Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Navigationsunterricht an Schulen: "Das Gefühl für den Raum ist weg"

Ein Interview von

Autofahrer bedient ein Navigationsgerät Zur Großansicht
DPA

Autofahrer bedient ein Navigationsgerät

Autofahrern fehlt die Orientierung, sagt ein bayerischer Landtagsabgeordneter: Der Umgang mit Karten und Navigationsgeräten müsse in der Schule gepaukt werden. Hat er recht? Ein Kompasshersteller gibt Antworten.

Man kennt diese Geschichten: Lkw-Fahrer vertraut blind seinem Navi und reißt eine Brücke ein; Fahranfängerin gehorcht ihrem Navi aufs Wort und landet auf einer Wiese; Seniorinnen biegen von der Bundesstraße auf einen Waldweg ab - weil ihr Navi es ihnen befahl.

Wegen solchen Geschichten sieht sich der bayerische SPD-Landtagsabgeordnete Reinhold Strobl jetzt dazu veranlasst, einzugreifen. Strobl fordert, Kartenlesen müsse in der Schule wieder mehr geübt werden. Bei der Ausbildung zum Führerschein solle das Finden von Wegen eine größere Bedeutung bekommen. Er schlug außerdem Aufklärungsinitiativen vor, um Unfälle aufgrund eines irreleitenden Navigationsgeräts zu verhindern.

Hat Reinhold Strobl recht? Haben wir die Orientierung verloren, am Lenkrad und überhaupt?

Norbert Fritz muss die Antworten auf solche Fragen wissen. Er führt den Kompasshersteller C. Stockert & Sohn in Rednitzhembach bei Nürnberg. Das Traditionsunternehmen ist seit 1850 im Geschäft. Fritz, 45, ist seit sechs Jahren Inhaber. Ein Gespräch über die Kunst des richtigen Ankommens.

SPIEGEL ONLINE: Herr Fritz, was halten Sie von dem Vorschlag, Navigationsunterricht in der Schule einzuführen?

Fritz: Grundsätzlich eine gute Idee. Die Navigationsgeräte arbeiten ja meist fehlerfrei, das Problem ist der Benutzer. Autofahrer neigen dazu, die gesamte Verantwortung einem elektronischen Gerät zu übertragen. Ein bisschen muss man schon auch die Plausibilität prüfen. Einfach gesagt: Wenn man links vom Rhein entlang fährt und das Navi sagt 'Jetzt rechts abbiegen', sollte man sich vergewissern, dass eine Brücke kommt.

SPIEGEL ONLINE: Ist uns die Kulturtechnik der Orientierung verloren gegangen?

Fritz: Ja. Es ist nun mal einfacher und gleichzeitig präziser, sich mit einem Navigationsgerät zu orientieren als mit Karte und Kompass. Man braucht diese Hilfsmittel heute meistens nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Aber ohne Navi sind viele Leute dann völlig hilflos.

Fritz: Klar, viele Menschen haben keine Vorstellung mehr von der Welt um sich herum, das Gefühl für den Raum ist weg.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Fritz: Schon mit den Himmelsrichtungen sind viele überfordert. Wenn man heute eine Gruppe von Schülern fragt, wo Norden ist, dann weiß das ein Großteil wahrscheinlich nicht mehr sofort.

SPIEGEL ONLINE: Sie bieten unter anderem Autokompasse an. Wie gut verkaufen die sich?

Fritz: Null.

SPIEGEL ONLINE: Null?

Fritz: Wir haben seit sechs Jahren keinen einzigen Autokompass verkauft. Und ich kann mich nur an eine einzige Anfrage erinnern. Autokompasse werden bei uns nicht mehr produziert.

Kugelkompass fürs Auto Zur Großansicht
Wellenshop.de

Kugelkompass fürs Auto

SPIEGEL ONLINE: Wer hatte die früher gebraucht?

Fritz: Ich vermute mal, das waren vor allem Jäger, die bei der Fahrt im Gelände nachts die grobe Richtung wissen mussten. Oder vielleicht Leute, die in Autos Expeditionen in der Wildnis unternahmen.

SPIEGEL ONLINE: Tragen Sie persönlich einen Kompass bei sich?

Fritz: Nein, bei Tageslicht kann ich mich in der Regel auch ohne Kompass orientieren. Beim Pilzesammeln im Wald finde ich auch auf fremden Wegen wieder zu meinem Auto.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihr Auto ein Navi?

Fritz: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich damit schon mal verfahren?

Fritz: Oh ja! Das war vor ungefähr sieben Jahren… Auf der Autobahn bei Augsburg wurde damals eine Anschlussstelle umgebaut. Darauf war ich nicht eingestellt, und mein Navi auch nicht. Da bin ich prompt falsch abgebogen und musste noch mal zurückfahren.

SPIEGEL ONLINE: Ist doch nicht so schlimm.

Fritz: Ja, aber als ich an die Stelle zurückkam, bin ich wieder falsch abgebogen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 97 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Abhängigkeit
rennflosse 11.03.2016
Ich kenne natürlich noch die alte Zeit, in der mit Karten navigiert wurde. Dazu natürlich mit den Hinweisschildern auf den Straßen, mit Straßennamensschildern usw. Dem Navi kann man nicht hundertprozentig vertrauen. Es ist nicht immer auf dem neuesten Stand, kennt Tagesbaustellen nicht und schickt einen nicht einmal immer auf die optimale Route. Vor einer Aktion "abbiegen" sollte man immer einen Blick auf das Display werfen. Allerdings habe ich das Navi manchmal auch auf bekannten Strecken an, weil es mich über die Ankunftszeit informiert. Damit fährt es sich viel entspannter, wenn man einen Termin einhalten muss.
2. Der gute Mann hat recht, es ist nicht das Navi,
dani216 11.03.2016
sondern der Mensch, der das Problem darstellt. Das Navi vielleicht nur, wenn es nicht aktuell ist, aber auch dafür ist der Mensch verantwortlich. Bei uns im Ort wurde aufgrund der Fertigstellung einer Umgehungsstraße die innerörtliche alte Durchgangsstraße zurückgebaut, so daß sie nicht mehr zur Durchfahrt genutzt werden kann. Man glaubt gar nicht, wie viele und vor allem wie lange ortsfremde (KFZ-Kennzeichen) fröhlich trotz deutlicher und rechtzeitiger Beschilderung in die Sackgasse eingefahren sind und sich dann auch noch über alle anderen, nur nicht über sich selbst aufplustern.
3. Ich glaub es hackt.
VerHartzter 11.03.2016
Was soll denn die Schule noch übernehmen? Wer sich blind auf das Navi verlässt sollte sich auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen und seinen Führerschein auf Lebenszeit verlieren.
4. Rückzugsgefechte
tetaro 11.03.2016
"Wenn man heute eine Gruppe von Schülern fragt, wo Norden ist, dann weiß das ein Großteil wahrscheinlich nicht mehr sofort. " Und....? Ein künstliches Bezugssystem wird durch ein anderes künstliches Bezugssystem ersetzt. Keins von denen ist gottgegeben, da würde ich vorschlagen, das man eben das modernere akzeptiert. Derartigen Rückzugsgefechten stehe ich kritisch gegenüber. Technologien bringen es immer mit sich, dass deren Grundlagen für die Nutzer an Bedeutung verlieren, das ist in jedem anderen Bereichen auch so, z.B. Motortechnik, Computertechnik und ja gerade die Essenz des Nutzens, den diese Techniken mit sich bringen.
5. und welches Kind kann den Fahrplan der Bahn lesen ...
Fahrradfahrer 11.03.2016
Recht ähnlich zu dem Thema: welches Kind kann noch den Fahrplan der Bahn lesen. Meine Kids (14 und 16), kommen mit neuem Smartphone sofort klar, aber als sie mal die Ankunftszeit eines Zuges am Fahrplan nachsehen sollten, haben die das nicht hinbekommen. Erschreckend. Bahn-App wäre bestimmt sofort gegangen ... Ich bin mit knapp über 40 auch noch so altertümlich, und schaue mir bei unbekannten Zielen die Zieladresse und den groben Weg auch erst noch bei Google Maps an. Ich will wenigstens ungefähr wissen, wie der Weg ist. Und fahre damit sehr gut!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Facebook


Aktuelles zu