Lamborghini Estoque Stier für vier

Seit Wochen schon veröffentlicht Lamborghini Detailfotos eines neuen Modells. Jetzt, auf dem Autosalon in Paris, wurde das Bilderrätsel aufgelöst: Die Studie Estoque ist ein Brachial-Viertürer, gegen den Porsche Panamera und Aston Martin Rapide wie Playmobil-Autos wirken.


Am Anfang waren es nur zwei Endrohre und ein Diffusor. Das reichte, um die Neugier zu wecken und die Gerüchteküche anzuheizen. "Lamborghini zeigt ein neues Modell", so die Nachricht im Telegrammstil aus Sant'Agata, dem Stammsitz von Lamborghini. Die Spekulationen reichten von einem Extremsportler über ein zahmeres Einstiegsmodell bis hin zu einer Neuauflage des Geländewagens LM002. Es folgten weitere Bilder, etwa ein 22-Zoll-Rad in Großaufnahme sowie ein schmales, hochgesetztes Rücklicht - die Auflösung aber gab es erst jetzt. Am Vorabend des Autosalons in Paris enthüllte Firmenchef Stephan Winkelmann die Studie Lamborghini Estoque - ein viertüriges GT-Modell im Vollgas-Dress.

Diesmal wurde das Auto nicht nach einer Stierrasse, sondern nach dem Kampfdegen des Matadors benannt. Die Tierschützer, die jüngst gegen die Namensgebung bei Lamborghini protestiert hatten, dürfte das kaum erleichtern. Der Wagen ist eine Reiselimousine mit scharf geschnittener Coupé-Silhouette, 5,15 Meter lang und nur 1,35 Meter hoch. Andere Viertürer-Coupés wie etwa Mercedes CLS oder VW Passat CC sehen angesichts dieses Auftritts aus wie Spielzeugautos. Und selbst potentielle Konkurrenten wie der Aston Martin Rapide oder der Porsche Panamera wirken seltsam brav, bieder und ungeheuer schwerfällig, wenn man sie in Gedanken neben dem Estoque parkt.

Einerseits ist die Studie ein Affront gegen den ewigen Gegner Ferrari, dem Lamborghini mit der Estoque-Premiere die Schau für den neuen, offenen California stehlen will. Doch auch beim künftigen Mehrheitseigner Porsche wird man kaum erfreut sein über die Pläne der schnellen Audi-Tochter. "Il Presidente" ficht das nicht an. "Natürlich ist der Estoque auch eine kleine Provokation", gibt Lamborghini-Chef Stephan Winkelmann zu. Doch haben die Italiener das Auto so zugeschnitten, dass es im Konzernverbund keinem anderen Modell Konkurrenz machen würde. Kein Viertürer von Porsche und erst recht keiner von Audi könnte mit der Flunder konkurrieren - wenn sie denn auf den Markt käme.

Noch ist das Auto allerdings nicht viel mehr als eine Vision aus Blech und Plastik. Zwar hat die Studie, anders als der Miura-Entwurf von 2006, sogar ein Innenleben, weil Design-Direktor Manfred Fitzgerald und sein Team zeigen wollten, wie man einen kompromisslosen Spitzensportler durch mehr Nappa und weniger Carbon zu einem komfortablen Langstreckenauto umgestalten kann. "Doch über die Zukunft dieses Konzepts ist noch nicht entschieden", sagt Winkelmann. Vielmehr wolle man eine denkbare Richtung aufzeigen, in die Lamborghini mit einer dritten Baureihe gehen könnte. "Falls es überhaupt eine dritte Baureihe gibt", schränkt Winkelmann gleich wieder ein.

Nicht einmal im Traum an einen Lamborghini gedacht

Allerdings steht für Fitzgerald, der außer dem Design auch die Markenentwicklung verantwortet, fest, dass Wachstum nur durch neue Modelle erzielt werden kann. Nachdem Lamborghini in den ersten 40 Jahren im Schnitt kaum 300 Autos pro Jahr verkaufte, liegt diese Kennziffer jetzt bei rund 3000. Wenn der Aufwärtstrend anhalten und die zweistelligen Zuwachsraten fortgeschrieben werden sollen, müssen weitere Modelle her.

Es ist ein Balanceakt, denn natürlich soll ein Lamborghini ein seltener Anblick bleiben. Es diene nicht der Exklusivität und der Begehrlichkeit, wenn an den Hotspots des Luxuslebens an jeder Ecke einen Lamborghini steht, sagt Fitzgerald. "Unsere Autos müssen exklusiv bleiben und sich rar machen." Aus diesem Grund sucht die Audi-Tochter nach Alternativen zum Supersportwagen und könnte mit dem Estoque auf der richtigen Spur sein. "Dieses Auto würde uns einen völlig neuen Kundenkreis erschließen, ohne dem Image und der Exklusivität der Baureihen Gallardo und Murciélago zu schaden", sagt Fitzgerald. "Zudem würden wir Menschen erreichen, die bislang nie auch nur im Traum über einen Lamborghini nachgedacht haben."

Erhält das Geschoss die Serienfreigabe?

Zum ersten Mal, so drückt es Firmenchef Winkelmann aus, könnte man "das außergewöhnliche Fahrvergnügen eines Lamborghinis mit mehr als einer Person teilen - womöglich sogar mit seiner gesamten Familie." Dass es so etwas früher schon einmal gab, verschweigt er. Denn an den ebenso gewaltigen wie erfolglosen Geländewagen LM002 will sich in Sant'Agata keiner erinnern.

Auf den ersten Blick ist das Puzzle mit der Enthüllung in Paris komplett. Doch für die Entwickler beginnt die Arbeit erst. Fitzgerald: "Der Estoque ist so konzipiert, dass wir ihn problemlos auf die Räder stellen können." In der Studie steckt zwischen Vorderachse und Fahrer der 560 PS starke Zehnzylindermotor aus dem Gallardo und auch der Allradantrieb des Viertürers stammt aus dem Sportwagen. Mit Hilfe der bayerischen Mutter Audi wären weitere Motorvarianten denkbar: Ein vom V10 abgeleiteter Achtzylinder mit und ohne Hybridmodul sei ebenso möglich wie ein potenter Dieselmotor. Doch erst einmal müsse der Tiefflieger die Startfreigabe erhalten, so Fitzgerald. "Dann könnten das Auto in drei bis vier Jahren auf der Straße sein."

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