LED-Scheinwerfer: Können diese Augen lügen?

Einen BMW, Mercedes oder Audi auch auf dunkler Straße als solchen erkennen? LED-Leuchten in Scheinwerfern sollen das möglich machen. Audi setzt jetzt beim R8 als erster Hersteller auf die markenspezifische Strahlkraft von Leuchtdioden.

Wenn die Nacht anbricht, reduzieren sich auch die größten und schönsten Automobile auf ein Paar weiße Scheinwerferaugen und rot leuchtende Rücklichter. Jedes klassische Design-Highlight erlischt in der Dunkelheit nächtlicher Straßen, von dynamischen Dachlinien, markanten Kühlergrillen oder gar Markenzeichen wie dem Mercedes-Stern, den Audi-Ringen oder dem bayerisch gefärbten BMW-Logo ist nichts mehr zu erkennen.

Ein Zustand, der die Automobilindustrie nicht zufrieden stellen kann: Kostet doch heute die Entwicklung eines neuen Modells rund 500 Millionen Euro, und bei der Vermarktung spielt vor allem die äußere Gestalt eine entscheidende Rolle. Die meisten Autofahrer nennen "Design" heute als wichtigsten Grund bei der Kaufentscheidung. Und dann sollen die teuren Investitionen unerkannt über die Straßen rollen?

Nun scheint Licht am Ende des Tunnels, neue Technik soll Scheinwerfer zu unverwechselbaren Visitenkarten des betreffenden Autos auch bei Nacht machen. Dank Leuchtdioden können sich Designern künftig große Freiheiten beim Gestalten von Frontscheinwerfern nehmen. Bislang wird das Abblendlicht von einer einzigen Lichtquelle erzeugt, von einer Halogen- oder Xenon-Lampe. Großen Spielraum beim Design ergibt das nicht – eine Birne bleibt eine Birne. Bei LED-Scheinwerfern hingegen wird das Licht in mehreren Dutzend kleinen Dioden erzeugt, die in vielfacher Anordnung hinter dem Scheinwerferglas platziert werden können.

"Dadurch ergeben sich für die Autohersteller nahezu unendlich viele Möglichkeiten, ein charakteristisches Design ihrer Scheinwerfer zu entwerfen", sagt Klaus Matauschek vom Reutlinger Licht-Spezialisten Automotive Lighting. "Da kann man alle möglichen Arten von dreidimensionalen Lichtskulpturen schaffen."

Audi ist jetzt der weltweit erste Hersteller, der auf die Strahlkraft dieser Technik setzt. Beim neuen R8 können optional LED-Scheinwerfer geordert werden, bei denen die Leuchtdioden in Form von "sich öffnenden Pinienzapfen" angeordnet sind, wie es Audi-Sprecher Josef Schloßmacher beschreibt. "Das ist ein ganz markantes optisches Merkmal." Die Ingolstädter haben bereits Erfahrungen mit charakteristischem LED-Design gemacht. Beim A6 Avant sind die Rücklichter in Audi-typischer Ring-Optik gestaltet, ein Hingucker, "der bei unseren Kunden hervorragend ankommt", wie Schloßmacher sagt.

Nun wird mit dem R8 erstmals ein Auto mit LED-Abblendlicht unterwegs sein. Und ab Mitte 2007 geht der zweite Vertreter mit neuem Dioden-Design an den Start, Lexus will sein Flaggschiff LS 600 mit den kleinen Leuchtkörpern bestücken. Um aber das Abblendlicht mit Hilfe von LEDs zu gestalten, mussten Audi und Lexus eigens Sondergenehmigungen der EU für den Straßeneinsatz der LED-Scheinwerfer einholen. Denn bislang galt die Technik als zu wenig ausgereift.

Kleine Lampen, großer Verbrauch

Auch in Bezug auf die Wirtschaftlichkeit. Denn obwohl Audi-Chef Martin Winterkorn schwärmt, die Leuchtkraft der neuen Augen des prestigeträchtigen Sportwagens R8 übertreffe herkömmliche Xenon-Lichter um "eine Dimension", gelten die kleinen LED-Lämpchen doch noch als große Strom- und Spritfresser.

LED-Abblendlichter hätten mit etwa 70 Watt den doppelten Energiebedarf von Xenon-Gasentladungslampen, erklärt Roland Lachmayer vom Scheinwerfer-Lieferanten Hella im SPIEGEL. Mit dem höheren Strom- steigt auch der Spritverbrauch, um bis zu 0,3 Liter pro 100 Kilometer haben Experten von Mercedes errechnet. Doch das könnte sich bald ändern. So sagt Klaus Matauschek vom Scheinwerfer-Hersteller Automotive Lighting, dass bereits "in zwei bis drei Jahren die Lichtausbeute pro Watt deutlich verbessert sein wird", dann werde man „keinerlei Energienachteile“ mehr durch den Einsatz von LED-Leuchten haben.

Die Hersteller versprechen sich dann große Vorteile vor allem auch in Sachen Sicherheit. Die LED-Leuchten erzeugen demnach ein besonders helles und weißes Licht, das annähernd Tageslichtqualität erreichen soll und dem Autofahrer ein besseres Bild der nächtlichen Straße vor Augen führen soll. Außerdem ist die Lebensdauer von Leuchtdioden länger als die der Fahrzeuge selbst, durchgeknallte Lampen und damit "einäugige" Autos wird es also kaum noch geben.

Stern im Auge

Und eben auch die Designer können sich freuen. Denn die Scheinwerfer gelten gemeinhin als Augen des Autos, als markantes Zeichen, als markenbildend – und damit als eines der entscheidenden Designmerkmale eines Fahrzeugs. Nicht umsonst versuchen die Hersteller, über die Gestaltung dieser "Augen" im Zusammenspiel mit Kühler und Stoßstange ihren Modellen einen freundlichen, aggressiven oder forschen Gesichtsausdruck zu geben. Mit LED-Leuchten eröffnen sich da ganz neue Möglichkeiten. "Im Prinzip kann man mit der entsprechenden Zahl von Leuchtdioden auch einen Mercedes-Stern oder die Audi-Ringe im Frontscheinwerfer nachbilden", sagt Lampenexperte Klaus Matauschek. Und dann könnte man endlich auch auf nächtlicher Straße erkennen, welches Markenmobil einem gerade entgegen kommt.

wes

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