, dass auch ein technisch nicht besonders gebildeter Kunde selbst noch nach 1900 Kilometern Wegstrecke, die er unbeschadet mit neuen Reifen am Auto überstanden hat, bei plötzlich auftretenden Geräuschen argwöhnen müsse, dass diese auf ein lockeres Rad hindeuten könnten. Ein Gutachter hatte das Gericht nämlich darin bestärkt, dass eine drohende Ablösung des Rades sich durch verändertes Fahrverhalten und Geräuschentwicklung ankündigt. Hier hätte also auch ein technisch ungebildeter Kunde langsamer fahren und dem Fehler auf den Grund gehen müssen.

Einige Fragen ungeklärt

Das Urteil des Gerichts enthält also durchaus ein wenig von der Weisheit des berühmten israelischen Königs Salomon: Es weist der Werkstatt 70 Prozent der Schadensumme zu, weil sie nicht aufgeklärt hat, 30 Prozent muss der Kläger jedoch selbst tragen, weil er unbekümmert weitergefahren ist.

Oder ist es doch nicht so weise? Leise Zweifel stellen sich ein, wenn man das Urteil in Kurzform Revue passieren lässt: Der Kunde ist technisch nicht vorgebildet und weiß nicht, dass nach kurzer Fahrstrecke von 50 bis 100 Kilometern die Schrauben hätten überprüft werden müssen, da er keinen Hinweis erhalten hat, soll aber gleichzeitig nach 1900 Kilometern von sich aus auf die Idee kommen, dass fremdartige Geräusche mit dem Reifenwechsel zu tun haben. Alles klar?

Und noch andere Fragen lässt das Urteil offen: Wenn sich eine Radmutter nach 1900 Kilometern löst - lässt sich dann noch ein direkter Zusammenhang mit der Montage herstellen? Und kann so ein Zusammenhang tatsächlich beweiskräftig festgestellt werden? Mein Werkstattmeister glaubt das nicht.

Dann aber hätten die Richter gar nicht tätig zu werden brauchen: Denn Sicherheitshinweis hin oder her - der Werkstatt wäre das lose Rad gar nicht zuzurechnen, der Fahrzeugbesitzer mithin für den Unfall vollständig selbst verantwortlich.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles zum Thema Autoreifen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Der Autor
  • Kanzlei Poppe und Kappus
    Hans-Ulrich Poppe ist mehr als 30 Jahre als Rechtsanwalt tätig. 1995 wurde er zum Notar ernannt. Als Fachanwalt für Versicherungs- recht vertritt Herr Poppe zahlreiche große Versicherungen sowohl außergerichtlich als auch vor allen deutschen Amts-, Land- und Oberlandesgerichten. Er ist darüber hinaus nicht nur Fachanwalt für Verkehrsrecht und Vorsitzender des Fachanwaltsausschusses Verkehrsrecht.


Aktuelles zu