Langstreckenfahrt Paris-Peking Taxi gen Osten

"Gibt es jemanden, der in diesem Sommer mit dem Automobil von Paris nach Peking fahren möchte?" Mit dieser Annonce begann vor fast 100 Jahren eines der abenteuerlichsten Autorennen der Geschichte. In diesem Herbst fährt Mercedes die Strecke noch einmal ab.


Blenden wir zurück in die Zeit nach der vorletzten Jahrhundertwende. Das Auto ist erst wenige Jahre alt, die Straße gehört nach wie vor dem Pferd. Um die Überlegenheit des Automobils gegenüber dem Pferd zu beweisen, schreibt die französische Zeitung "Le Matin" deshalb im Januar 1907 mit einer unscheinbaren Anzeige ein spektakuläres Rennen aus: "Gibt es jemanden, der in diesem Sommer im Automobil von Paris nach Peking fahren möchte?" locken die Redakteure furchtlose Abenteurer mit viel Geld und noch mehr Zeit.

Zwar mussten sie aus organisatorischen Gründen die Richtung wechseln, doch immerhin fanden sich elf Wagemutige, die am 10. Juni 1907 mit fünf Wagen in der chinesischen Hauptstadt an den Start gingen. Das stärkste Auto war der Itala von Fürst Scipione Borghese, der es immerhin auf 40 PS brachte. Das schwächste war der dreirädrige Contal mit sechs PS, der bereits kurz nach dem Start in der Wüste Gobi stecken blieb. Mit dabei waren außerdem zwei französische De Dion Boutons mit zehn und ein holländischer Spyker mit 15 PS.

Der Sieger tanzte erst noch in St. Petersburg

10.000 Meilen und 62 Tage nach dem Start in Peking erreicht ein von den Strapazen schwer gezeichneter Borghese als Erster Paris und wird von den Massen frenetisch gefeiert. Dabei war er sogar noch einen Umweg über St. Petersburg gefahren, um dort noch einen Ball zu besuchen. Seine Konkurrenten nehmen zwar den direkten Weg, brauchen aber trotzdem drei Wochen länger.

Mittlerweile sind die Straßen zwar weitgehend geteert, und allen politischen oder klimatischen Unwägbarkeiten zum Trotz halten sich die Risiken für Leib und Leben in Grenzen. Doch ein modernes Abenteuer ist es allemal, wenn Mercedes am 21. Oktober von Paris aus einen Tross mit 33 Autos auf Tour nach Peking schickt, um die Langstreckenqualität der frisch überarbeiteten E-Klasse unter Beweis zu stellen.

Den Aufwand treiben die Schwaben nicht ohne Not: "2006 ist für Mercedes das Jahr der E-Klasse", sagt Vertriebschef Klaus Meier. "Mit der neuen Generation haben wir das Herzstück der Marke grundlegend erneuert." Doch herrsht in Stuttgart die Sorge, dass der optisch moderate, aber technisch tiefgreifende Generationswechsel angesichts der vielen anderen Neuheiten nicht so wahrgenommen wird, wie es die Absatzplaner gerne hätten.

Marathon-Korso als vertrauensbildende Maßnahme

Deshalb hat Mercedes zum Verkaufsstart des überarbeiteten Modells nun die Neuauflage der Abenteuertour angekündigt, die zu einem der längsten Werbefeldzüge in der automobilen Neuzeit werden könnte. Schließlich sind die 33 Autos zusammen rund 450.000 Kilometer unterwegs. Allerdings gönnen die Schwaben ihren Fahrern weniger Zeit als sie die Pioniere vor 100 Jahren hatten: Statt in 62 Tagen will Mercedes den Tross nach 26 Tagen in Peking begrüßen. Ein Großteil der Plätze in den Autos sind für Journalisten, Prominente und für die wichtigsten Stammkunden, die Taxifahrer, reserviert. Doch auch für interessierte Autofahrer gibt es noch Mitfahrgelegenheiten. Wer im Oktober Tage Zeit hat, kann sich unter www.e-class-experience.com bewerben.

An den Start gehen 33 serienmäßige E-Klasse-Modelle, die als einzigen Tribut an die Strapazen mit dem für viele Länder ohnehin lieferbaren Schlechtwegepaket und zum Teil mit Allradantrieb ausgestattet werden. Weil die E-Klasse noch immer zu den meistverkauften Taxen zählt, werden einige Autos auch im klassischen "Hellelfenbein" auf die Strecke gehen, mit Leuchtzeichen auf dem Dach und Passagieren im Fond - und natürlich läuft das Taxameter. Mit etwas Glück geht das im Guinness-Buch als längste Taxifahrt der Welt durch. Unter der Haube steckt der neue 3,2-Liter-Diesel, der bei drei Fahrzeugen mit einem Harnstoff-Katalysator zum Bluetec-Motor aufgerüstet wird.

Wo bitte geht es nach Tschuwaschien?

Zunächst führt die Route über Stuttgart, Berlin, Warschau, die baltischen Hauptstädte Vilnius, Riga und Tallin nach St. Petersburg, wo auch Paris-Peking-Pionier Borghese eine rauschende Ballnacht gefeiert hat. Von der Zarenmetropole aus geht es weiter in den Osten, wo für die meisten Westeuropäer spätestens in Moskau die bekannte Welt zu Ende ist. Auf dem "Wolga Highway" sollen die Autos den Ural passieren und dann so exotische wie unbekannte Landschaften namens Tschuwaschien, Tatarstan oder Udmurtien durchqueren.

Durch Kasachstan führt die Route dann weiter in Richtung China. Von der alten Kapitale Almaty, die im Schatten des bis zu 5000 Meter hohen Tien-Shan-Berge als Zwischenziel und Wechselstation vorgesehen ist, führt die Route weiter, bis sie in die Seidenstraße einmündet. Auf ihr geht es weiter bis zur Großen Mauer und zum letzten Etappenziel in Lanzhou, wo der Tross zum ersten Mal den Gelben Fluss erreicht.

Die letzten 1900 Kilometer bis Peking geht es durch die Grasweiden der Inneren Mongolei, die Ausläufer der Wüste Gobi und weiter bis vor die Mauern der "Verbotenen Stadt" im Zentrum von Peking. Pünktlich am 17. November wird die Ankunft erwartet. Denn am Tag darauf die wichtigste chinesische Automesse eröffnet, und dort soll die Testflotte zur nationalen Premiere der neuen E-Klasse vorfahren.



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