Land Rover Die Mutter aller SUVs wird Grün

Klotzig, kantig, anachronistisch: Kein einziges Modell der Marke Land Rover erfüllt die künftigen EU-Emissionsstandards. Jetzt will der britische Geländewagenbauer seine Flotte auf Grün trimmen. Doch für die Allradler-Ikone Defender kommt wohl jede Hilfe zu spät.

Aus London berichtet


Autos der Marke Land Rover sind fahrende Anachronismen. Die Aerodynamik? Erinnert an eine Schrankwand. Sparsame Motoren? Fehlanzeige. Die Kundschaft störte das kaum, im Gegenteil: Wer einen Landie kaufte, wollte sich damit über Stock und Stein kämpfen oder seinen Pferdeanhänger über die Koppel fahren. Seit 60 Jahren baut Land Rover ausschließlich Geländewagen, und zwar solche, die diese Bezeichnung tatsächlich verdienen. Fast 16 Liter Spritverbrauch, wie beim Range Rover Sport mit V8-Turbomotor, gehörten einfach dazu. Jetzt steckt die britische Traditionsmarke in der Bredouille. Die Europäische Union will Neuwagen mit mehr als 120 Gramm CO2-Ausstoß je Kilometer ab 2015 mit Strafen belegen. Von diesem Wert sind die Briten meilenweit entfernt: Selbst der Freelander, das sparsamste Modell aus Gaydon, kommt mit dem kleinsten Motor auf 199 Gramm Kohlendioxid. Höchste Zeit also, den Spritdurst der Geländegänger zu zügeln. Das ist nicht nur technisch eine Herausforderung - auch das Markenimage muss sich wohl ändern.

Ein Versuchsballon ist der Freelander 2 TD4_e, der ab Mai 2009 bei den Händlern stehen soll. Zur Standardausstattung des neuen Modells gehört eine Start-Stopp-Automatik, Reifen mit geringerem Rollwiderstand und eine Anzeige für den optimalen Gangwechsel. Land Rover gibt ein Spritsparpotential von bis zu 20 Prozent an. Dieser Wert ließ sich bei einer Testfahrt in der Londoner Innenstadt zwar nicht erreichen, doch die Technologie funktionierte ansonsten ordentlich.

Diesel-Hybrid im SUV

Um sich einen wirklich grünen Anstrich zu verpassen, reicht das nicht. Revolutionär sind derartige Technologien nicht, andere Hersteller wie etwa Lexus oder BMW haben sie längst im Programm. Trotzdem ist es für Land Rover der Beginn eines Imagewandels. "Wir investieren über fünf Jahre rund 800 Millionen Pfund in die Entwicklung grüner Technologien. Wir wollen die CO2-Ziele der EU einhalten", sagt Land-Rover-Chef Phil Popham und verweist auf einen besonders sparsamen Diesel-Hybridantrieb, der zukünftige Modelle antreiben soll.

Als erstes Fahrzeug wollen die Briten den LRX mit dem grünen Aggregat ausstatten. Auf einen konkreten Verkaufsstart möchte man sich bei Land Rover noch nicht festlegen, doch die Verantwortlichen rechnen mit einer Einführung zwischen 2011 und 2013. Der komplett neuentwickelte, schnittige Lifestyle-Offroader werde nicht mehr als die bis 2015 geforderten 120 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen, verspricht Ingenieur Dave Mitchum. Mittelfristig soll durch die Diesel-Strom-Kombination auch der Verbrauch des Freelanders auf 3,8 Liter und des Range Rover auf 5,3 Liter gesenkt werden.

Imagewandel fordert Bauernopfer

Allein mit einer neuen Antriebstechnik ist es nicht getan. Selbstverständlich verkünden die Land-Rover-Verantwortlichen, dass die Modelle leichter und windschnittiger würden und zum Beispiel die Klimaanlagen effizienter arbeiten sollen. Und genau hier liegt vielleicht das größte Problem - denn diese Attribute waren für Land-Rover-Kunden bislang kaum von Interesse.

So sieht beispielsweise der LRX eher wie ein Lifestyle-SUV denn wie ein klassisches Arbeitstier aus. Wird der Landie-Fan so etwas mögen? Ein Blick auf die Statistik zeigt jedoch, dass es für die Kult-Marke nicht so weitergehen kann wie bisher: Die Zahl der Neuzulassungen in Westeuropa brach im September im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 40 Prozent ein.

Mindestens ein Modell im Land-Rover-Portfolio wird jedoch keinen Anteil an der Begrünung der Marke haben: der Defender. Der Urahn aller SUVs wird voraussichtlich nur noch bis 2013 in Europa verkauft, dann ist Schluss. Der modulare Diesel-Hybrid würde nicht in das Fahrzeug passen. Außerdem kann der kantige Offroader künftige Sicherheitsvorschriften wie etwa die strengen Auflagen zum Fußgängerschutz nicht erfüllen. Die überschaubare Zahl von weltweit 25.000 verkauften Fahrzeugen pro Jahr spricht gegen eine teure Anpassung.

Damit wäre das Ende eine Ikone besiegelt. Allerdings gibt es noch einen kleinen Hoffnungsschimmer: Kürzlich wurde Land Rover vom indischen Konzern Tata Motors übernommen. In Gaydon hofft man deshalb, das indische Militär werde den Defender demnächst einsetzen. Dann könnte die komplette Fertigungsstraße nach Indien exportiert - und einzelne Defender nach Europa importiert werden. Dann müssten hiesige Liebhaber nicht auf das kantige Fahrzeug verzichten - denn die Chancen, die Autos per Einzelabnahme auch hierzulande zuzulassen, stehen nicht schlecht.



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