Land Rover Discovery als Amphi-Car: Aufgetaucht und baden gegangen

Aus Genf berichtet Tom Grünweg

Schwimmender Discovery: Das Amphicar von Land Rover Fotos
Nick Dimbleby

Wie präsentiert man einen Geländewagen als ideales Auto für Segler und Yachtbesitzer? Am besten auf dem Wasser. Deshalb hat Land Rover vor mehr als 20 Jahren einen Discovery zum Schwimmwagen umgebaut. In Genf wurde er jetzt erstmals wieder zu Wasser gelassen - und wir waren mit an Bord.

Was sind schon ein paar Pfützen im Fußraum? Damit kann Richard Mumford gut leben. Denn der Engländer lenkt den einzigen Land Rover Discovery, der auch übers Wasser fahren kann. Auf dem Genfer See schippert er während der Automesse mit seinem Amphibienfahrzeug zwischen dem großen Jet d'Eau und dem Yachthafen und kann noch immer kaum glauben, dass der Wagen noch existiert. Denn gebaut wurde das Einzelstück Ende der achtziger Jahre. Und die letzten zwei Jahrzehnte war es verschollen, bis es kurz vor Weihnachten in einem Museum am Nürburgring aufgetaucht ist. Weil die Briten gerade die Produktion des millionsten Discovery feiern und dafür die exotischsten Modelle in der Geschichte des Geländewagens zusammensuchen, haben sie den Schwimmwagen eiligst aufgekauft, in England wieder fit gemacht und nun zum Genfer Salon werbewirksam zu Wasser gelassen.

Jetzt sitzt Mumford mit Gummistiefel, Schwimmanzug und einer Rettungsweste auf einem ausgebleichten Stoffsessel, lässt lässig den Arm aus dem Fenster baumeln und rangiert sanft an einen Steg heran, damit seine Gäste zusteigen können. Sie kommen nicht durch die Tür, denn die ist zugeschweißt. Stattdessen klettern sie mit der von außen angeschraubten Leiter übers offene Dach, stellen sich auf die Rückbank und genießen das Panorama. Mumford gibt derweil den gemütlichen Freizeitkapitän, der langsam über den See tuckert. "Viel mehr als sechs, sieben Knoten sind nicht drin", sagt der Skipper und greift zu den beiden Hebeln zwischen den Sitzen, mit denen er die hydraulisch angetriebene Schraube am Heck dirigiert. Der 2,5 Liter große Diesel vorn unter der Haube läuft derweil mit konstanter Drehzahl, und das Getriebe steht natürlich im Leerlauf. Sonst würden sich die Räder drehen und den Schwimmwagen nahezu manövrierunfähig machen, erläutert Mumford.

Aber warum in aller Welt sollte man mit einem Discovery übers Wasser schippern? Weil das Auto nichts anderes ist als ein aufwendiger Marketing-Gag. Gebaut wurde der Wagen, um den Ende der achtziger Jahre neueingeführten Discovery bei Seglern und Yachtbesitzern populär zu machen, erläutert Roger Crathorne, der am Stammsitz Solihull die Abteilung Land-Rover-Historie leitet: "Und wo kann man das besser als auf dem Wasser?" Deshalb haben sich die Briten die legendäre Cowes-Week-Regatta vor der Isle of Wight im Süden ausgesucht und den Discovery im Solent zwischen den Wettkampfbooten zu Wasser gelassen. Eine Woche lang kreuzte der Wagen dort im Salzwasser und diente als VIP-Shuttle.

Disco mit Schwimmring

Der Umbau selbst ging überraschend flott. Sechs bis acht Wochen hat die Mannschaft gebraucht, bis der Wagen komplett abgedichtet und hinten der Schwenkarm mit der Schiffsschraube montiert war. Dazu noch Positionsleuchten an die Dachkanten geschraubt, die Schwimmwesten unter den Sitz gepackt, ein Anker ans Heck gebunden und zwei Paddel für den Notfall in den Kofferraum gesteckt - was dann noch fehlte, waren die Schwimmer. Denn während spezielle Schwimmwagen wie das Amphicar alleine genug Auftrieb erzeugen, wäre der umgebaute Land Rover ohne Zusatzausstattung abgesoffen wie ein Stein, erläutert Skipper Mumford. Deshalb haben die Briten aus baumstammdicken Luftkissen und Stahlrohren eine Art überdimensionalen Schwimmring um den Wagen herum gebaut.

Ganz neu war die Konstruktion für die Briten allerdings nicht: "Zehn Jahre vorher hatten wir das schon einmal mit zwei Dutzend Defendern fürs Militär gebaut, diese Ideen haben wir für unseren Regatta-Rover recycelt", räumt Crathorne ein. Auch Privatkunden fragten immer mal wieder nach solchen Fahrzeugen, berichtet der Manager. Aber da sagt Land Rover höflich nein und empfiehlt ein paar Umrüster, die das in Eigenregie übernehmen. Denn Werksfahrer Mumford darf ruhig nasse Füße bekommen. Aber bei einem Kunden, der dafür viele zehntausend Euro zahlen müsste, wäre das eine Katastrophe.

"Den Wagen wieder zum Laufen zu bekommen, war gar nicht so einfach", erinnert sich Crathorne: "In die Schwimmer hatten Ratten faustgroße Löcher gefressen, der Lack war stumpf und die Polster verschlissen", berichtet der Werkshistoriker. Aber zumindest der Motor lief auf Anhieb. "Kaum war eine neue Batterie drin, tuckerte der 115 PS starke Diesel los." Selbst die Dichtungen am Wagenboden halten auch nach 20 Jahren noch einigermaßen trocken.

Willkommen in der Welt der Bürokratie

Schwerer als ihn zum Laufen zu bringen, war der Papierkram, erinnert sich Crathorne. "Bis wir ihn zu Wasser lassen konnten, mussten wir hunderte von Briefen schreiben." Wie versichert man ein Boot, das ein Auto ist? Und wie bekommt ein Boot eine Straßenzulassung? Damals, als der Wagen vor über 20 Jahren gebaut wurde, hat sich für solche Fragen niemand ernsthaft interessiert. "Da haben wir einfach drauf los geschraubt und den Wagen danach ins Wasser gefahren", erinnert sich der Werkshistoriker. Aber heute will etwa auch die Rechtsabteilung, die Wasserschutzpolizei und die Versicherung mitreden.

Nach seinem Einsatz bei der Regatta ist der Lake Rover übrigens viel herum gekommen, berichtet Crathorne stolz: "Er kurvte auch durch die Kanäle von Venedig, schwamm durch die Grachten von Amsterdam und fuhr den Rhein hinauf". Irgendwo hinter Köln allerdings verlieren sich die Spuren, und es hat den Wagen irgendwie in die Eifel verschlagen, wo er über zehn Jahre auf dem Trockenen saß. Das soll nicht noch einmal passieren, sagt Mumford und freut sich schon auf viele Kreuzfahrten mit dem Sea Rover. Wirklich hart rannehmen will er ihn dabei allerdings nicht mehr, räumt der Kapitän ein: Die Rückfahrt nach England führt zwar über den Kanal. "Aber da nehmen wir lieber die Fähre."

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1. Noch ein echter Land Rover
the_rover 14.03.2012
Zitat von sysopWie präsentiert man einen Geländewagen als ideales Auto für Segler und Yachtbesitzer? Am besten auf dem Wasser. Deshalb hat Land Rover vor mehr 20 Jahren einen Discovery zum Schwimmwagen umgebaut. In Genf wurde er jetzt erstmals wieder zu Wasser gelassen - und wir waren mit an Bord. Land Rover Discovery als Amphi-Car: Aufgetaucht und*baden gegangen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Auto (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,821088,00.html)
Schön dass es dieses Demonstrationsfahrzeug noch in funktionsfähigem Zustand gibt und dass es so erhalten wird. Die Idee ist nicht so neu, entsprechende Fahrzeuge wurden bei Rover schon Anfang der 1960er Jahre entwickelt und getestet: Amphibious (http://www.lr-mad.co.uk/en/amphibious) Interessant an dem Demonstrationsfahrzeug ist, dass der Bootsmotor hydraulisch angetrieben wird, und zwar über eine am Verteilergetriebe angeflanschte Hydraulikpumpe. Der Discovery I hatte tatsächlich noch solche Möglichkeiten, um auch als Nutzfahrzeug eingesetzt zu werden. Schade, dass es sowas heute nicht mehr bei Land Rover gibt. Bei den aktuellen Modellen würde das Wasser vermutlich in Sekundenbruchteilen die Bordelektronik final lahm legen (auch beim aktuellen Defender), von der Möglichkeit der Montage von mechanischen oder hydraulichen Nebenantrieben mal ganz abgesehen ...
2. Noch ganz dicht?
BanchevMedon 14.03.2012
Zitat von sysopDenn Werksfahrer Mumford darf ruhig nasse Füße bekommen. Aber bei einem Kunden, der dafür viele zehntausend Euro zahlen müsste, wäre das eine Katastrophe.
Privatkunden sollen keine nassen Füsse bekommen??? Haben Sie schon mal eine Fahrt mit einem normalen Landy im Regen gemacht? Ansonsten kann man mit diesen liebenswerten Wunderfahrzeugen, bei denen oben Wasser reinläuft und unten Öl heraustropft, allen Ölkrisen sehr gelassen entgegenfahren... (Sagt mein Bruder, und ich kann mich ihm nur anschließen!)
3. Tope Gear kann es auch und sogar billiger
subduction 15.03.2012
Dazu kann ich nur die Top Gear Folge "Challenge to cross The Channel in Car Boats!" empfehlen. Alles mit selbst gebauten Amphicars, die mehr oder weniger funktionieren. Fantastisch. https://www.youtube.com/watch?v=WTVPPTV-bQM&feature=relmfu
4. Nochmal: Vergleich zum Lexus bei Spiegel
bastian_ 03.06.2012
Vor einiger Zeit wurde der LR Disco mit dem Lexus 400h verglichen. Die Kommentare dort strotzen leider vor Unwissen: Der Lexus ist wahrscheinlich das technisch komplexere und trotzdem das weniger fehleranfällige Auto. Mit beiden Autos kann man im Winter sein Skihotel problemlos erreichen. Beide Autos sind keine Sparwunder - allerdings kann ich mit einem Prius auch keinen 3.5t Hänger ziehen. Das bessere Allradkonzept hat der Disco - auch wenn im Normalbetrieb der Lexus-Allrad auch super funktioniert. Ein Nachteil des Lexus ist mit Sicherheit, dass man im Rückwärtsgang KEINEN Allrad mehr hat, was in heiklen Situationen zum Problem werden kann. Ansonsten reicht der 67PS E-Motor vollständig um so ein Auto zu beschleunigen - E-Motoren haben nämlich sensationelle Drehmomentkurven (=Geraden). Zum Schadstoffausstoss. Der Disco lässt sich über Land und auf der AB mit 9.5 bis 12L Diesel bewegen. Dank DPF ist der auch einigermassen sauber. Der Lexus hat einen V6-Benziner welcher sich auch gerne mal 14L-18L bei flotter Fahrweise auf der AB gönnt. Für Wenigfahrer mit hohem Kurzstrecken- und Stadtanteil ist der Lexus trotzdem zu empfehlen. Benziner stossen auch nicht unerhebliche Mengen von Feinstaub aus. Das sinnvollere Fahrzeug für Leute die ein solches Auto benötigen ist aber wahrscheinlich der Disco
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