Aus Le Mans berichtet Michail Hengstenberg
Morgens früh, irgendwann zwischen zwei und drei Uhr, entfalten die 24 Stunden von Le Mans ihre ganze Faszination. Fast die Hälfte des Rennens ist dann vorbei. Die ersten Autos sind längst ausgefallen. Fahrer, die in den ersten Stunden zu waghalsig waren, im Kampf um den Sieg zu viel gewagt haben, haben bei aufwendigen Reparaturen in der Box ihr Mütchen kühlen können. Morgens zwischen zwei und drei hat Le Mans seinen Rhythmus gefunden. Fans und Fahrer sind dann wie in Trance.
Man kann diesen Zustand eigentlich nur nachempfinden, wenn man ihn am eigenen Leib erlebt hat. Diese Mischung aus Euphorie und Erschöpfung, die alle erfasst hat. Fans, Fahrer und die Mechaniker, die in Angelstühlen zwischen den Boxenstopps versuchen, Minutenschlaf zu finden. Wann immer diese Szenen aus den Boxen über die Bildschirme an der Strecke flimmern, lösen sie ein unbestimmtes Gefühl der Solidarität aus. Erst mit der eigenen Müdigkeit als Gradmesser bekommt man eine Vorstellung davon, was Mensch und Maschinen hier leisten.
Jetzt plötzlich aufstehen und einen kompletten Hinterwagen tauschen? Oder eine Bremsscheibe wechseln? Oder aber mit 350 Stundenkilometern über die Hunaudières-Grade fliegen und trotzdem noch den richtigen Bremspunkt vor der Schikane finden? Undenkbar. Und trotzdem geschieht es. Es sind diese Stunden, in denen Le Mans plötzlich größer wird als ein Autorennen. Es wird dann ein Gefühl.
Im Tempel der automobilen Sinnlichkeit
Motorsport ist ein sinnliches Erlebnis und Le Mans ist der Tempel der automobilen Sinnlichkeit. 24 Stunden lang ist man von einem mehrere tausend PS starken Orchester umgeben, das unermüdlich und forte aufspielt. Dieses Jahr hat Le Mans aber auch gezeigt, dass ein großer Teil dieser Sinnlichkeit wohl verlorengehen muss, wenn der Rennsport zukunftsfähig werden will. Wenn sich Autos wie der Audi R 18 e-tron mit ihrem Turbodiesel-Hybrid durchsetzen (und die Überlegenheit dieser Autos beim diesjährigen Rennen deutet darauf hin).
Es wird den Charakter des Rennens nachhaltig verändern. Denn Le Mans ist vor allem, nachts ins Bett gehen zu wollen und doch immer wieder wie magnetisch angezogen an die Strecke zurückzukehren und durch den Zaun auf die Piste zu starren. Zu schauen, wie sich die Scheinwerfer ihren Weg durch die Nacht bohren und aus dem unbestimmten Heulen des Motors in der Ferne ein ganz konkreter, fahrzeugtypischer Gesang wird.
Die Corvettes, mit ihrem tiefen Grollen und Bollern, das man unter allen Autos heraushört. Es ist kein schöner Klang, es klingt eher nach Traktor als nach Rennwagen und ist trotzdem eindrucksvoll. Die Ferrari 458 Italia, die kreischen wie eine Kreissäge, die durch zu hartes Holz schneiden muss und deren Klang sich komplett verändert, in dem Moment, wo sie an einem vorbeigefahren sind - dann hört es sich jedes Mal an, als ob im Motor gleich alles auseinanderfliegt.
Bei den neuen Autos hört man - nichts
Die Porsche 911, deren Klang nichts mehr mit dem zu tun hat, was man sonst im zivilen Straßenverkehr als typischen Sechszylinder-Boxermotor-Klang abgespeichert hat. In Le Mans brüllen sie einfach nur ihr kraftvolles Lied. Und natürlich die V-8-Motoren der Prototypen der LMP1- und LMP2-Klasse, die je nach Rennstall und Motor brüllen, heulen oder kreischen. Und die beim Anbremsen auf eine Kurve immer wieder unverbranntes Benzin in den Auspuff rotzen, das dann dort unter einem infernalischen Knallen explodiert.
Man kann all das nicht nur hören, sondern auch fühlen. Bei den Audi R 18 mit ihren Dieselmotoren hört und fühlt man - nichts. Man sieht sie nur nahen mit einer Geschwindigkeit, die durch die Geräuschlosigkeit fast schon unwirklich wirkt. Am Ende, wenn sie fast schon vorbei sind, hört man doch noch ein Geräusch: Das Pfeifen des Windes.
Und auch beim Nissan Deltawing, der mit seinem 1,6-Liter Vierzylindermotor bei annähernd gleicher Geschwindigkeit die Hälfte verbraucht wie die Konkurrenz, hört man zwar etwas, aber diese ganzheitliche Erfahrung fehlt: Das Auto zu sehen, zu hören und in Bauch und Wirbelsäule zu spüren.
Dies ist kein Appell dafür, die Entwicklung wieder zurückzudrehen. Im Gegenteil, auch der Motorsport muss sich weiterentwickeln im Sinne einer Nachhaltigkeit. Und das Deltawing-Projekt hat bewiesen, dass man durch neue Ideen und Konzepte auch neue Begeisterung für den Motorsport erzeugen kann.
Es ist eher ein persönlicher Appell an alle, die die alte Sinnlichkeit von Rennen wie Le Mans noch mal erleben wollen. Denn irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft wird es leise werden in Le Mans. Wer das Rennen in seiner alten Form noch mal erleben will, sollte sich aufmachen, und zwar bald. Um einmal noch dabei zu sein, in dieser magischen Zeit zwischen zwei und drei Uhr morgens, wenn Le Mans seine ganze Faszination entfaltet.
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