Kunstprojekt "Racer 0.2": Granturismo auf der Carrera-Bahn

Von Jürgen Pander

Moderne Autorennsimulationen setzen auf eine möglichst detailgetreue Abbildung der Wirklichkeit - das Krefelder Künstlerkollektiv Sputnic hat einen ganz anderen Ansatz: Ihr Game "Racer 0.2" verwendet analoge Spielzeugflitzer, die über eine alte Arcade-Konsole gesteuert werden.

Autorennspiel: "Racer 0.2" Fotos
Sputnic

Wenn man einfach nur so tun will, als fahre man Auto, setzt man sich heutzutage vor den Computer und spielt "Need for Speed" oder "Granturismo". Die Vollgasprogramme bieten Nervenkitzel in derart realistischer Manier, dass es sogar Profi-Rennfahrer geben soll, die mit Hilfe der Hightechspiele an ihren Rundenzeiten arbeiten.

Früher war das ganz anders. Da baute man zum Beispiel eine Autorennbahn im Kinderzimmer auf, setzte Rennwagen im Maßstab 1:24 in die Spurrille und ließ sie per Daumendruck über die Piste flitzen; oder man dirigierte ein ferngesteuertes Auto durchs Wohnzimmer - immer bemüht, vor dem Flokatiteppich noch die Kurve zu kriegen.

"Jetzt ist es wieder ein bisschen so wie früher", sagt Nicolai Skopalik. Der 32-jährige Grafikdesigner gehört dem Künstlertrio "Sputnic" aus Krefeld an. Normalerweise beschäftigen sich die drei jungen Herren seit ihrem gemeinsamen Kommunikationsdesign-Studium mit Trickfilmen, Animationen, Videoproduktionen oder Theaterprojekten. Nun aber haben sie eine Kindheitsphantasie wahr werden lassen.

"Sputnic"-Mitglied Malte Jehmlich hatte die Idee zu einem Autorennspiel auf zwei Realitätsebenen. Und so entstand eine auf hüfthohen Stelzen ruhende Rennbahn aus Pappkarton, die sich immer wieder neu und anders aufbauen lässt und über die ein ferngesteuertes Auto im Maßstab 1:28 flitzt. Das Auto ist ein handelsübliches Spieltzeug, wurde allerdings mit zwei Scheinwerfern und einer Kamera aufgerüstet. Das Bild der Onboard-Kamera wird auf einen Fernsehschirm übertragen, der in einer Cockpit-Gondel steckt, wie sie früher massenhaft in den Spielhallen standen.

Eine Uralt-Rennspielbox erlebt ihren zweiten Frühling

"Nürburgring Power-Slide" heißt das ausgeblichene Modell aus den siebziger Jahren. "Diesen Fahrsimulator aufzutreiben war das Schwierigste", sagt Skopalik. Auf Ebay wurden die Rennspielschöpfer fündig. Lenkrad, Gas- und Bremspedal sowie der Hebel zum Vorwärts- und Rückwärtsfahren sind noch intakt, mehr ist auch nicht nötig: Sobald man Platz genommen hat und die Aufnahmen der Rennauto-Kamera über den Bildschirm huschen, taucht man ab in die virtuelle Welt von "Racer 0.2". Es gilt, den Wagen möglichst schnell über eine Piste mit Steilkurve und Unterführung zu steuern. Schließlich geht es um den Highscore, um die schnellste Runde.

Das reizvolle an "Racer 0.2" ist die spezielle Art der Verschränkung von analoger und digitaler Welt. Denn wenn der Wagen in einer zu forsch genommenen Kurve umkippt, muss ihn ein Helfer wieder aufrichten. Auf dem Bildschirm sieht man dann eine scheinbar riesenhafte Hand, die das Rennauto greift und auf die Räder stellt. "Wenn man, mit dem Lenkrad in der Hand, in der Spielkiste sitzt, dann befindet man sich in einer anderen Realitätsebene. Auch wenn das Auto hinter dem eigenen Rücken über die Bahn brettert - man ist völlig konzentriert auf den Bildschirm und die Kamerabilder", berichtet Skopalik.

Looping? Automatisches Batterieladen? Dritte Realitätsebene?

Die Testfahrer während in einer Atelierhalle in Krefeld waren jedenfalls begeistert. Wie es jetzt weitergeht mit der Raserei über die Papp-Piste? "Ich will einen Looping", ruft Skopalik, doch das ist wohl eher ein Scherz. Vielmehr plant "Sputnic" eine Lösung, mit der die Batterien des Rennautos automatisch wieder aufgeladen werden.

Darüber hinaus könnte man auch die separate Steuerung des Cockpitsitzes wieder in Gang setzen, um Schräglagen zu simulieren. Und man könnte noch eine dritte Realitätsebene ins Spiel mit einbeziehen. "Etwa, wenn virtuelle Dinge auf dem Bildschirm auftauchen - andere Autos, die man umfahren muss oder irgendwelche Schätze, die man während der Fahrt einsammeln muss", erklärt Stopalik.

Weil "Racer 0.2" so originell ist, haben sich bereits diverse Interessenten aus der Autobranche gemeldet, um eine mögliche Kooperation auszuloten. Skopaliks Spiel ist zwar recht wuchtig und benötigt viel Platz, ließe sich aber eventuell im Eventmarketing einsetzen - etwa als besondere Attraktion auf Automessen.

Für "Sputnic", vom plötzlichen Rummel um die raffinierte Rennsimulation überrascht, stehen momentan jedoch andere Projekte im Vordergrund. Am 6. Oktober nämlich hat "Stadt ohne Geld" in Dortmund Premiere, die erste große, eigene Theaterinszenierung des Kollektivs. Ganz ohne Autos und Motorsport - aber natürlich nicht ohne virtuelle Effekte.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Geniale Idee
simple mind 22.08.2010
So einfach, dass man auch selbst hätte drauf kommen können. Ein serienreifes Produkt draus machen und ab in die Läden damit. Wird 100%ig der Renner. Es würde schon reichen, damit einfach durch die eigene Wohnung zu fahren. Dann noch Mehrspielerunterstützung übers Internet...
2. das ist ja mal wirklich geil
systemfeind 22.08.2010
Zitat von sysopModerne Autorennsimulationen setzen auf eine möglichst detailgetreue Abbildung der Wirklichkeit - das Krefelder Künstlerkollektiv Sputnic hat einen ganz anderen Ansatz: Ihr Game "Racer 0.2" verwendet analoge Spielzeugflitzer, die über eine alte Arcade-Konsole gesteuert werden. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,712235,00.html
wieso bin ich da nicht drauf gekommen ?
3. Nicht ganz neu...
dfour 22.08.2010
So was gab's bereits 2007 von Felix Eggmann a.k.a. FLX Labs (http://flxlabs.org): http://flxlabs.org/arcrdock18/index.html
4. Klasse
sappelkopp 22.08.2010
Die einfachsten Ideen sind die besten Ideen!
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