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Deutsche Lada-Zentrale: Niva im Nirgendwo

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Lada in Deutschland: Warten in der Nische Fotos
Maxim Sergienko/ Agentur Focus

In Russland ist Lada Marktführer, in Deutschland eine automobile Randerscheinung. Nur Förster, Landwirte und ein paar unerschütterliche Fans halten der Marke die Treue. Besuch in einer ganz besonderen Firmenzentrale.

"Geh doch nach Buxtehude", so lautet ein geflügeltes Wort. Die kleine Stadt südlich von Hamburg mit dem lustigen Namen ist Synonym für einen unbedeutenden Ort. Genau dort - in Buxtehude - sitzt Lada Deutschland. Zufall oder Symbolik? Passender könnte ein Firmensitz die Lage jedenfalls nicht widerspiegeln, in der sich die russische Automarke in Deutschland befindet.

Bei Begriffen wie "Firmensitz" oder "Deutschlandzentrale" denkt man bei Autoherstellern an Repräsentationsbauten. Eindrucksvolle Paläste, hinter deren großen Glasflächen die aktuelle Modellpalette im arrangierten Licht glänzt. An Marmorfußboden und Teppiche, die den Schall dämmen. Bei einem Besuch in der Deutschlandzentrale von Lada denkt man an Gülle.

Buxtehude: Lada rechts, Äcker und Weiden links Zur Großansicht
Maxim Sergienko/ Agentur Focus

Buxtehude: Lada rechts, Äcker und Weiden links

Die Firma residiert in einem unscheinbaren Wohn- und Gewerbegebiet in Buxtehude. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erblickt man Äcker und Weiden. Es gibt eine Werkstatt und ein Einfamilienhaus auf dem Gelände. Im oberen Stockwerk des Hauses wohnen Familien, in den unteren Etagen wohnt Lada. Im Erdgeschoss ein Showroom mit dem Charme einer unaufgeräumten Werkstatt mit verblichenen Postern an der Wand. In der Etage darüber die schmucklosen Büros, auf den Fluren graublaue Auslegeware voller Flecken.

Der Herrscher über dieses auf den ersten Blick etwas traurige Reich ist Dieter Trzaska, Geschäftsführer von Lada Deutschland. Er ist schon 68 Jahre alt, doch das merkt man ihm nicht an. Energisch schreitet er über seinen Hof und redet über Lada. Er kann aber auch still sein, zum Beispiel wenn seine Mitarbeiter etwas zu sagen haben. Trzaska ist ein bisschen wie seine ganze Niederlassung: gemütlich.

Trzaskas meistverkauftes Auto ist genaugenommen ein Oldtimer. Der Lada Taiga, besser bekannt als Lada Niva. Seit 38 Jahren wird er überwiegend unverändert gebaut. Rund 1100 Zulassungen verzeichnete das Kraftfahrtbundesamt im Jahr 2014, das ist nicht viel und gleichzeitig Trzaskas Glück. Denn der Taiga darf nur noch auf die Straße, weil er als Kleinserie deklariert ist und damit aktuelle EU-Normen umgehen kann.

"Made in Russia"-Schilder werden abgekratzt

"Wir brauchen Fahrzeuge, die den europäischen Vorgaben entsprechen", beschreibt Trzaska sein Dilemma. Seine Hoffnung ruht auf dem Kleinwagen Kalina. Der Wagen sieht für Lada-Verhältnisse regelrecht schick aus. Die "Auto Bild" kürte die Langversion zum "günstigsten Kombi Deutschlands". "Der kommt", verspricht Trzaska. Bislang kam jedoch nur eine Wagenladung, im Spätherbst 2014. Eine weitere soll in den nächsten Wochen geliefert werden. Wenn alles gutgeht.

Zwischenlager: Auf der Wiese stehen die Lada Taiga Zur Großansicht
Maxim Sergienko/ Agentur Focus

Zwischenlager: Auf der Wiese stehen die Lada Taiga

Bis dahin stehen hingegen in Buxtehude die Geländewagen Stoßstange an Stoßstange auf dem Parkplatz vor der Werkstadt und hinterm Haus auf der Wiese. An den Heckscheiben der Autos kleben helle Aufkleber - darauf das Logo der Marke und ein Schriftzug "Made in Russia". Mitarbeiter kratzen sie in letzter Zeit häufiger wieder ab, weil Kunden das wünschen. Die Ukraine-Krise färbt negativ auf das Image Russlands - und damit indirekt auf das der Marke ab. Trzaska sieht das anders: "Wir verkaufen ja keine Politik", wiegelt er ab und schiebt die beiden Visitenkarten, die vor ihm auf dem Konferenztisch liegen, hastig hin und her.

Immerhin weiß Trzaska, aus der Krise Geschäft zu schlagen. Die russische Wirtschaft schwächelt, die Sanktionen gegen Russland wirken und lassen den Rubel gegenüber dem Euro an Wert verlieren. Lada Deutschland hat deswegen mit Avtovaz neu verhandelt - und konnte den Preis des Kalina Kombi auf 6950 Euro drücken. Rund 2500 Euro weniger als bislang, damit läuft der Wagen sogar Dacia in Sachen Preis den Rang ab.

40 Jahre Schuften für Lada

Seit 1975 handelt Dieter Trzaska mit Ladas. Der 68-Jährige kennt die Marke - und weiß um deren Schwächen. Als 1999 der Importeur in Deutschland insolvent ging, übernahm der gebürtige Ruhrpottler selbst die Aufgabe. Doch am europäischen Zentralimporteur in Zypern biss er sich die Zähne aus. "Die haben unsere Bedürfnisse ignoriert", sagt Trzaska. Mittlerweile sind die Wege direkter, der Umweg über den einstigen Europaimporteur entfällt. "Jetzt hört man uns in Russland."

Einblick: In der Lada Werkstatt werden Kundenwünsche umgesetzt Zur Großansicht
Maxim Sergienko/ Agentur Focus

Einblick: In der Lada Werkstatt werden Kundenwünsche umgesetzt

Wenn Trzaska über sein Firmengelände läuft, muss er vom Büro erst eine Etage tiefer, dann durch den Ausstellungsraum zur Werkstatt gegenüber. Dort rüsten Mitarbeiter hauptsächlich Taiga um - je nach Kundenwunsch fliegt die Rückbank raus, um Platz zu schaffen für die Dreckwanne (beliebt bei Förstern und Jägern) oder eine Flüssiggasanlage wird eingebaut (für Vielfahrer in der Stadt). Trzaska schätzt den 4x4. Der kurze Radstand, die Geländegängigkeit. "So ein Fahrzeug wird es nie wieder geben!" Bislang hilft ihm der Taiga - seine Absatzzahlen sind konstant, seine Verfügbarkeit auch. Das einst für 2015 prognostizierte Aus revidiert Trzaska, er rechne auch nach 2016 noch mit dem Taiga.

16 Fahrzeuge stehen in der Werkstatthalle an diesem Tag. Bis auf zwei alles Taiga. Der Priora - im vergangenen Sommer vom Markt genommen - steht vor einer der Hebebühnen. "Der hat Inspektion bei uns", sagt ein Mitarbeiter. Das andere ist ein Granta. Der neue Kalina, er muss einfach kommen: "Wir brauchen ein Auto, dass die Stückzahlen wieder nach oben treibt", sagt Trzaska.

Vom Stolz vergangener Tage

Lada, das war mal ein Aushängeschild, zumindest im Ostteil Europas: Der erste Geländewagen in der Ukraine? Ein Lada Niva. Die Limousine, die Kinder in der DDR beim Nachbarn bewunderten? Ein Shiguli. Der auf Fiat-Technik basierende Lada brachte westlichen Luxus in das sozialistische Deutschland und war selbst im einstigen Westen begehrt.

LADA 2107: Erst nach mehr als 40 Jahren kam das Aus Zur Großansicht
Lada

LADA 2107: Erst nach mehr als 40 Jahren kam das Aus

Doch mit den Jahrzehnten setzte die Modellpalette Patina an. Die Folge: Ende der Neunzigerjahre brachen die Absatzzahlen ein, Avtovaz hing am Tropf der russischen Regierung. Mittlerweile hat die Allianz von Renault-Nissan bei den Russen das Sagen. Mit dieser Übernahme kam das dringend benötigte frische Kapital, das in eine moderne Fertigung und neue Modelle investiert wurde.

Die Technik der Fahrzeuge ist einfach, aber immerhin zeitgemäß, der ehemalige Daimler-Designer Steve Mattin sorgt für eine moderne Linienführung. Mit Bo Andersson sitzt der erste Nicht-Russe an der Spitze von Avtovaz. Der gebürtige Schwede soll helfen, Lada auch hierzulande wieder auf die Erfolgsspur zu bringen. Europa, aber vor allem Deutschland ist für ihn ein interessanter Markt.

Es tut sich was bei Lada, auch wenn es eine Weile dauern wird, bis sich das Bild in Buxtehude ändert. "Sie können im Autogeschäft nicht einfach einen Schalter umlegen und alles läuft anders - so etwas dauert", sagt Trzaska. Er hat Geduld mit der neuen Führungstruppe um Bo Andersson bei Avtovaz in Russland, andererseits: Was will er auch machen? Langfristig will Lada in Deutschland einen Marktanteil von 0,5 Prozent erreichen. Das entspräche rund 9000 verkauften Fahrzeugen. Vorerst ein Wunschtraum. Für dieses Jahr sind 2500 Fahrzeuge das Ziel.

So wartet er weiter auf seine Wagenladung Kalinas. Und auf den im Oktober erscheinenden Lada Vesta, bei dem alles besser werden muss. Der erste komplett von Lada entwickelte Neuwagen soll von Anfang an europäische Standards erfüllen, verspricht Avtovaz-Firmenchef Bo Andersson. "Der Vesta wird ein gutes Produkt sein", davon ist Trzaska überzeugt.

Doch so ganz traut der Lada-Deutschland-Chef der Zukunft doch nicht. Das sieht man auch an seinen Handgelenken: Links trägt er eine moderne Smartwatch, rechts zudem eine klassische Armbanduhr. Sicher ist sicher.

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1. Habe selbst
felisconcolor 01.04.2015
zwei Lada gefahren, einen 2101 und einen frühen Samara (übrigens aus einer Kooperation mit Porsche entstanden). Einfache Technik und auch in Feld und Flur schnell und unkompliziert zu reparieren. Ein Auto für Schrauber halt. Aber dadurch fast unkaputtbar. Und ohne unnötigen Schnickschnack. Das höchste der Gefühl war glaub ich eine Startautomatik. Dafür konnte man den 2101 auch noch ankurbeln wenn die Batterie den Geist aufgegeben hatte.
2. Unkaputtbar
mitch72 01.04.2015
Der 1300er und auch der Nova, die waren einfach zuverlässig!
3. …denkt man an Gülle
humorrid 01.04.2015
Ein Artikel im Geiste der Zeit. Doch Niva war immer weit von Glamour entfernt, es ist ein Muli, ein Arbeitsfahrzeug, kein Stadt-pseudo-4x4-ich fahr mal zum Yoga-SUV. Wer hier glanzpolierten Blödsinn eines typischen Autohauses erwartet, kennt sich mit Niva nicht aus. Niva ist robust, rückelig, direkt, ein echtes 4x4 ohne überflüssige Elektronik, aber auch ohne Komfort.
4. Neben dem
rudi.waurich 01.04.2015
Mercedes G hatten wir eine ganze Reihe Niva's in Libyen, damals gab's dort auch einen Importeur. Die Auto's liefen zum Teil im 24/7 Betrieb, und gaben nie grossen Grund zur Klage. Die breitesten Sandreifen drauf, die gepaßt haben, kann mich nicht mehr an die Dimensionen erinnern, war aber nix Spektakuläres, und man kam mit den Auto's überall hin. Anders als mit den LR 88, da lag die Reserve - Steckachse schon hinten drin, wenn man weiter aus dem Camp weggefahren ist. Besser auch noch ein Differential. :)
5. DANKE - jetzt weiß ich, wo ich in Dtl. mein allererstes ...
Ureinwohner2.0 01.04.2015
und allerletztes Fahrzeug kaufen kann. VIELEN DANK. Russische Technik hat mich immer begeistert: einfach und gut, etwas für Menschen die SELBER wollen und können. Nochmals vielen Dank für den Buxtehude-Tip :-)))
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