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Fahrrad als LKW: Laster ohne Laster

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Nutzfahrzeug IAA: Am Rad gedreht Fotos
imago

Ist das Fahrrad der bessere Lkw? In der Stadt schon, findet der ökologische Verkehrsklub VCD und zeigt saubere Lastenräder, wo bisher nur laute und spritdurstige Nutzfahrzeuge parkten: auf der IAA in Hannover.

Fast lautlos rollt Lars Mittelstädt mit seinem Fahrrad-Taxi auf den Messestand der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover. "Ich hatte bestimmt die kürzeste Anreise", sagt der Unternehmer fröhlich. Nur zehn Kilometer sei es aus der Innenstadt bis zum Messegelände. Dann nimmt er ein Putzmittel aus seinem Velo-Kofferraum, streift sich Latex-Handschuhe über und bearbeitet Pedale und die Außenverkleidung seines Fahrrads mit Pril und Spiritus.

Lars Mittelstädt ist - das sagt er selber - ein Exot auf der Messe, die noch bis zum 2. Oktober läuft. Der 48-Jährige und sein Fahrrad sind umgeben von tonnenschweren Lkw, Bussen und Kleintransportern in den benachbarten Hallen. Der ehemalige Banker, genervt von seinem alten Job, sattelte vor fünf Jahren in die Fahrradbranche um. Nun präsentiert er sein "CycloCargo" am Stand des ökologisch orientierten Verkehrsklubs VCD, der noch weitere Lastenfahrräder ausstellt.

"Manchmal muss man dorthin gehen, wo sich nicht alle freuen, dass man da ist", sagt Wasilis von Rauch vom VCD-Projekt "Lasten auf Rädern". Die Aktion des alternativen Verkehrklubs zielt gegen den unnötigen Einsatz von Lastern und Transportern in Ballungsräumen, mit denen Hersteller wie VW oder Daimler fette Geschäfte machen.

Wenn es zum Beispiel nach den Plänen der Europäischen Union geht, dann soll es künftig mehr Leute wie Lars Mittelstädt geben: Im "Weißbuch Verkehr" spricht sich die EU-Kommission für eine CO2-freie Stadtlogistik bis 2050 aus. Nach einer Studie könnten 51 Prozent aller motorisierten Transporte in europäischen Städten auf Lastenräder verlegt werden.

20.000 Kilometer pro Jahr auf dem Lastenrad

Es ist Dienstagnachmittag, zwei Tage vor dem offiziellen Messestart. Auf dem VCD-Stand liegt noch Schutzfolie auf dem Boden. Gegenüber baut ein chinesischer Zulieferer für Lkw-Türschlösser seine Werbefläche auf. In Halle 24 kreist der Hammer, dröhnen Bohrmaschinen, nach und nach rollen die verschiedenen Lastenfahrräder auf die 80 Quadratmeter große Ausstellungsfläche.

Darunter ein Dreirad der Marke SpeedBike, das von privaten Postzustellern gerne verwendet wird, ein Gobax, besonders beliebt bei Pizza-Diensten und anderen Essenszustellern oder Lastenrad-Klassiker wie ein Bullit oder UrbanArrow.

Lastenfahrräder sind tatsächlich so etwas wie die Lkw in der Fahrradbranche: Ein normales Fahrradmuss nach DIN-Norm 120 Kilo verkraften. Lastenräder wie das Gobax sind für 200 Kilo und mehr ausgelegt. Damit das Rad dem höheren Gewicht Stand hält, sind viele Spezialteile verbaut, zum Beispiel verstärkte Speichen. Allein die Reifen bieten einen dreifachen Pannenschutz.

Anders als bei den großen Lkw-Herstellern und Zulieferern stehen am Stand des VCD keine Männer in schwarzen Anzügen und Krawatten herum. Die Fahrradszene ist vergleichsweise klein, hemdsärmelig und packt noch selber an.

Thomas Klotzbücher ist Produktmanager der Marke Gobax, er trägt ein T-Shirt und hat das Fahrrad seiner Firma selber mitentwickelt. Entstanden ist das Projekt in Tübingen. Deren grüner Oberbürgermeister Boris Palmer soll einen Bekannten mit einem Pizzadienst gefragt haben, ob er keine Alternative zu seinen stinkenden Rollern besäße. Der Pizza-Besitzer ist nun Miteigentümer des Fahrradherstellers Gobax.

Kunden von Gobax, darunter verschiedene Pizza-Ketten, fahren etwa 20.000 Kilometer im Jahr mit dem Rad - mehr als ein durchschnittlicher Autofahrer in Deutschland zurücklegt.

E-Motoren beflügeln den Trend

Dass zunehmend auch große Unternehmen auf Lastenräder umsteigen, liegt am Kostenvorteil - auch wenn gute Lastenräder mit einem Anschaffungspreis von 2500 bis 4000 Euro nicht billig sind. So kommt der VCD bei einem Lastenrad im Vergleich zu einem VW Polo 1.4 TDI auf eine jährliche Ersparnis von 3298 Euro. Große Zustelldienste wie DHL oder UPS fahren mittlerweile ihre Pakete mit dem Rad aus - auch in Hamburg kommt beim ersten Innenstadt-Ikea das "Billy"-Regal per Lastenfahrrad.

Der Trend zum zweirädrigen Packesel wird ausgerechnet von einer Technik beflügelt, welche die Politik vor allem in der Autoindustrie begrüßt: dem Elektromotor. "So kann ich locker 50 Kilo und mehr transportieren", sagt VCD-Mann Rauch.

Wie viele Lastenräder tatsächlich verkauft werden, darüber gibt es bisher keine gesonderte Statistik. Fakt ist jedoch, dass die Zahl der E-Fahrräder weiter steigt - darunter auch ein Großteil Lastenfahrräder. Erst im vergangenen Jahr wuchs der Markt der stromunterstützten Velos um acht Prozent auf 410.000 in Deutschland.

Auch das Taxi von Lars Mittelstädt rollt mit E-Unterstützung. Mittlerweile glänzt es zwischen den Lkw - nicht nur durch Politur, sondern auch von der Abgas-Bilanz. Wenn das Geschäft mit dem Rad irgendwann den Durchbruch schafft, "dann waren wir als Erste mit dabei", sagt Mittelstädt.

Amac Garbe / DLR

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insgesamt 68 Beiträge
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1.
benmartin70 26.09.2014
Sehr erfreuliche Entwicklung! Bin gespannt wann die ersten Nörgler hier auftauchen.
2. Stellplatz?
stefan.hemmer 26.09.2014
Angesichts der Dimensionen und des Gewichts von Lastenfahrrädern dürfte es für die meisten Stadtbewohner schon ein Problem sein, einen geeigneten Abstellplatz zu finden. Fahrradschuppen oder -keller kommen wohl eher nicht in Frage. Und öffentlich zugänglich möchte man sein durchaus mehrere Tsd. Euro teures Velo sicherlich auch nicht gerne über Nacht stehen lassen. Wird es also bald Fahrrad-Tiefgaragen geben?
3.
bartholomew_simpson 26.09.2014
Ausserhalb der Großstädte wurde vielerorts der radelnde Briefträger durch den Paketzusteller, der auch Briefe ausliefert, ersetzt. Ein stinkender Diesel, der nie abgestellt wird, rollt von Haus zu Haus, auch wenn nur ein paar Werbebriefchen zu verteilen sind.
4. Viel Glück!
QPDO 26.09.2014
Da kann man den Pionieren nur Viel Glück und Durchhaltevermögen schenken. Wenn jetzt noch der Preis für E-Motoren sinkt, und der Güternahverkehr umdenkt, dann steht dem Ganzen ein großer Boom bevor. Insbesondere wenn auch noch die Politik Anreize schafft. Das Allerbeste: Der Lastenradfahrer ist als Beruf nur schwer einzusparen, und trotzdem in einer Dienstleistungskultur als "blue collar" Arbeitsplatz wertvoll.
5. Einer unserer
rudi.waurich 26.09.2014
einheimischen Brauer hat sein Vorkriegs - NSU - Lieferfahrrad stilgerecht renovieren lassen. In die beiden Lastenträger vorne und hinten passen je eine Kiste Bier. Fotos, daß die 'Stiften' früher so in der Innenstadt das Bier ausgeliefert haben, existieren. Und das alles ohne Motor, Schaltung, richtige Bremsen und ähnlichen Schicki - Kram. Damals hatten die Siften noch Wadeln! :)
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...ist der Markenname einer wässrigen Harnstofflösung (32,5 Prozent Harnstoff), die zur Abgasreinigung von Dieselmotoren genutzt wird. Dabei wird die Harnstofflösung in den Abgasstrom eingespritzt, wo zunächst Ammoniak entsteht. In einem ebenfalls zum System gehörenden SRC-Katalysator (SRC = selective catalytic reduction) werden dann die Stickoxide in den Abgasen in einer chemischen Reaktion in Stickstoff und Wasserdampf umgewandelt. Der Adblue-Tank im Mercedes GLK fasst 27 Liter, der Verbrauch der Harnstofflösung beträgt weniger als ein Liter pro 1000 Kilometer. Aufgefüllt wird der Tank, ohne dass sich der Fahrzeughalter speziell darum kümmern muss, beim alle 25.000 Kilometer (oder einmal pro Jahr) stattfindenden Service in der Werkstatt.

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